Das Reich des Guten bahnte sich lange an
Benjamin Loy, zvg.

Das Reich des Guten bahnte sich lange an

Michel Houellebecq, das Enfant terrible der französischen Literatur, kennt jeder. Doch er hatte einen Lehrmeister, der den Moralismus von heute schon in den 1990er Jahren vorhersah: Philippe Muray.

 

«Nehmen wir an, Philippe Muray sei eine Maschine, die man mit (manchmal realen, von den Medien oft hochgespielten) Fakten speist und aus der dann Deutungen treten. Diese Deutungen leiten sich aus einer kohärenten Theorie her, die besagt, dass ein neuartiger, sanfter Terror starken Aufwind hat» – so beschrieb Michel Houellebecq 2003 in einem in «Le Figaro» erschienenen Essay den von ihm so bewunderten Freund und Kollegen Philippe Muray, der nur drei Jahre später in Paris im Alter von 60 Jahren einer Lungenkrebserkankung erliegen sollte. Wer war dieser Mann, den Houellebecq für «einen der grossen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts» hielt, und was hat er uns heute zu sagen?

Der neue Terror des «Wohlbefindens»

Muray war ein Radikaler. Weniger im politischen als im literarischen Sinne. Und möglicherweise einer der schärfsten Beobachter der französischen Gesellschaft seit Balzac und Baudelaire, die – wenig überraschend – seine beiden grossen Vorbilder waren. Erst kürzlich erschien mit «Das Reich des Guten» (Matthes & Seitz, 2020) erstmals ein Teil aus dessen mehrere tausend Seiten starkem Essaywerk auf Deutsch. «Es ist ein grosses Unglück, in so furchtbaren Zeiten zu leben. Aber es ist ein noch schlimmeres Übel, nicht wenigstens einmal spasseshalber zu versuchen, sie an der Gurgel zu packen», fasste Muray seine Haltung zur Welt des ausgehenden Jahrtausends zusammen. Diese war für den 1945 als Sohn eines Übersetzers im westfranzösischen Angers geborenen Autor von einer geradezu anthropologischen Wende, vom Erscheinen eines neuen Menschentypus geprägt: des Homo festivus. Diese Art feierwütiger Wiedergänger von Nietzsches «letztem Menschen» bevölkere mit zunehmendem Erfolg das Zeitalter der Posthistoire, in der alle ideologischen Schlachten geschlagen seien und es – in schöner Inversion des Marx’schen Diktums – nunmehr allein darum gehe, «die Welt nicht mehr zu verändern, sondern sie zu schützen».

Der letzte Mensch, er feiert den Status quo. Und Muray erkannte in seinem 1991 erschienenen Essay «Das Reich des Guten» vor allen anderen, dass hier etwas stirbt: das Politische und das Individuum nämlich auf dem Altar einer auf totalen Konsens und Transparenz ausgerichteten Gesellschaft, in der jegliche Abweichung moralisch strengstens geahndet wird. Tatsächlich lesen sich Murays Beobachtungen der französischen Gesellschaft der frühen 1990er Jahre für den heutigen Leser wie ein langes Vorspiel der permanent tagenden Moralgerichtshöfe unserer Gegenwart, wenn er satirisch die Reueshows ehebrüchiger Politiker auf allen Kanälen, die Zensurbestrebungen von Musik und Filmen mit «sexuell impliziten Inhalten» oder die Rufmordkampagnen gegen Künstler wegen Jahrzehnte zurückliegender Verfehlungen zu einem Panorama einer sich an ihrer eigenen kollektiven «Straflust» berauschenden Gesellschaft verbindet. Letztere ist für Muray nur die Kehrseite des neuen herrschenden Affektregimes, nämlich eines «Terrorismus des Wohlbefindens».

Präzise beschreibt Muray die sich zunehmend totalitär gebärdenden Wellness- und Achtsamkeitsimperative der aufziehenden «Zivilisation der Prophylaxe», in der es Unvorhergesehenes nicht mehr geben wird – «wir könnten ja krank davon werden» – und das höchste Ideal ein Leben in permanenter Magerstufe ist. Zugleich regiert die Infantilisierung und Eventisierung aller Lebensbereiche und der Kultur im Speziellen, wo der Partyterror des festivisme und die Bereitschaft zur kollektiven Dämlichkeit besonders ausgeprägt sind, oder wie Muray es formuliert: «Alle Gehirne sind Kolchosen. Wie früher die Partei hat heute die Leidenschaft immer recht und heimst sämtliche Tugendtrophäen ein.»

«Muray diagnostizierte die Entstehung des neuen Bobo,

bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde.»

Für die Linken ist er heute ein Verräter

Es wird kaum überraschen, dass seine ätzenden Gesellschaftskritiken dem Autor die Feindschaft der linksliberalen Zirkel der Republik einbrachten. Womöglich auch deshalb, weil Muray, der in den 1960er und 1970er Jahren selbst in den linken Dunstkreisen der legendären Pariser Avantgarde-Zeitschrift «Tel Quel» unterwegs gewesen war, in seinen Essays schon früh die Sackgassen einer politischen Linken erkannt hatte, die mit der Entfremdung von ihrer alten Arbeiterklientel und der Fixierung auf identitätspolitische Feldgewinne fleissig an ihrer Selbstabschaffung werkelte. Im Jahr 2002 machte ihn der Pariser Journalist Daniel Lindenberg in einem in Frankreich heftig debattierten Buch neben Figuren wie Houellebecq oder dem Philosophen Alain Finkielkraut zum Teil einer Gruppe von «neuen Reaktionären».

Der Schuss ging, wie Houellebecq später feixte, nach hinten los, hatte Lindenberg doch mit seinem wenig überzeugenden Text lediglich erreicht, einer Reihe von bis dato einer breiteren Öffentlichkeit eher weniger bekannten Autoren wie eben Muray oder seinem Kollegen Maurice Dantec eine ungeahnte Publicity zu verschaffen. Und selbst wenn Muray hiernach bisweilen mit dem Label des Reaktionärs kokettierte, hatten sein Denken und Schreiben damit denkbar wenig zu schaffen. Ein dunkler Irrationalismus oder gar die Idee einer organischen Gesellschaft waren Muray ebenso fremd wie das in der zeitgenössischen Rechten so verbreitete Jammern über den Verlust einer vermeintlich idealen Vergangenheit. Vielmehr bestimmte das Denken des Autors – auch darin war er Baudelaire aufs engste verwandt – ein zutiefst skeptisches Bild vom Menschen an sich, der für Muray hinter den Vitrinen der schönen neuen Gegenwart doch immer nur das alte Monster blieb. Der Aufdeckung dieses Widerspruchs bzw. der Zumutung dieser Verschleierungsdiskurse galt Murays ganze Energie: «Was genau geschieht unter dieser Lackschicht, der Glasur aus Reinheit und verzuckerten Understatements, unter dem süsslichen Zuckerguss der Unschuld?»

Murays Misstrauen gegenüber der zeitgenössischen Hypermoral speiste sich dabei einmal mehr aus seiner profunden Kenntnis der französischen Geschichte und Literatur, wenn er in der Gegenwart die Wiederkehr der Bigotterie des 17. Jahrhunderts beobachtete, «als die schlimmste Ketzerei darin bestand, eine eigene Meinung zu haben, ein Individuum zu sein und als solches aufzutreten». Nicht umsonst ist Molière der dritte wichtige Gewährsmann Murays, der in seinen Komödien bekanntlich all die Tartuffes und Heuchler seiner Zeit porträtiert hatte. Damals wie heute, so Murays geschichtsphilosophischer Pessimismus, pflegten sich die niederen Interessen der Macht und des Menschen unter einem Schleier vermeintlicher Tugend und Herzenswärme zu verbergen, weshalb der Autor die Welt der Gegenwart in spöttischer Anlehnung an die Herz-Jesu-Verehrung der jesuitischen Frömmler als Cordicokratie betitelt, die wiederum gleichbedeutend sei mit «dem Ende des analytischen Zeitalters, dem Tod der kritischen Betrachtung».

Tugendpäpste und «Bobos» geben sich die Klinke in die Hand

Die globalen Tugendritter in Murays Texten der 1990er Jahre wie Mutter Teresa oder Bob Geldof mögen den Malalas und Gretas der Gegenwart gewichen sein. Die Rhetorik und Funktionsweise des medialen Weltgewissensspektakels aber, wie sie Muray gewohnt biestig konstatiert, hat sich nicht wesentlich verändert: «Die letzten noch verspäteten Länder müssen kurz vor Jahrtausendende schnell für den Spendenmarathon eingekleidet, hastig nachgeschminkt, mit pädagogischem Spielzeug, Robbenbabys und nicht-krebserregenden Nahrungsmitteln neu bevölkert werden.»

Die neue Speerspitze dieser sich rasant globalisierenden Wächterkaste der Moral bildet einen ganz eigenen Habitus aus, den Muray lange vor den zeitgenössischen Darstellungen der «Gesellschaft der Singularitäten», wie sie etwa der Soziologe Andreas Reckwitz prominent beschrieben hat, so satirisch wie zielsicher identifiziert: Der Tartuffe der neuen Zeit, der Genf als ideale Welthauptstadt wähnt, entstammt den Kaderschmieden für Ingenieure oder Verwaltungsbeamte, ist «Gründungsmitglied diverser SOS-Sachen», wählt die gemässigte Linke, ist fortschrittlich-skeptisch eingestellt und kann «ebenso als hektischer Firmenkäufer, als Schmiergeldgeber, als Abgeordnetenbestecher oder Chemiewaffenverkäufer daherkommen wie als Inhaber eines Lehrstuhls für Ethik der Harvard Business School».

Muray diagnostizierte die Entstehung des neuen Bobo, bevor der Begriff überhaupt erfunden wurde; also jenes selbstgerechten, in seinem Konsenskokon verpuppten Neospiessbürgers, der sich gerne kosmopolitisch und -konsumistisch geriert, aber von den Verheerungen in der Welt jenseits seines stuckbewehrten Wolkenkuckucksheims nicht viel wissen will: «An der Oberfläche Barbar und Mickey Mouse, die Lernspiele, die Kuschelfarben einer durch und durch disneyfizierten Welt. Darunter, und zwar mehr denn je, herrscht und grollt die alte Rohheit, das Primitive der Höhlen, das Feuer des alten Opferkrematoriums sämtlicher Gemeinschaften.» Ähnlich verhält es sich mit der westlichen Weltpolitik, die Muray genüsslich am Beispiel des ersten Golfkriegs seziert, wenn er den Vertretern der «Weltbank für Menschenrechte» vor den heimischen Fernsehbildschirmen ihre Hypokrisie ins schwach ausgeprägte Gedächtnis ruft: «Wer erinnert sich, wenn dieses Buch erscheint, überhaupt noch an die Kurden? Die Opfer sind wegwerfbar wie unsere kleinen Feuerzeuge. Man schickt sie eine Runde um den Medienblock und dann ist’s gut. Kurden, Straftäter, Libanesen, immer der gleiche Kampf: alles Eintagsköniginnen. Drei kleine Runden, dann die Nächsten bitte!»

Angesichts von so viel Heuchelei und Affekthygiene bietet sich dem Kulturpessimisten Muray nur ein einziger Ausweg, der den Kern seines Schreibens ausmacht: ein zorniger Humor, der stets im Modus des Grotesken und der Übertreibung operiert, da diese extravagante Realität, so Muray in seinen «Spirituelle Exorzismen» getauften Tagebüchern, nur durch eine noch extravagantere Form der Darstellung erfasst und verstanden werden könne. Die mal ironisch feine, mal rasend überbordende Sprache Murays voller Wortspiele und Metaphernfeuerwerke ist dabei zugleich eine manifeste Kritik an den konturlosen und leeren Parolen von Medien, Politik und Wirtschaft und dem «grässlichen Karussell ihrer Gemeinplätze». Muray verlacht demgegenüber lieber die Horden von «Spendenmarathon-Märtyrern», die im «TGV der Unterdrückung» durch ihr «Zuckerbäcker-Global-Village» rasen und alles sanktionieren, was bei drei nicht in den Reihen der Tugendarmeen mitmarschiert. Literarisch wird somit das Pamphlet das einzig noch mögliche subversive Genre in einem Zeitalter, in dem die Literatur nur mehr ein einziger selbstbezüglicher Popanz oder eine Abfolge von immer gleichen Festivals zu sein scheint, oder wie Muray spottet: «Die Avantgarden der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts mögen vielleicht keine glanzvolle Erinnerung hinterlassen, aber es schnürt einem die Luft ab zu sehen, welche Pygmäen, welche analphabetischen, verdummenden Tugend-An­droide heute zwischen den eroberten Vertäfelungen hausen wie die Bettler in Viridiana

«Es ist ein grosses Unglück, in so furchtbaren Zeiten zu leben.

Aber es ist ein noch schlimmeres Übel,

nicht wenigstens einmal spasseshalber zu versuchen,

sie an der Gurgel zu packen.»

Unabhängig im Urteil dank finanzieller Freiheit

Sein Projekt einer radikalen Gesellschaftskritik entwickelte Muray jedoch im Unterschied zu den Salonlöwen der Literatur nicht aus dem sicheren Terrain hochtrabender Essays, angepasster Romane oder gar aus dem warmen Akademiesessel heraus. Wie Balzac sich noch dem letzten Fettfleck in den räudigen Pariser Pensionen seiner Zeit widmete, stürzte sich Philippe Muray fortwährend mit offenem Visier ins Getümmel seiner und unserer Gegenwart mit ihrer Fortschrittsbesessenheit: Schon vor dreissig Jahren machte er sich über die Rede in Frankreich vom «entsetzlichen Rückstand» der Nation gegenüber den vermeintlich hyperprogressiven Nachbarn lustig – nicht auszudenken, was für ein Arsenal eine Figur wie Emmanuel Macron Murays Feder geliefert hätte.

Die radikalste Seite des Vielschreibers Muray, der neben seinen zahllosen Essays und Chroniken auch noch eine Handvoll Romane, zwei Biografien über Louis-Ferdinand Céline und Peter-Paul Rubens sowie eine voluminöse ideengeschichtliche Studie über das 19. Jahrhundert verfasste, war aber womöglich seine ein Leben lang durchgehaltene Unabhängigkeit von dem kulturellen System, das er so vehement kritisierte. Ebenso wie sein bereits erwähnter (und im deutschsprachigen Raum ebenfalls noch unentdeckter) Kollege Maurice Dantec verdiente Muray einen guten Teil seines Geldes mit (teils unter Pseudonym veröffentlichten) Krimis oder Übersetzungen, um unabhängig von den moralischen Scharfrichtern des Betriebs zu bleiben, die es schon lange auf ihn abgesehen hatten.

Oder wie es der ungleich massenkompatiblere Michel Houellebecq vor einigen Jahren bewundernd formulierte: «Muray und Dantec besassen grosse literarische Begabung, ein seltenes Talent, aber was noch seltener ist: Sie schrieben, ohne jemals an Anstandsregeln oder Konsequenzen zu denken. Sie scherten sich nicht darum, ob sich diese oder jene Zeitung von ihnen abwandte, sie akzeptierten es gegebenenfalls, vollkommen allein dazustehen. Sie schrieben einfach und einzig und allein für ihre Leser, ohne jemals an die Begrenzungen und Befürchtungen zu denken, die die Zugehörigkeit zu einem Milieu einschliesst. Mit anderen Worten: Sie waren freie Männer.»

«Die letzte Bastion
des klassischen Liberalismus
im deutschen Sprachraum.»
Titus Gebel, Unternehmer und Lebenszeitabonnent,
über den «Schweizer Monat»