Das Prinzip Manifesta

Künstler beim Bestatter, Hundesalons in Galerien und ein Gruselopa in der Edelklinik – die Manifesta 11 machtʼs möglich. Aber: hat Zürich diese Art der künstlerischen Strukturförderung wirklich nötig? Einsichten aus dem Kuratorium und der Geschichte einer Wanderbiennale.

Das Prinzip Manifesta
Michel Houellebecq, photographiert von Livio Baumgartner / Manifesta 11.

Manifesta? Klingt nach einer Zeit, da obskure Avantgardekünstler Manifeste verfassten, in denen sie die Museen verfluchten oder sich in suprematistische Parallelwelten raunten. Aber: weit gefehlt. Mit der Ära der heroischen und radikalen Avantgarden um 1900 hat die seit 1996 existierende Ausstellungsreihe nichts zu tun. Nicht das Manifest, sondern dessen weitaus nüchternerer Wortstamm «manifestare», auf Deutsch: «sichtbar» oder «handgreiflich machen», liegt ihr zugrunde. Und damit die basale Aufgabe von Grossausstellungen zeitgenössischer Kunst seit Gründung der Biennale di Venezia im Jahre 1895.

Biennalen führen Städte ins Licht touristischer und kulturpolitischer Aufmerksamkeit oder gehen als Hebammen bei Wiedergeburten ins Dunkel abgetauchter Regionen zur Hand. So verhielt es sich bereits 1895. Ziel der Biennale-Initiatoren war es, die in die Bedeutungslosigkeit abdriftende, einstige stolze Republik Venedig qua Kunst wieder auf der Karte öffentlichen Interesses und touristischer Pilgerströme zu markieren. Ähnliches lässt sich über das belgische Städtchen Genk sagen, wo die Manifesta 2012 mit ihrem Ausstellungsprogramm an die glorreiche Zeit der hiesigen Montanindustrie, der Grubengott hab sie selig, erinnerte und zugleich für die nachindustriellen Segnungen des Kunstbetriebs warb. Kunst statt Kohle, Kritik statt Kumpel, Vernissage statt Verhüttung.

Und nun also Zürich, nach Zwischenstopp in St. Petersburg 2014. Ähnlich wie heute Geld-, Waren- und Menschenströme mehr oder minder frei durch Europa flottieren, hat die Manifesta keinen festen Ort, man könnte auch sagen: kein Zuhause mehr. Findige Zeitdiagnostiker könnten sie als kuratorisches Pendant zur «flüssigen Moderne» (Zygmunt Baumann) deuten: Beweglichkeit, Flexibilität, Offenheit, Anpassungsfähigkeit, Wandelbarkeit, Vernetzung, Ortsunabhängigkeit bei gleichzeitiger site specificity – die Manifesta kultiviert jene Tugenden, die von guten Unternehmern wie auch Arbeitnehmern im dynamischen Kapitalismus erwartet werden. Mit zwei Begriffen von Gilles Deleuze und Felix Guattari lässt sich ihr Konzept als stetes Wechselspiel zwischen «Deterritorialisierung» und temporärer «Reterritorialisierung» begreifen; ein Konzept, das das alte, statische Modell von Peripherie und Zentrum hinfällig macht, paradigmatisch für die hybride Globalisierung steht und zugleich egalitären Werten wie Inklusion verpflichtet ist. Für alle ist also programmatisch was dabei – auch für die, die sich mit Kunst allein nicht zufrieden geben wollen. So versteht sich die Manifesta als «Biennale mit Forschungsauftrag».

Anders als in Genk ist es in Zürich nicht darum zu tun, einen peripheren oder vergessenen Ort aufzuwerten und im selben Zuge, wie es bei Biennalen zum gut unterdrückten Ton gehört, einen von Jacques-Rancière- oder Hannah-Arendt-Zitaten verbrämten Gentrifizierungsprozess einzuleiten. In all seiner Überschaubarkeit, Beschaulichkeit und Provinzialität ist Zürich als globaler Wirtschaftshub, Drehscheibe internationaler Finanzströme, touristischer Wallfahrtsort und Lebensabschnittsheimat unzähliger Expats bereits ausreichend gentrifiziert und vernetzt. Was hat die in Amsterdam domizilierte Manifesta-Stiftung also bewogen, ausgerechnet der Bewerbung Zürichs den Vorzug zu geben? Es ist, wie könnte es anders sein: das Geld. Aber keine Sorge, nicht dahingehend, dass Zürcher Emissäre mit ein paar diskreten Umschlägen in Holland vorstellig geworden wären. Vielmehr eignet sich Zürich als historisch gewachsenes Finanz- und Handelszentrum vortrefflich, um der Frage des diesjährigen Manifesta-Kurators Christian Jankowski nachzugehen: «What Do People Do for Money?» Und wenn Geld und Arbeit irgendwo auch Kultur sind, dann in der Schweiz.

Jankowski, der als Video- und Aktionskünstler reüssierte und eine Professur an der Kunstakademie Stuttgart innehat, ist nicht daran interessiert, die Welt zu spiegeln oder zu repräsentieren. Der 1968 in Göttingen geborene Trickster will in ihre Geschehnisse eingreifen und mit einer Vielzahl bevorzugt kunstferner Bevölkerungsgruppen interagieren, dabei überraschende Situationen erzeugen und den gewohnten Gang der Dinge zumindest temporär unterbrechen. Heute, da der Begriff «autonome Kunst» nachgerade zum Schreckgespenst des expansionshungrigen Kunstbetriebs geworden ist und der nach dem Zweiten Weltkrieg verständlicherweise diskreditierte Begriff «Kollaboration» fröhlich Urständ feiert, mag sich Jankowskis Ansatz wie business as usual ausnehmen. Doch er war früh dran. 1992 ging er mit Pfeil und Bogen im Supermarkt auf die Jagd. Auf der 48.…