Das Lebewesen als Gebewesen

Im Zentrum der grossen gesellschaftlichen Probleme steht der Mensch, der sich selbst unterbietet. Peter Sloterdijk setzt der modernen schwarzen Anthropologie ein neues Narrativ entgegen. Stolz statt Neid, Grosszügigkeit statt Geiz: die neogriechische Revolution dürfte noch vor der nächsten Eiszeit kommen. Gespräch mit einem, der von sich behauptet, seine Altersradikalität komme erst noch.

Das Lebewesen als Gebewesen
Peter Sloterdijk, photographiert von Giorgio von Arb

Herr Sloterdijk, beginnen wir mit einem der Hauptthemen Ihrer letzten Bücher: dem sorglosen Leben. Sie haben einmal an der Kulturlandsgemeinde in Heiden teilgenommen, der selbsternannten Landsgemeinde der appenzellischen Kulturschaffenden. In Ihrem Reisetagebuch «Zeilen und Tage» steht: «Die Idylle zwingt die Einzelheit in ihren Rahmen. Die Wiesen lachen, wie im Rhetorikkurs gelernt. Das Alphornbläserensemble verbreitet vom späteren Vormittag an unerbittliche Biederkeit.» Es ging um Geld, Spekulation, die Finanzkrise – und irgendwann auch um das bedingungslose Grundeinkommen. Erinnern Sie sich?

Sehr gut sogar.

Sie zeigten sich reserviert gegenüber dem Anliegen, das die Gastgeber offensichtlich teilten, und lenkten das Gespräch zu deren Missfallen auf den Miserabilismus der Überflussgesellschaften, der in allen Bürgern hilfsbedürftige Wesen erkennt. In der EU läuft eine Initiative zu einem Grundeinkommen für alle. Und in der Schweiz wird das Stimmvolk demnächst über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens befinden. Wie stehen Sie zu solchen Vorstössen – sind sie Grund zu Sorglosigkeit oder doch eher zu Sorge?

Ich müsste erst einmal selber mit mir zurate gehen, denn das Thema Grundeinkommen ist für mich durch eine perverse neurologische Assoziation mit diesen Heidener Erlebnissen verknüpft. Wenn ich das Wort «Grundeinkommen» höre, meldet sich bei mir ein inneres Tonband, und ich höre diese meditative Gitarre wieder, mit der die Debatte in Heiden die ersten zehn Minuten eingeleitet wurde – und dann kamen auch noch tibetische Klangschalen hinzu, die zur Einstimmung minutenlang ertönten. Normalerweise gerät man bei solchen Klangerlebnissen in einen Zustand der Tiefenentspannung, wo das bessere Ich – falls es existiert – an die Oberfläche kommt und eine Art von fast transzendenter Freundlichkeit emittiert. Das war damals in Heiden bei mir nicht ganz so, da ich auf eine eher kontroverse Option eingegangen bin.

Sie haben sich dem Ansinnen der Gastgeber elegant entzogen.

Finden Sie? Die Gastgeber hatten geglaubt, dass ich die Frage so erörtern würde, wie sie es sich wohl gewünscht hätten: dass ich nämlich gewissermassen den philosophischen Überbau zu deren Grundeinkommensforderung formuliere. Ich habe eine typisch philosophische Reaktion an den Tag gelegt und das getan, was Philosophen am besten können: Ich bin einen Schritt zurückgetreten. Wir selber sind ja von der Natur her so angelegt, dass wir als Meinungsautomaten funktionieren. Wir haben im Laufe unseres Lebens Erfahrungen gesammelt, haben Gespräche geführt, haben Einflüsse erlitten; die sedimentieren sich zu einer Meinungspersönlichkeit, die an ihren Auffassungen hängt. Die Philosophen sind insofern eine etwas seltsame Gattung, als sie gegenüber diesen Meinungsbesitzern eine nicht konkordante Verhaltensweise praktizieren. Das kam gar nicht gut an…

…allerdings haben Sie auch als Philosoph bestimmt eine Meinung zum Thema – oder wenigstens als Bürger. Hand aufs Herz: wie würden Sie bei der erwähnten Volksabstimmung votieren, wären Sie Schweizer?

Der ebenso vernünftige wie gute Mensch in mir würde spontan sagen: Das bedingungslose Grundeinkommen ist eine schöne Sache. Der ebenfalls gute, aber noch vernünftigere Mensch in mir würde jedoch entgegnen: Eigentlich haben wir das doch schon.

Wie meinen Sie das?

Wir leben in den europäischen Wohlstandsgesellschaften bereits in einem System, in dem Grundeinkommensgarantien gegeben werden – allerdings unter der Voraussetzung, dass lebensgeschichtliche Notwendigkeiten den Antragssteller dazu bewegen, sich um ein solches zu bewerben. Das heisst, es ist ein bewerbungsabhängiges, ein bedürfnisabhängiges, ein prüfungsabhängiges Grundeinkommen; da darf noch der Nachbar mitreden, die Behörde darf mitsprechen, da gibt es zweite, dritte, vierte Intelligenzen, die beurteilen, ob «Bedürftigkeit» existiert. Die guten Menschen von Appenzell wollten nun einen Schritt weiter gehen, und da war ich etwas zu langsam. Diesen Schritt wollte ich nicht oder zumindest nicht so schnell mitmachen. Denn die entscheidende Frage scheint mir zu sein: Was macht das Grundeinkommen mit den Menschen, oder genauer: was für ein Menschenbild legen wir unserem Umgang mit dem Mitmenschen zugrunde,…