Das Monster des Moralismus

Die Rückkehr der Moralfrage in Politik, Technologie und Kultur.

 

«Bleiben Sie zu Hause. Bitte. Alle.» Dank beträchtlichem Einsatz von Steuergeldern ist das an jeder Ecke zu lesen, auf Plakaten, in Inseraten, auf Polizeiautos. Darum haben die Behörden eindringlich gebeten, und bisher sind die Bürger dem gefolgt. Doch wie lange noch? «Der Schweizer murrt zuerst, und dann folgt er nicht richtig», sagte kürzlich Publizist Markus Somm in einem Interview mit den CH-Media-Zeitungen.

Genau so ist es ja auch richtig. Wer selbst über die Folgen seiner Taten nachdenkt und danach handelt, verhält sich zumeist eigenverantwortlich und sozialverantwortlich. Ein freier Mensch benötigt keinen Aufpasser, keine Nanny, keine Gouvernante – überhaupt niemanden, der ihm sagt, was er zu tun, zu lassen, zu sagen hat. Als Demokrat hält er sich an die Gesetze des demokratisch legitimierten Rechtsstaats, und darüber hinaus muss er gar nichts. Wie wir ­Bürger ­leben und reden wollen, hat die Behörden nicht zu interessieren.

Wie dreist sich der Staat dennoch anmasst, sich einzumischen, macht die Coronakrise nun ­allen deutlich. Das Neueste kommt aus Singapur: Ein mit Kameras ausgestatteter Roboterhund streift durch die Parks und ermahnt die Besucher, gebührenden Abstand zueinander zu halten. Bei uns ist’s noch nicht ganz so weit, hier informiert erst die Tür der S-Bahn, sprachlich ­einigermassen abenteuerlich: «Bitte während der Fahrt sich gut festhalten!» – man wäre nie von selbst darauf gekommen. Die Durchsagen im Tram, im Lebensmittelladen, durch das ­Megafon der Polizei, vor, in und nach den Radionachrichten häufen sich. Meistens sind es Verhaltens­anweisungen, durch die nur die gefühlte Sicherheit steigt, nicht aber die ­tatsächliche.

Was war zuerst da, der entmündigende Staatsapparat oder der zunehmend unmündige Bürger? Das Huhn oder das Ei? Finden Sie es selbst heraus. Lesen und eigene Schlüsse ziehen reicht.

Gute Lektüre wünscht

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