«Das Laute ist hierzulande unproduktiv»

Was charakterisiert die Schweizer Literatur? Und welchen Bezug haben Schweizer Literaten zur Gesellschaft? Der Schriftsteller Tim Krohn über Chancen und Tücken des Dialekts, politische Prediger und die Sinnsuche der modernen Schweiz.

«Das Laute ist hierzulande unproduktiv»

Herr Krohn, Sie sind Schriftsteller. Sind Schriftsteller in der Schweiz «Staatskünstler»?

Verstehen Sie darunter jemanden, der im Dienst des Staates steht, sozusagen einen Auftragsschreiber?

Nein, eher jemanden, der sein Geld vom Staat bekommt.
Ich glaube nicht. In meinem Fall machen öffentliche Gelder – meist Ehrengaben – vielleicht fünf Prozent meines Einkommens aus, der Rest sind Tantiemen, Auftragshonorare, Lesehonorare und der Lohn aus meiner etwa zwanzigprozentigen Tätigkeit als Dozent des Schweizerischen Literaturinstituts.

Als Präsident des Schweizerischen Schriftstellerinnen- und Schriftstellerverbandes vor zehn Jahren sind Sie vor allem diplomatisch tätig gewesen und haben die Fusion zweier verfeindeter Verbände nach jahrelangen politischen Differenzen realisiert.
Die politisch motivierte Feindschaft zwischen der Gruppe Olten und dem SSV ist eine gern erzählte Geschichte. Tatsächlich war die politische Ausrichtung der Verbände in ihren täglichen Geschäften jedoch fast identisch. Weder die Gruppe Olten noch wir vom Schweizerischen Schriftsteller-Verband waren per se links. Die Arbeit war sehr pragmatisch, es ging um Lobbying, darum, die Position der Schriftsteller zu verbessern – das konnte durchaus auch mal auf Kosten anderer Künste gehen, was natürlich nicht besonders sozial ist.

Glauben Sie dennoch, dass die Literaturszene tendenziell links anzusiedeln ist?
1998 war die Schweiz Gastland an der Frankfurter Buchmesse. Und da hat Bundesrat Flavio Cotti eine Rede gehalten und gesagt, die Schriftsteller lebten im Elfenbeinturm. Es gab daraufhin einen grossen Aufschrei der Schreibenden, die dem heftig widersprachen. Wir vom Schriftstellerverband fragten daraufhin etwa 30 Autoren aller Generationen und Landesteile an, einen Essay zum Thema «Kultur und Gesellschaft» zu schreiben. Das Resultat war verheerend. Es gab zwei oder drei Schriftsteller, die sagten: «Ja, ich habe etwas mit der Gesellschaft zu tun.» Der Rest sagte: «Geht mich nichts an.» Wirklich erschütternd. Cotti hatte also recht. Und offen gestanden habe ich nicht das Gefühl, dass sich seither viel geändert hat.

Also eher apolitisch als links. Doch wie bezieht der Künstler Position, wenn nicht gesellschaftlich?
Viele Künstler sehen Kunst als Gegenwelt zur Gesellschaft. In Berlin gab es kürzlich das lustige Phänomen, dass die bis anhin angeblich linke Kulturszene plötzlich für die konservative CDU votierte, weil die SPD die Kulturgelder lieber für Kindergärten ausgeben wollte.

Die Mainstreammedien liegen also richtig, wenn sie einen Mangel an sich politisch äussernden Schriftstellern beklagen?
Was diese Medien gern häufiger hätten, sind Prediger wie Adolf Muschg. Nicht falsch verstehen, ich schätze ihn sehr, aber seine besserwisserische Haltung entspringt einem deutsch-aufklärerischen Selbstverständnis, keinem schweizerisch-basisdemokratischen, das allen Positionen Wert beimisst. Da trifft er sich mit Christoph Blocher.

Adolf Muschg und Christoph Blocher würden Ihnen widersprechen, wenn Sie sie als deutsche Obrigkeitsprediger bezeichnen.
Blocher kommt schliesslich aus einem deutschen Pfarrershaus. Diese Haltung gibt es aber auch in unserer Generation. Lukas Bärfuss beispielsweise poltert gern und glaubt, dass sich dadurch etwas ändern lasse. Das glaube ich nicht.

Wer gehört sein will, erhöht den Pegel seiner Stimme…
…das Laute ist hierzulande unproduktiv. Mehrfach habe ich erlebt, dass deutsche Theaterschaffende in die Schweiz kamen, hier aufklärerisches Theater machen wollten und sich daraufhin wirklich jämmerlich beschwerten, dass die Leute dafür nicht zu interessieren seien. Man ignoriere sie, man schätze nicht, was angeboten werde. Und ich stelle fest: das hat nichts mit den Inhalten zu tun, sondern schlicht mit der Haltung. Die Schweizer haben eine Abneigung gegen all jene, die kommen und sagen: «Ich weiss es besser.»

In der Schweiz ist gerade in jüngster Zeit von einem Führungsproblem die Rede. Das Bedürfnis nach starken Männern und Frauen ist also durchaus vorhanden.
Natürlich gibt es immer Leute, die froh sind, wenn jemand den starken Mann spielt. Doch in erster Linie fordert man Vermittler, Menschen, die scheinbare Widersprüche auflösen können, gegensätzliche Positionen vereinen. Wie es in den USA Obama versucht.

Hatte die Schweizer Konsensdemokratie auch Einfluss auf unsere Literatur? Oder anders gefragt: welche Unterschiede bestehen zum deutschen oder französischen Erzählen?
Unsere Gesellschaft funktioniert anders, deswegen funktioniert auch das Erzählen anders. In Deutschland und Frankreich war die «gute» Literatur immer eine elitäre, höfische. Sie war gern aufklärerisch, brillant, genialisch abgehoben. Man konnte sich mit ihr brüsten, sie war ein Statussymbol. Die Höfe haben sich die Literaten ja tatsächlich geleistet, sie waren Ausdruck von Luxus.

In der Schweiz hatten wir auch ganz viele kleinere, soziale Feudalsysteme wie Bürgergemeinden, die an ihren Pfründen festhielten und sich auf die Verwaltung des Wohlstandes spezialisierten.
Das spielte aber hierzulande keine grosse Rolle. Denn wir haben auch den Mythos der direkten Demokratie, und der besagt: «Alles ist für alle.» So erzählt man dann auch. Es hat sich eine Literatur herausgebildet, die sehr volksnah ist. Jeder kann diese Bücher
lesen, sie sind offen für alle – Frisch, Keller, Dürrenmatt, Gotthelf oder heutzutage Stamm oder Hohler, das sind Namen, die keine sozialen Grenzen kennen.

Das tönt alles sehr schön. Doch Hand aufs Herz – wer liest in der Schweiz helvetische Gegenwartsliteratur?
Oh, die Auflagezahlen sind nicht zu unterschätzen, und das, obwohl es keine genuin schweizerische Erzähltradition gibt. Im englischsprachigen Raum beispielsweise sind die Schriftsteller mit allen Wassern gewaschen, das Handwerk ist generell in hohem Masse entwickelt, sie können erzählen, dass einem die Ohren wackeln. Wir sind einfach zu wenige, als dass wir permanent einen brillanten Erzähler haben könnten, der unsere Tradition weiterentwickelt.

Der sperrige Mix aus Glarner- und Hochdeutsch, der Ihre Romane «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» auszeichnet, kann durchaus als experimentell bezeichnet werden. Wieso schrieben Sie diese Bücher nicht auf Hochdeutsch?
Das Schweizerdeutsche war lange verpönt im Literaturbetrieb. Man hat versucht, es auszumerzen. Das führte dazu, dass die Sprache blutleer wurde. Im Ausland spottete man eine Zeitlang dar-über, dass Schweizer Texte sprachlich entleert daherkämen, trocken und ohne Leben. Als ich aber an diesen Stoff geriet, entdeckte ich, dass mir im Hochdeutschen schlicht die Worte fehlten, ich hatte gar keine andere Wahl, als auf den Dialekt zurückzugreifen.

Was Schweizer Schriftsteller bis dato als Hypothek angesehen hatten, wurde zur Lösung Ihres Problems?
Ich glaube, Dialekt funktioniert für Deutschschweizer Leserinnen und Leser ähnlich wie Musik: emotionale Hirnteile werden aktiviert, der Blick auf den Text wird ein anderer, die Worte bekommen plötzlich einen neuen Wert.

Wie reagierte das Publikum?
Überraschenderweise unglaublich offen. «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» haben ein breites Publikum angesprochen, vom Dreijährigen, der zum Einschlafen das Hörbuch hört, bis zu Greisen, die das Buch am Totenbett ihrer Liebsten gelesen haben. Ich erhalte immer wieder wunderbare, rührende Dankesbriefe.

Wieso haben heute viele Mühe, über Heimat zu sprechen?
Der Begriff «Heimat» ist sonderbar haltlos, niemand weiss genau, was das ist. Man streitet darüber, man kann es nicht einkreisen oder beziffern. Ich glaube, die Schwierigkeit besteht darin, dass heute gerade die Linke nicht mehr benennen kann, was ihr wichtig ist, was ihre nationale Identität ausmacht. Obwohl wir zweifellos alle eine haben. Der Konsens ist: wer links denkt, soll den Heimatbegriff meiden.

Was ist für Sie Heimat?
Heimat ist dort, wo man sich zu Hause fühlt, ganz konkret.

Sie sind seit Ihrem zweiten Lebensjahr in den Bergen zu Hause gewesen. Und die Berge werden stets zur Erklärung einer «Schweizer Mentalität» herangezogen. Leisten Ihre Romane «Quatemberkinder» und «Vrenelis Gärtli» hier einen literarischen Beitrag?
Es gibt nur wenige Orte wie die Berge, in denen man so sehr spürt, dass wir auch natürliche Wesen sind und nicht nur kulturelle. Verläuft man sich am Berg und es wird Abend, so weiss man: es geht ans Lebendige. Man muss tatsächlich aufpassen, dass man den nächsten Tag noch erlebt. Als ich «Quatemberkinder» schrieb, wollte ich aber vor allem wissen, warum die Schweiz ist, wie sie ist. Ich fragte mich: wieso sind wir Schweizer so innovativ, so utopisch und gleichzeitig so engstirnig und borniert? Um das zu verstehen, reichte es nicht, Älplergeschichten zu wiederholen. Stattdessen ging ich zurück zu Zeit und Ort der Gründung der modernen, industrialisierten Schweiz.

Sie gingen aber nicht nach Zürich, zu Alfred Escher…
…nein, ich ging ins Glarnerland, wo ich einen Teil meiner Jugend verbracht hatte. Im 19. Jahrhundert ist Glarus, der kleine, tiefeingeschnittene Bergkanton, bereits hochinnovativ, die am dichtesten industrialisierte Region Kontinentaleuropas. Und gleichzeitig ein archaisch-anarchischer Bauernstaat. Im Sommer sind die Menschen auf der Alp, haben ein sehr engräumiges Denken – und im Winter arbeiten sie in der Fabrik und stellen Stoffe her für Asien und Afrika. Das ist ein sehr radikaler Gegensatz. «Vrenelis Gärtli» erzählt vom Zusammenprall dieser Kräfte. Als Glarus 1861 brannte, nahm man sich vor, die Stadt nicht wieder spontan und ungeplant aufzubauen, sondern systematisch und vor allem: symmetrisch, so dass Löschzüge durch die Strassen fahren konnten und schwer löschbare Grossbrände damit endgültig der Vergangenheit angehörten. Man stellte die eigene Macht gegen die Naturmacht – ein entscheidender Moment für alle folgenden Glarner Generationen.

Das ist historisch belegt und als Erklärung einleuchtend. Wie steht es aber mit den Mythen und Legenden, die nicht nur in der Schweizer Geschichte, sondern auch in Ihren Geschichten eine zentrale Rolle spielen?
Sagen und Mythen sind die Grammatik, mit der damals die Welt erklärt wurde. Sie dienten dazu, Unerklärliches zu fassen. Das Bedürfnis nach Erklärung war immens in einer Welt, in der so viel Unfassbares geschah – in der man als Mensch den Naturgewalten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war. Sagen und Mythen versuchten, Halt zu geben, und das tun sie bis heute.

Seither wurde die Welt entzaubert. Je aufgeklärter wir sind, desto befremdlicher erscheint vielen die Haltsuche im Spirituellen und Mystischen.
Gewisse Räume gehen durch die Normierung unserer Lebenswelt sicher verloren. Der Kontakt zum brachialen, ungezügelten und
gefährlichen Leben wird zunehmend schwierig. Man sucht es in
Exzessen, in Swingerclubs und ähnlichem. Dabei haben wir die wirklich existentiellen Probleme ja gar nicht gebändigt, sondern bloss outgesourced. Die lebensbedrohenden Katastrophen finden heute einfach in der Dritten Welt statt.

Und wir spenden bei der «Glückskette».
Um unser schlechtes Gewissen zu beruhigen, ja. Die Tatsache, dass wir in einer so sicheren kleinen Welt leben, ist direkt gekoppelt an das unterschwellige Wissen, dass die Welt global gesehen sehr unsicher und fragil ist…

…und dennoch ist sie zunehmend auch kontrollierbar – zumindest glauben das viele.
Aus diesem Denken heraus entstehen zumindest die spannendsten Lösungsansätze. Der Machbarkeitsglaube beflügelt die menschliche Kreativität. Für die Menschheit, die so unglaublich resistent ist, gilt: wir lernen, werden besser und entwickeln uns. Das ist schon immer wieder beeindruckend.

Nun idealisieren Sie. Sind Sie am Ende doch noch ein versteckter politischer Schriftsteller?
Ich habe nie behauptet, ich sei keiner, im Gegenteil, ich bin sehr offen politisch. Alle meine Geschichten werfen Fragen danach auf, was die menschliche Verantwortung in einer bestimmten Situation ist – und das ist eine politische Frage. Ich erzähle Geschichten von Menschen, die ihre Selbstverantwortung wahrnehmen, plötzlich an einem Punkt stehen, wo sie bereit sind, ihren Egoismus zu relativieren. Meine Geschichten handeln immer wieder von den zwei Grundtrieben Altruismus und Egoismus – und davon, wie sie einander das Terrain streitig machen.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»