Das orthodoxe Paradox

So sehr sich Georgien im letzten Jahrzehnt liberalisiert hat: In religiösen Belangen hat sich das Land verschlossen. Mit der georgisch-orthodoxen Kirche ist ein Player auferstanden, der der Moderne mächtig entgegenwirkt. Seine national-religiöse Mixtur betört das Volk – und fordert den jungen Staat heraus.

Am 17. Mai 2013 griffen mehrere tausend Demonstranten, die von Priestern der georgisch-orthodoxen Kirche angeführt wurden, Aktivisten an, die am «Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie» mit einer Schweigedemonstration gegen Intoleranz protestierten. Die Priester riefen zu Gewalt gegen Homosexuelle und Menschenrechtsaktivisten auf und sprachen Morddrohungen aus. Homosexualität – so die Parolen der Ultraorthodoxen – sei nicht mit dem «Georgiertum» und mit dem orthodoxen Glauben vereinbar; georgische Homosexuelle könne es nicht geben, und Homosexualität sei ein Import aus dem verdorbenen Westen. Dieser Vorfall steht nicht isoliert in der Gegenwartsgeschichte Georgiens. Vielmehr ist er symptomatisch für das Bestreben der übermächtig gewordenen georgisch-orthodoxen Kirche (GOK), nationale Identität abschliessend zu definieren und alle möglichen Lebensbereiche, von Alltagspraktiken bis zur Aussenpolitik, zu bestimmen. Wie konnte es dazu kommen?

Die GOK ist die populärste Institution Georgiens. Der Kirche und dem Patriarchen vertrauen seit Jahren über 90 Prozent der georgischen Bevölkerung, die beliebtesten Politiker und staatlichen Institutionen liegen demgegenüber bei etwa 60 Prozent. Zum Teil kann diese Popularität durch die komplizierte Geschichte der Religion in der Region erklärt werden. Nach militanten Kirchenverfolgungen, Instrumentalisierungsversuchen und der andauernd stark ablehnenden Haltung des sozialistischen Staats gegenüber Religion, Kirche und nationaler Identität brachten die letzten Jahre der UdSSR und die ersten Jahre der georgischen Unabhängigkeit ein neues Interesse an religiösen und nationalen Themen mit sich. Damit rückt sich die Kirche in den gesellschaftlichen Fokus, doch musste sie sich die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit mit einem mächtigen Konkurrenten teilen: der Nationalen Befreiungsbewegung und ihrem Anführer, dem sowjetischen Dissidenten Zviad Gamsakhurdia. Gamsakhurdia, der 1991 erster Präsident Georgiens wurde, formulierte eine eklektische Nationalismustheorie, in der Sakralität nicht der Kirche, sondern der georgischen Nation zukam. Einen weiteren Konkurrenten erhielt die Kirche 2003, als die damalige Regierungspartei Nationale Bewegung eine staatszentrierte Version des georgischen Nationalismus vorlegte, in die alle Konfessionen und Ethnien gleichermassen eingebunden waren.

So entstanden drei verschiedene Formen des Nationalismus: eine religiöse, eine ethnische und eine staatsbezogene. Alle drei bezogen sich explizit auf das Ideengut von Ilia Chavchavadze, das sie unterschiedlich auslegten bzw. für die jeweiligen Notwendigkeiten umschrieben. Ilia Chavchavadze (1837–1907), der als Jurist, Banker und Publizist die wichtigsten Institutionen seiner Zeit gegründet hatte und als «ungekrönter König Georgiens» galt, hat eine durch und durch säkulare Version des Nationalismus vorgelegt: Obwohl Chavchavadze die Sakralität auf das «Vaterland» übertrug und es mit religiösen Gefühlen auflud, kam die Kirche in seinem Nationalismusprojekt so gut wie gar nicht vor.

 

Der Beichtvater als Volksmode

Ebendiesen Mann hat die georgisch-orthodoxe Kirche 1987 heiliggesprochen. Mit der Kanonisierung des Begründers des säkularen Nationalismus haben die GOK und der Patriarch Ilia II. ein umfassendes Projekt zur Umschreibung der Geschichte angefangen, das die GOK als Trägerin und Hüterin der georgischen Nation seit dem Christentum darstellen und den Patriarchen zum direkten Nachfolger des «ungekrönten Königs» machen sollte. Wenn Chavchavadze den Nationalismus säkularisierte, indem er das Sakrale von der Kirche auf das Vaterland übertrug, so wollte die GOK den Nationalismus verkirchlichen, indem sie wichtige Geschichtspersonen heiligsprach, vereinnahmte und versuchte, sie aus dem säkularen Verkehr zu ziehen.

Die GOK machte das «Georgiertum», die nationale georgische Identität, von der christlich-orthodoxen Religion abhängig. Diese Engschliessung hatte sowohl gesellschaftliche als auch politische Auswirkungen.

Anders als ihre eng mit dem russischen Staatsapparat kooperierende russisch-orthodoxe Schwesterkirche entwickelte sich die GOK nicht mit, sondern parallel zu den Staatsstrukturen, gleichsam als alternative Zivilgesellschaft. Dabei handelt es sich nicht um eine Zivilgesellschaft nach westlichem Zuschnitt, sondern um etwas, das einige Theoretiker als «Uncivil Society» bezeichnen. Ihre Bausteine: eine antimoderne, antiwestliche, antiliberale und antidemokratische Haltung; die Weigerung, andere religiöse Gemeinschaften als gleichberechtigte Akteure anzuerkennen; ein entschlossener Kampf gegen Pluralismus sowie ein äusserst konservatives Wertesystem. So predigen Priester, Bischöfe und der Patriarch, dass die Frau ihrem Mann die Füsse waschen, man nicht im Ausland studieren oder sich dort medizinisch behandeln lassen solle und überhaupt kein Georgier glücklich im Ausland leben könne. Zugleich erzeugt der von der GOK gepredigte, verkirchlichte Nationalismus eine Art Volkskultur. Etwa bekreuzigen sich Gläubige jedes Mal, wenn sie eine Kirche sehen, bei Festtafeln ist ein Trinkspruch auf den Patriarchen fast obligatorisch geworden, es ist in Mode, einen Beichtvater zu haben, dessen «Segen» man einholt, bevor man in den Urlaub fährt, ein Buch liest oder eine neue Wohnung bezieht.

 

Politische Zugeständnisse

Auf der politischen Ebene versucht die GOK den Staat legislativ zu «revolutionieren». Mit der Geltendmachung ihres politischen Einflusses begann die GOK nach dem gewaltsamen Sturz von Präsident Zviad Gamsakhurdia. Dem ihm nachfolgenden Staatsoberhaupt, dem ehemaligen sowjetischen Aussenminister Eduard Shevardnadze, verlieh die GOK Legitimität – um sich fortan als oberste Schiedsrichterin bei politischen Krisen zu verstehen und zur «Königsmacherin» aufzusteigen. 1995, als der frisch getaufte Shevardnadze seine Inauguration in der Svetitzkhoveli-Kathe-drale in Mtskheta, der sakralen Hauptstadt Georgiens, stattfinden liess, wurde die neue georgische Verfassung angenommen. Im wesentlichen durchaus säkular, wies sie eine signifikante Ausnahme auf: Art. 9 Abs. 1 der Verfassung sprach von der «besonderen Rolle» der georgischen Kirche in der Geschichte Georgiens. Dieser Verweis schuf die Grundlage für den Verfassungsvertrag zwischen GOK und dem Staat. Denn im März 2001 wurde dem besagten Art. 9 ein zweiter Punkt hinzugefügt, nach dem die Beziehungen zwischen dem Staat und der GOK in Zukunft durch einen – den Normen des internationalen Völkerrechts entsprechenden – Verfassungsvertrag geregelt werden sollten. 2002 abgeschlossen, stattet dieser Verfassungsvertrag die GOK mit den gleichen Attributen aus wie den Staat – zum Beispiel wird das kanonische Recht als Regulationsinstrument neben dem Staatsrecht erwähnt – und verspricht dem Patriarchen dieselbe Immunität wie dem Präsidenten. Darüber hinaus erkennt der Staat den moralischen und wirtschaftlichen Schaden an, den die Kirche in der Sowjetzeit erlitten hat. Aus diesem Schaden werden heute bestimmte, insbesondere steuerrechtliche Vorteile abgeleitet. Zudem wird der Kirche Zugang zu Militär-, Strafvollzugs- und Bildungsinstitutionen gewährt.

 

Ankunft im postsäkularen Zeitalter

Die Ambitionen der GOK gehen aber weit über die Umsetzung der im Verfassungsvertrag verankerten Privilegien hinaus. Zwar haben weder der Patriarch noch andere Kirchenhierarchen die Grundordnung Georgiens je offiziell in Frage gestellt. Nichtsdestotrotz untergräbt die GOK konsequent die existierende Rechtsordnung. In einer Weihnachtspredigt hat der Patriarch 2008 das perfekte Gleichgewicht zwischen Tradition und Moderne in Israel und Kuwait gefunden. Die Gründe dafür sind unschwer zu erkennen: die ansonsten schwer vergleichbaren Staaten anerkennen beide kanonisches Recht. In Israel ist die Religion keine Gesetzesquelle, sie reguliert aber den Personenstand. Und in Kuwait sind Islam und Sharia die wichtigsten Quellen der Gesetzgebung. Eine konstitutionelle Monarchie mit kanonischem Recht entspricht genau jener Staatsform, die die GOK für Georgien anstrebt. Dafür initiierte der Patriarch gar ein konkretes Projekt: Er hat die Heirat zwischen zwei konkurrierenden Zweigen des ehemaligen georgischen Königshauses Bagrationi arrangiert. Ein Kind aus dieser Ehe soll vom Patriarchen erzogen und später georgischer König werden.

Mit all ihren Vorstössen schaffte es die GOK, einen Mix aus nationalem und religiösem Ethos zu entwickeln, das vielen Georgiern ein «Wir-Gefühl» vermittelt. Dabei wird nicht nur das Verständnis der Nation verkirchlicht, sondern gleichzeitig wird die Kirche nationalisiert. So ist Georgien im postsäkularen Zeitalter angekommen – einem Zeitalter, das nicht nur durch die Rückkehr der Religion, sondern insbesondere durch eine Mischung von religiösen und säkularen nationalen Diskursen und Praktiken gekennzeichnet ist. Die für den orthodoxen Raum charakteristische Verschmelzung der Kirche mit dem Staat ist in Georgien zwar erfreulicherweise nicht zu beobachten. Der Anspruch der Kirche, die alleinige Quelle für gesellschaftliche Werte- und Rechtsordnungen zu sein, wird aber gerade deshalb zur Herausforderung für den jungen georgischen Staat, der sich dagegen behaupten muss.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
über den «Schweizer Monat»