Das starke Mittelmass

Nur die wenigsten Stiftungen sind gross und vermögend. Viel häufiger stehen Stiftungsräte vor der Herausforderung, den gemeinnützigen Zweck mit knappsten Ressourcen zu erfüllen. Aber: genau diese Stiftungen sind Garanten für gesellschaftliche Vielfalt.

Stiftungen blicken auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück. Schon in der Antike wurden Stiftungen zum Unterhalt von Denkmälern für einzelne Personen errichtet. Im Mittelalter wurden mit Stiftungen Armenhäuser, Spitäler und Waisenheime unterstützt, um das eigene Seelenheil zu fördern. Und in der Neuzeit dienten Stiftungen dem sozialen Aufstieg in der neu entstehenden Bürgergesellschaft. Die meisten dieser Stiftungen gestern und heute waren nicht besonders vermögend oder gross, nur wenige – wie z.B. das Inselspital in Bern – überdauerten die Zeiten und existieren bis heute. Dennoch werden Stiftungen landläufig als sehr vermögende und auf Ewigkeit bestehende Institutionen beschrieben, und von der Annahme dieses unermesslichen Reichtums ist es nicht mehr weit zur Angst vor Machtkonzentrationen und übermässigem – ökonomischem wie politischem – Einfluss. Dieses auf Mythen und Vorbehalten aufbauende Argumentationsmuster ist mittlerweile fester Bestandteil der Kritik an Stiftungen im allgemeinen geworden. Die wenigen vermeintlichen «Nachweise» für dieses Missverständnis – an der internationalen Spitze die Bill and Melinda Gates Foundation, in der Schweiz z.B. die Jacobs Foundation – bestimmen das Bild der Stiftung in der Öffentlichkeit. Ein Blick auf die tatsächlichen Zahlen sagt aber etwas ganz anderes.

Atomisierung

Das Stiftungswesen als Ganzes ist hochgradig atomisiert und heterogen. Von den gut 13 000 gemeinnützigen Stiftungen in der Schweiz haben 80 Prozent ein Vermögen von unter CHF 3 Mio. In Deutschland liegt dieser Wert sogar noch tiefer, bei gerade einmal EUR 300 000. In einer Untersuchung von 2680 Stiftungen unter kantonaler Aufsicht in sieben Kantonen (AG, GE, NE, SG, TG, TI, VD) bestätigen sich diese Schätzwerte. Das Gesamtvermögen dieser Stiftungen beläuft sich im Jahr 2014 auf CHF 14,9 Mrd. Schaut man sich die Verteilung an, dann entfallen 2 Prozent des Gesamtvermögens auf eine Hälfte der Stiftungen und 98 Prozent auf die andere Hälfte der Stiftungen (siehe Abbildung). Die unteren 50 Prozent der Stiftungen haben ein Vermögen von unter CHF 717 352, während nur die obersten 10 Prozent mit einem Stiftungsvermögen von mehr als CHF 10 522 143 als «gross» bezeichnet werden können. Es ist ein Fehler, sich im öffentlichen Diskurs nur auf diese wenigen grossen Stiftungen zu fokussieren, denn immerhin beläuft sich das Vermögen der kleinen und mittleren Stiftungen in dieser Übersicht auf CHF 1,37 Mrd.!

 

 

Herausforderungen kleiner und mittlerer Stiftungen

Während sich bei den grossen Stiftungen oft nur die Herausforderung stellt, wie man das Geld sinnvoll ausgibt, stehen die anderen Stiftungen vor ganz anderen, unmittelbareren Problemen.

Ehrenamt Stiftungsrat

In kleinen und mittleren Stiftungen steht ausser Frage, dass der Stiftungsrat ehrenamtlich tätig ist und in aller Regel auch keine Spesenentschädigung erhält, denn die finanziellen Möglichkeiten der Stiftung geben etwas anderes gar nicht her. Gleichzeitig ist dieser Stiftungsrat aber sehr viel stärker in der operativen Verantwortung, da auch eine Geschäftsführung o.ä. fehlt. Die Führung der Stiftung geschieht daher oft am Feierabend und wird folglich auf das Mindeste beschränkt. So fehlt dem Stiftungsrat die Zeit, langfristige Planungen zur Fördertätigkeit, aber auch zu Fragen wie Nachwuchsplanung oder Vermögensbewirtschaftung anzustellen.

Niedrige Erträge

Seit zehn Jahren leiden gerade die kleinen und mittleren Stiftungen unter dem Verfall der Zinsen an den Finanzmärkten. Da sie aufgrund ihrer geringen Vermögen nicht in der Lage sind, in risikoreiche Anlageklassen zu investieren, beschränkt sich die Auswahl auf festverzinsliche Wertschriften, Obligationen und gegebenenfalls auf konservative Aktienfonds. Der zumeist bestehende Zwang zum Vermögenserhalt führt zu einem risikoaversen Anlageverhalten, was in der Folge zu geringen Erträgen führt. Damit sinken die oftmals schon bescheidenen Mittel für die Zweckerfüllung, da gleichzeitig die Kosten für Aufsicht und Revision in den letzten Jahren deutlich gestiegen sind.

Komplexere Regulierung

Wie in allen Gesellschaftsbereichen wird das Stiftungswesen heute deutlich stärker reguliert als noch vor zwanzig…