Das schwerelose Leben, der alte Traum

Freiheit vom Zwang zur Arbeit? Diese Grundidee des bedingungslosen Grundeinkommens erfreut sich in allen Parteien wachsender Popularität. Dabei fusst sie auf einer Kritik an der Lohnarbeit, die hoffnungslos veraltet ist.

Wie viel wollen wir arbeiten und wie viel arbeiten wir, wenn man uns den Entscheid selbst überlässt? Sobald es um Fragen der beruflichen Betätigung geht, sind die politischen Diskussionen von etlichen Irrationalitäten geprägt. Ganz schön lässt sich dies beispielsweise in den AHV-Diskussionen erkennen. Trotz fundamentaler Veränderungen der demographischen Rahmenbedingungen weigern sich Linke und Gewerkschaften beharrlich, bei einer Erhöhung des Rentenalters auch nur ein bisschen nachzugeben. Eigentlich seltsam. Denn eine solche dogmatische Haltung unterstellt, dass der Menschheit nichts Besseres geschehen könnte, als die Menschen möglichst rasch aus dem Arbeitsleben zu evakuieren.

Blicken wir zurück, so stellen wir fest: Die Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse zur Zeit der Industrialisierung waren erbärmlich. Arbeitstage von 12 Stunden waren die Norm, Kinderarbeit war weitverbreitet. Ohne Zweifel haben die Gewerkschaften entscheidend dazu beigetragen, dass diese Zustände geändert haben. Mit ihrem Einsatz für bessere Arbeitsbedingungen und kürzere Arbeitszeiten haben sie nicht nur das Schicksal der Arbeiter verbessert, sondern in wesentlichem Masse dazu beigetragen, dass sich die industrialisierenden Nationen zu den heutigen Wohlstandsgesellschaften entwickelten und alle Bevölkerungsschichten an diesem geschaffenen Wohlstand teilhaben konnten.

Die Unternehmer befanden sich während der Industrialisierung in einer klassischen sozialen Dilemmasituation. Speziell wenn sie Konsumgüter wie beispielsweise Kleider oder Haushaltsgegenstände produzierten, hatten sie ein unmittelbares Interesse daran, dass ihre Unternehmerkollegen den Arbeitern in deren Fabriken möglichst gute Löhne zahlten und diesen möglichst viel Freizeit offerierten. Menschen mit Geld und Freizeit werden dann als Konsumenten aktiv, und das steigert die Umsätze des Konsumgüterfabrikanten. Von der Kostenseite her hatte der gleiche Unternehmer aber auch stets ein Interesse daran, die Fixkosten zu senken, d.h. seinen Arbeitern möglichst geringe Löhne zu zahlen und sie auch möglichst lange arbeiten zu lassen. Weil fast alle Unternehmer so dachten, darbte die Arbeiterklasse mit überlangen Arbeitstagen in den Fabriken, und die Wohlstandsgesellschaft blieb lange in den Startpflöcken stecken.

In dieser Situation kam den Gewerkschaften eine wertvolle Aufgabe zu. Es brauchte sie, um die Unternehmer zu kon­trollieren. Mit dem Streikrecht als Waffe konnten sie Verstösse gegen die sozialpartnerschaftlichen Abmachungen sanktionieren. Die gewerkschaftlichen Aktionen verschoben also die Gewichte: Die externen Kosten, welche egoistische Unter­nehmer verursachten, wurden durch die
gewerkschaftlichen Kampfaktionen internalisiert. Unternehmer dagegen, die sich zurückhielten in der Ausbeutung der Arbeiter, wurden in ihrem Verhalten belohnt. So weit, so gut.

Arbeit und Ausbeutung

Im zähen Einsatz der Gewerkschaften für möglichst wenig Arbeit schimmert bis heute die marxistische Auffassung durch, die den Kampf der Gewerkschaften zur Zeit der Industrialisierung ideologisch begleitete. Zur Rekapitulation: in der marxistischen Analyse besteht ein scharfer Gegensatz zwischen den Arbeitern, die über keine Produktionsmittel verfügen, und den Kapitalisten, die im Besitz der Produktionsmittel sind. Diese unterschiedliche ökonomische Ausgangslage zwingt nach orthodoxer Lehrmeinung die Arbeiter, nur schon aus Gründen des Überlebens, in ein Abhängigkeitsverhältnis gegenüber den Kapitalisten; die Arbeiter müssen ihre Arbeitskraft verkaufen, das dabei erzeugte Produkt wird von den Kapitalisten angeeignet. Dieser Prozess ist für sie ausbeuterisch, da der Wert des von den Arbeitern erzeugten Produkts grösser sein soll als der Lohn, den die Kapitalisten den Arbeitern zahlen.

In der kommunistischen Utopie ist folgerichtig das Reich der Freiheit erst dann erreicht, wenn die Produktionsmittel in die Hände der Arbeiter überführt worden sind. Das ist die grosse Synthese. In diesem Stadium verfügt jeder über Produktionsmittel, arbeiten ist dann nicht mehr notwendig. In diesem Stadium kann «jeder nach seinen Fähigkeiten, jeder nach seinen Bedürfnissen» leben (Marx). So weit die Theorie. Diese Analyse mag in einer Zeit, die durch das damals neuartige Phänomen der Industrialisierung geprägt war, eine gewisse Plausibilität gehabt haben. In den modernen Dienstleistungsgesellschaften ist sie aber definitiv überholt.

Loyalität und Engagement

Die moderne Gesellschaft ist durch einen hochproduktiven landwirtschaftlichen und industriellen Sektor charakterisiert. Die hohe Produktivität in diesen Sektoren bildet die Basis für den heutigen Wohlstand. Die Produktivitätssteigerungen seit der Industrialisierung sind dabei weitestgehend den technologischen Neuerungen zu verdanken. Diese haben ermöglicht, dass Maschinen immer komplexere Arbeiten und Arbeitsgänge ausführen konnten. Notwendig war aber auch, dass das Personal vorhanden war, das die notwendige Ausbildung besass, solche Maschinen zu entwickeln, sie zu bedienen und zu warten. Bildung als Investitionen in das Humankapital ist eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung der Produktivität.

Der technologische Fortschritt brachte es mit sich, dass sich die Ansprüche der Unternehmer an die Arbeit grundlegend geändert haben. In einer Gesellschaft wie der unsrigen, in der die einfache, repetitive Arbeit weitgehend verschwunden ist, bekommt die Lohnarbeit einen ganz anderen Stellenwert. Für den Arbeitgeber ist nicht mehr massgebend, was der Angestellte gemessen an einem vordefinierten, quantitativ messbaren Plan vollbringen kann. Solche Arbeiten kann auch ein Fertigungsroboter erledigen. Wesentlich ist, was der Angestellte flexibel, unkontrolliert und kreativ zu leisten vermag. Mit solchen Eigenschaften hebt sich der moderne Angestellte von Maschinen und von seinen historischen Vorgängern ab. Die Fähigkeit der Mitarbeiter, auf ungeplante und ungewohnte Situationen zu reagieren, ist vor allem unter Wettbewerbsbedingungen ein zentraler Erfolgsfaktor. Es sind solche Mitarbeiter, die es dem modernen Unternehmen ermöglichen, sich von der Konkurrenz abzuheben und einen Wettbewerbsvorsprung zu erreichen.

Die moderne Anforderung an die Angestellten, flexibel zu arbeiten und kreative Arbeit zu leisten, widerspricht dem klassischen Bestreben der Arbeitgeber, möglichst genau zu kontrollieren, was die Angestellten leisten. Kontrolliert werden kann eine Zielerfüllung. Diese setzt einen ursprünglichen Plan voraus. Jede A-priori-Planung wird aber über den Haufen geworfen, wenn unerwartete Faktoren auftreten und Flexibilität gefordert ist. Dieser Widerspruch stellt die heutige Arbeitswelt vor eine interessante Frage: Wie kann ein Unternehmen seine Angestellten dazu verpflichten, am Unternehmenserfolg zu arbeiten, wenn es nicht kontrollieren kann, was sie leisten?

Selbstverständlich muss das Unternehmen seinen Angestellten einen Lohn zahlen, der von ihnen als gut und fair empfunden wird. Doch monetäre Anreize allein sind nicht nachhaltig. Ein gering besserer Lohn eines Konkurrenzunternehmens würde in diesem Fall die Angestellten dazu bringen, den Arbeitgeber zu wechseln. Ein Unternehmen kann seine Angestellten also nur dazu bringen, nachhaltig im gewünschten Sinn für das Unternehmen zu arbeiten, wenn es deren Loyalität gewinnt. Loyalität aber kann nicht vertraglich vereinbart und eingefordert werden. Loyalität ergibt sich aus einem gelungenen Austauschverhältnis: Die Angestellten geben ihre Loyalität, wenn im Gegenzug ihr Potential vom Arbeitgeber erkannt und gefördert wird.

Auf diese Weise hat sich das ursprünglich antagonistische Verhältnis zwischen Unternehmer und Arbeiter zur Zeit der Industrialisierung in ein partnerschaftliches Verhältnis in der modernen Arbeitswelt gewandelt. Moderne Arbeitgeber müssen, wenn sie erfolgreich sein wollen, das Potential ihrer Angestellten zur Entfaltung bringen. Und wo die Angestellten sich in ihrer Arbeit und durch ihre Arbeit entfalten, sind sie intrinsisch motiviert. Sie empfinden die Tätigkeit selbst als belohnend, ganz unabhängig davon, dass sie für ihre Arbeit bezahlt werden.

Auf diesen Zusammenhang zwischen Mitarbeitermotivation, Innovationsfähigkeit und nachhaltigem Unternehmenserfolg im Wettbewerb legte der Ökonom und Vater der modernen Managementtheorie Peter Drucker besonderen Wert. Die Richtigkeit dieses Zusammenhangs wird indirekt durch jene Unternehmen bestätigt, die diesen Zusammenhang ignorieren. Das Gallup-Institut gibt regelmässig einen «Engagement-Index» bekannt, der über die Motivation und Loyalität der Arbeitnehmer Auskunft gibt. Gemäss dem «Engagement-Index 2010» wiesen 89 Prozent der Arbeitnehmer in Deutschland ein minimales persönliches Engagement am Arbeitsplatz aus, wenn sie nur «Dienst nach Vorschrift» machen. Das Gallup-Institut schätzt die Kosten, die den Unternehmen in Deutschland durch solch schwache Mitarbeiterbindung, Fluktuation, hohe Fehlzeiten und niedrige Produktivität entstehen, auf 100 Milliarden Euro. Als häufigste Begründung für ihre niedrige Motivation nennen die betroffenen Personen – aufgepasst! – «mangelnde Aufmerksamkeit und Anerkennung von Seiten der Vorgesetzten». Die demotivierten Angestellten sehen sich nicht ausreichend und regelmässig gefördert und empfinden, dass ihre Meinung kein Gewicht habe.

Grundeinkommen?

Statt nun diesen Missstand zu beheben, indem an Konzepten gearbeitet wird, die die Partnerschaft zwischen Unternehmer und Angestellten stärkt, arbeiten Linke und Gewerkschaften – in romantischer Zweisamkeit – an einer Umgehung jedweder Arbeitsmotivationsprinzipien: Sie fordern ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE). Die Idee dieses BGE für alle beinhaltet dabei die althergebracht-radikale Kritik an der Arbeit, die oben angeführt wurde. In gewisser Weise der marxistischen Utopie verpflichtet, erlöst – so die Befürworter – ein BGE die Menschen vom Zwang zur Arbeit und weist demnach einen Weg in das Reich der Freiheit. Interessant ist zunächst, dass diese Idee auch in liberalen Kreisen einen gewissen Rückhalt besitzt. Einer der Gründe für den Reiz, den das BGE auf Liberale ausübt, dürfte sein, dass Milton Friedman mit seinem Konzept der negativen Einkommenssteuer ein bedenkenswertes Finanzierungskonzept zur BGE-Diskussion beisteuerte. Ein anderer Grund ist, dass mit einem BGE alle anderen Formen von Sozial- und Unterstützungsleistungen eliminiert werden könnten. Das System der Transferleistungen würde somit transparenter und effizienter, auch könnten auf diese Weise eine Reihe von unerwünschten Fehlanreizen beseitigt werden.

Aber: das BGE steht auf unsicherem Grund. Die BGE-Diskussion geht bis heute davon aus, dass Wohlstand schon vorhanden ist, und schlägt einen in gewissen Punkten durchaus freiheitlichen Weg vor, diesen Wohlstand neu zu verteilen. Doch wie der zu verteilende Wohlstand zustande kommt, dazu sagt das BGE nichts aus. Genau darin liegt die Gefahr dieses Modells.

Richtig ist: der Wohlstand einer Gesellschaft in einem bestimmten Zeitpunkt ergibt sich primär aus der Wertschöpfung, die in der vorangegangenen Zeitperiode geleistet worden ist. Wird mehr gearbeitet, so steigt der Wohlstand, wird effizienter gearbeitet, dann ebenfalls. Wo die Existenz des Individuums von der Gesellschaft in jedem Moment garantiert ist, entfällt der Zwang zur Arbeit. In einem solchen Fall wird nur noch bedingt gearbeitet, dann nämlich, wenn der Nutzen der Arbeitstätigkeit, die intrinsische und monetäre Belohnung, grösser ist als die Kosten der Arbeit, z.B. das Leiden an der Fremdbestimmung oder die entgangene Freizeit. In jedem Fall wird weniger gearbeitet und entsprechend wird weniger Wohlstand erarbeitet. Eine Gesellschaft mit BGE ist also als ganze immer ärmer als eine Gesellschaft, in der ein gewisser Arbeitszwang besteht.

Der innere Antrieb

Die Einführung eines BGE führt zu einer bedenklichen Gewichtsverlagerung. In einer solchen Konstellation hat die Gesellschaft die unbedingte Verantwortung, die Existenz aller ihrer Mitglieder zu sichern, während gleichzeitig die Individuen ihrer Verantwortung für die Gesellschaft enthoben sind. Die Individuen können zu dem gesellschaftlichen Wohlstand beisteuern, müssen aber nicht. Die in einer komplexen Gesellschaft sowieso schon schwierig nachzuvollziehende Wechselwirkung zwischen individuellem Beitrag und gesellschaftlichem Wohlstand wird also zusätzlich vernebelt. Überspitzt formuliert führt das BGE zu einem Recht auf unbedingten Konsum und in logischer Konsequenz zu einem Anrecht auf Schmarotzertum. Ob eine solcherart verfasste Gesellschaft in der Lage ist, die zukünftigen Herausforderungen wie globales Bevölkerungswachstum oder Überalterung zu bewältigen, darf bezweifelt werden.

Im Gegensatz dazu scheint mir eine Gesellschaft viel besser aufgestellt, die nicht «grosszügig» auf den Arbeitsbeitrag eines bestimmten Bevölkerungssegments verzichtet, sondern in der ein gesellschaftlicher Konsens darüber besteht, dass alle ihren Beitrag leisten, um den Wohlstand zu mehren und die gesellschaftlichen Pro­bleme zu bewältigen. Wie im betrieblichen Kontext ist auch im gesellschaftlichen Rahmen der Wert der Arbeit hochzuhalten. Die Menschen finden enorme Befriedigung, wenn sie ihr Potential umsetzen, wenn sie Wirkung entfalten und Werte schaffen können. Diesen inneren Antrieb gilt es zu nutzen, statt ihn auszuhebeln.

Es geht dabei nicht nur um den einzelnen, es geht auch um das soziale Gefüge, in dem sich der einzelne bewegt. Es ist das Zusammenspiel verschiedenster Fähigkeiten, das den Wohlstand, den wir heute erleben, möglich gemacht hat. Die Arbeitswelt ermöglicht dies, indem sie den einzelnen die richtigen Anreize setzt, indem sie nachhaltig Leistungsbereitschaft und Kreativität belohnt. Es gab und gibt genug Experimente, die die Gesellschaft auf andere Fundamente stellen wollten. Speziell das Scheitern des sozialistischen Gesellschaftsmodells ist ein klarer Hinweis auf die Richtigkeit dieses liberalen Leitgedankens: seine grosse Stärke liegt darin, dass er die ursprünglichste Triebfeder für menschliche Tätigkeit, den Wunsch, Wirkung zu zeigen und Werte zu produzieren, als Antrieb für die wirtschaftliche und damit auch die gesellschaftliche Entwicklung eingesponnen hat. Damit konnte die Gesellschaft eine unerschöpfliche Quelle menschlicher Energie für die Weiterentwicklung aller mobilisieren.

Die Frage, wie viel und wie lange wir arbeiten müssen, ist also eine Frage, die der Vergangenheit angehört. Viel wichtiger ist die Frage, wie wir die produktive, die wertschöpfende Arbeit gestalten müssen, damit die Menschen in ihr und mit ihr Befriedigung finden. Die Zukunft wird denjenigen Gesellschaften gehören, die diese Frage am besten beantworten können. Wenn die politischen Vorstösse umgesetzt werden, die gegenwärtig zu diesem Thema auf dem Parkett sind, so wird unsere Gesellschaft wohl nicht dazugehören.

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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