Das Lacan Seminar Zürich

Freud selbst war nicht immer Freudianer, so der französische Psychoanalytiker Jacques Lacan. «Zurück zu Freud» war das Motto seiner Lehre, die er zu einem Gedankengebäude ausarbeitete, das vor allem in romanischsprachigen Ländern Einfluss geniesst.
Im deutschen Sprachraum wurden Lacans Schriften lange Zeit nur wenig wahrgenommen. Vieles blieb auch nach der Übersetzung eines Teils seiner Arbeiten unver-standen. Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, wurde vor 10 Jahren das Lacan Seminar in Zürich gegründet. In Seminaren und Workshops werden vor allem die Werke aus der Schule Lacans wie auch Freuds gelesen und diskutiert.

Das Lacan Seminar Zürich ist die jüngste Institution der Psychoanalyse in der Region Zürich. Analytiker, Philosophen und Literaturwissenschafter gründeten es 1997, zunächst als Einfache Gesellschaft, 2001 dann als Verein, dem Bedürfnis folgend, die als schwierig geltende Lehre des Pariser Psychiaters und Analytikers Jacques Lacan (1901–1981) zu interpretieren und zu diskutieren. Die neue Institution sollte ein gemeinsamer Ort sein, an dem man sich zur Weiterbildung treffen und austauschen konnte. Zahlreiche Veranstaltungen zogen weitere Interessierte an. Von Anfang an hatte das Lacan Seminar Zürich eigene Räumlichkeiten, zuerst am Stadelhoferplatz, später an der Minervastrasse und zurzeit an der Preyergasse. Dort finden regelmässig Kurse statt, meist abends oder an Wochenenden.

Schon bei seiner Gründung war klar, dass das Lacan-Seminar keine eigene Schule bilden, keine Ausbildungsinstitution sein wollte. Kritisch beobachteten seine Gründer, wie verschiedene Institutionen, die einst um der Psychoanalyse willen gegründet worden waren, von psychotherapeutischen Richtungen buchstäblich verdrängt wurden. Fragen, wie etwa die der staatlichen Anerkennung, waren für die Mitglieder des Lacan-Seminars sekundär. Sie diskutierten sie lediglich im Hinblick darauf, ob die geforderten Kriterien vereinbar wären mit den Prinzipien der Psychoanalyse. Dies verschaffte dem Lacan Seminar Zürich einen Status abseits institutioneller Rivalitäten. Es steht allen Interessierten offen, auch den Mitgliedern anderer Institutionen. Da viele Teilnehmer des Lacan-Seminars zugleich Mitglieder des Psychoanalytischen Seminars Zürich (PSZ) sind, das sich entschieden hat, eine staatlich anerkannte Ausbildungsstätte für Psychoanalytiker zu sein, ist eine enge Verbindung entstanden, die bisweilen den Eindruck erweckt, das Lacan-Seminar sei eine Freifächerabteilung des PSZ.

Während geraumer Zeit schien es, als würden die Werke Lacans vor den Grenzen der deutschen Sprache Halt machen und nur Interessierte erreichen, die in der französischen Sprache sehr bewandert sind. Das änderte sich, als Darstellungen seiner Arbeiten in deutscher Sprache erschienen, namentlich das Buch «Die Sprache und das Unbewusste» (1973) des Gadamerschülers und Psychiaters Hermann Lang. Zudem wurden Beiträge Lacans und seiner Schüler ins Deutsche übersetzt, was vor allem ein Verdienst einer Berliner Übersetzergruppe um Norbert Haas und des Walter-Verlags, später des Quadriga-Verlags war. Und es entstanden erste Institutionen und Zeitschriften, die sich der Sache des Denkens Lacans annahmen. «Der Wunderblock» nannte sich die erste lacanianische Zeitschrift, für die galt, dass Lacan ohne Freud undenkbar sei, hatte doch jener selbst sein eigenes Denken unter das Motto «Zurück zu Freud» gestellt. Dieses «Zurück» sollte ein Programm für die Zukunft sein, um das einzuholen, was in der Geschichte der orthodoxen Psychoanalyse nach Lacans Auffassung verloren gegangen oder aber noch nie in gültiger Weise ausformuliert worden war.

Für mehrere Jahre war Berlin das Zentrum der Aneignung von Lacans Arbeiten. Die Mitglieder der ersten Institution, der Sigmund-Freud-Schule, veranstalteten Seminare und Vorträge, die weit über Berlin hinaus wirkten. Bald gesellte sich ein zweiter Ort dazu, an dem vor allem die praktische Ausübung der Psychoanalyse erlernt werden konnte: Strassburg. Dort gab es eine Gruppe von Analytikern um den Universitätsprofessor Lucien Israël.

So formierten sich allmählich regionale Schwerpunkte, an denen Lacans Arbeiten studiert, diskutiert und weitergegeben wurden. Einer davon war, seit den späten 70er Jahren, Zürich. 1986 gründeten Dieter Sträuli und ich die Zeitschrift RISS, die immer noch besteht – bis heute sind 65 Nummern erschienen. 1997 ist die Herausgeberschaft in andere Hände übergegangen. Das Wort «Riss» ist eigentlich eine Abkürzung der sogenannten Register, mit denen Lacan Freuds Werk las und die das Psychische strukturieren: das Reale, das Imaginäre, das Symbolische und das Symptom (oder auch: die Schrift). Darüber hinaus bezeichnet der Begriff die Arbeit des Architekten (man denke auch an die Marxschen «Grundrisse»); auch fällt einem Freuds «Abriss der Psychoanalyse» ein, und warum nicht ein Riss als Spalte, die eine Ganzheit aufbricht. Die Zeitschrift erfreute sich rasch einer grossen Beliebtheit unter den an Lacan Interessierten; sie diente als Organ des Austauschs, ohne Anspruch auf Perfektion.

Was in Zürich entstand, geschah mit Variationen auch an anderen Orten im deutschsprachigen Raum. So war es folgerichtig, dass im Zuge dieser Ausbreitung 1993 die «Assoziation für die Freudsche Psychoanalyse» gegründet wurde und etwa zu gleicher Zeit das Lacan-Archiv in Bregenz, das sich zum Ziel setzte, die schriftlichen Zeugnisse im Kontext des Lacanschen Werks und seiner Kommentierung zu sammeln und den Interessierten zugänglich zu machen. Im engen Kontakt damit wurde vier Jahre später das Lacan Seminar Zürich ins Leben gerufen.

In ihrer noch jungen Geschichte hat diese Institution eine bemerkenswerte Aktivität bewiesen, mit regelmässigen Seminarien und Wochenendveranstaltungen. 1999 organisierte sie zusammen mit dem «Burghölzli», der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, ein Symposium zum Gedenken an den Kongress der Internationalen Psychoanalytischen Assoziation (IPA) 1949 in Zürich, an dem Lacan die zweite Fassung des sogenannten Spiegelstadiums, eines wichtigen Teils seiner Lehre, vorgetragen hatte. Drei Jahre später, 2002, organisierte das Lacan Seminar Zürich, zusammen mit der «Assoziation für die Freudsche Psychoanalyse» und dem Burghölzli einen zweitägigen Kongress über Psychosen. Zuvor hatte eine Gruppe, zusammengesetzt aus Oberärzten und Psychologen des Burghölzlis und Analytikern des Lacan-Seminars, jahrelange Vorarbeit geleistet und sich in die Fragen vertieft, die sich bei der Behandlung von Psychosen stellen.

Die Schritte, die zur Gründung und zu den Aktivitäten des Lacan-Seminars führten, sind nur verständlich, wenn man sich mit den Grundgedanken des Lacanschen Werks vertraut macht, ihren Wegbereitern und ihrer Zukunft und sich so den Unterschied zu anderen psychoanalytischen Schulen verdeutlicht. Ohne diese Unterschiede könnten die Lacanianer in einer der bereits bestehenden Institutionen tätig sein, etwa im Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ), am Freud-Institut, bei den Szondianern oder bei den Daseinsanalytikern.

Bereits Lacans Grundansatz zeigt das Spezifische seines Vorgehens. Lacan will die Psychoanalyse nicht neu erfinden, sondern an dem anknüpfen, was Freud hinterlassen hat. Seine genaue Lektüre von Freuds Werk zeigte, dass vieles, was Freud beschrieben hatte, noch nicht zureichend konzeptualisiert war – Freud war Lacans Auffassung zufolge nicht immer Freudianer. Er machte Aussagen, in denen er hinter seinen eigenen Einsichten zurückblieb. Wenn der Begründer der Psychoanalyse etwa die Vorsprachlichkeit des Unbewussten behauptete, brauchte Lacan nur Freuds «Traumdeutung» (1900) zu öffnen, um festzustellen, dass das Unbewusste sprachlich strukturiert ist, ja sogar rhetorischen Gesetzen folgt. Oder wenn Freud das Unbewusste bloss der Vergangenheit zuordnete, konnte Lacan zeigen, dass Vergangenes erst im Kontext eines Zukunftsentwurfs hervortritt, was an Freuds Falldarstellungen deutlich wird.

Dies zeigt, dass Lacans Lektüre selber ein Beispiel dafür ist, wie etwas Gewordenes, nämlich Freuds Werk, dennoch nichts Abgeschlossenes ist. Zwar liegt das Faktische geschrieben vor, aber seine Bedeutung verändert sich, wenn neue Kriterien die Lektüre leiten. Mittels seiner Bildung in Sprachwissenschaft, Philosophie, Mathematik brachte Lacan Dimensionen, auch Probleme und Schwierigkeiten in der Sache zum Vorschein, die zuvor unbemerkt geblieben waren und die doch Freud immer wieder zu neuen Ansätzen genötigt hatten. Wobei Lacan seinerseits seine theoretischen Ansätze wiederholt revidierte.

Seine Lehre ist kein festes Gebäude, vielmehr ist sie in ständiger Veränderung. Ausgangspunkt ist das Sprechen, wie es schon die psychoanalytische Grundregel vorschreibt, die den Analysanden auffordert, möglichst ohne Zensur und Wertung auszusprechen, was ihm durch den Kopf geht. Lacan unterscheidet bei diesem Vorgang zwei Dimensionen: das Aussagen und die Aussage. Die Aussage orientiert sich an Sinn und Bedeutung, das Aussagen weist jedoch einen Überschuss auf, der es möglich macht, dass Fehlleistungen und Versprecher entstehen, auch Figuren wie Verdichtungen und Verschiebungen, die Freud vor allem im Witz und im Traum nachgewiesen hat. Das Aussagen konfrontiert den Sprechenden mit dem Nicht-Sinn – mit dem, was sich in den Aussagen nicht erschöpft. «Ich denke daran, was ich als Kind durchgemacht habe», sagt etwa ein Patient. Ist das erste «Ich» dasselbe wie das zweite? Ja und nein, e inerseits stellt sich dasselbe Ich zu verschiedenen Zeiten dar, anderseits besteht ein Unterschied zwischen dem sprechenden Ich und dem Ich, an das der Patient sich erinnert. In solchen einfachen Sätzen wird der Unterschied zwischen dem Ich des Aussagens und demjenigen der Aussage greifbar, und es ist ersichtlich, dass sich dieses aktuelle Ich selbst zur Frage wird, die nach einer Antwort, einem Sinn verlangt.

Das Beispiel weist auch auf das hin, was Lacan den Mangel nennt. Das Bewohnen der Sprache bewirkt, dass der Mensch seine Unmittelbarkeit verliert, er in die Kultur eingebunden wird, so dass ihm die Natur als verloren erscheint. Bis in die Sexualität, in die intimsten Bereiche, erweist sich das, was man das Seelische nennt, als von Sprache strukturiert; Sexualität ist nicht reine Natur, sondern geprägt von diesem Riss zwischen Kultur und Natur, der im Akt des Sprechens erfahrbar wird.

Weil die Sprache den Menschen von der Natur trennt, fasst Lacan sie als Instanz des Symbolischen auf. Sie bewirkt, dass sich die unmittelbaren Gegebenheiten in menschliche Realität verwandeln, in der die einzelnen Teile voneinander abhängig sind und für die Menschen etwas bedeuten. Das Symbolische kann auch Gegenständliches umfassen, über sprachliche Elemente hinausgehen. Ein einfaches Beispiel finden wir in den Namengebungen – was wären die Dinge, was wären die Menschen ohne Namen? Die Kultur könnte ohne Bezeichnungen nicht existieren. Die symbolische Ordnung bildet jedoch keine Totalität, sie ist begrenzt. Was nicht von ihr aufgenommen wird, nennt Lacan das Reale, das von dem, was er Realität nennt, zu unterscheiden ist. Das Reale ist nicht sagbar. Viele Bemühungen umkreisen es, versuchen, es begreifbar und benennbar zu machen: als Es, Sein, Natur, sogar als Göttliches. In lacanianischer Sicht ist hier das Imaginäre am Werk, das danach trachtet, die Unvollständigkeit des Symbolischen aufzufüllen. Ist das Symbolische das, was trennt und das Reale das, was ist, so lässt sich das Imaginäre als das bezeichnen, was verbindet. In menschlichen Beziehungen, vor allem in der Verliebtheit, in den Idealen und in den Phantasien, kurzum: im Streben nach Ganzheiten erkennen wir die Macht des Imaginären. Doch auch das Imaginäre stösst an Grenzen, vermag das durch das Bewohnen der Sprache verursachte Rätsel des Realen nicht zu lösen.

Das menschliche Sein situiert sich in allen drei Registern, es ist symbolisch, imaginär und real, wobei dem Symbolischen durch die Wirkung des Sprechens eine besondere Bedeutung zukommt. Lacan spricht deshalb vom Subjekt, wobei er «sub-iectum» (Unterworfensein) auf die Sprache bezieht, die den Menschen umtreibt und ihn selbst dort nicht in Ruhe lässt, wo er sich ausruht, im Schlaf, wie jeder Traum immer wieder zeigt. Die Sprache erweist sich als strukturierende Macht der Traumbilder, was aus Freuds Beispielen klar hervorgeht. Gleichwohl geht es in der Analyse darum, die Grenzen der Sprache erfahrbar zu machen und das Subjekt zu öffnen. Dies zeigt sich im «désir», so der Begriff Lacans, der gewöhnlich mit «Begehren» übersetzt wird. Der Wunschbegriff Freuds wird so präzisiert; es gehört zum Begehren, dass ihm kein Objekt ganz entspricht. Von dieser Einsicht her eröffnen sich Perspektiven auf Pathologien, wie etwa die Unersättlichkeit von Süchten, die mit Kategorien der Biologie nicht zu begreifen sind.

Lacans Konzept des Subjekts ist kein psychologisches, sondern verdankt sich den Strukturen des Anderen: der Sprache, die jedem Subjekt vorhergeht. Da das menschliche Sein durch den Mangel geprägt ist, der vom Symbolischen ausgeht, ist es eigentlich nicht sagbar. An die Stelle des Mangels treten Objekte, die wir nun als Wirkungen des Imaginären zu erkennen vermögen. In ihnen suchen die Menschen Halt. Ein Blick eines anderen Menschen, der einem viel bedeutet, lässt die menschliche Unvollkommenheit vergessen, erst recht eine Gabe, ein gutes Wort, eine Anerkennung. Aber das Begehren gibt sich damit nicht zufrieden, es will mehr, einen anderen Menschen besitzen, oder ihm alles geben, sich für ihn hergeben, seinen Mangel füllen. Leicht gerät man hier in die Psychopathologie, die dort ihren Ursprung hat, wo die menschliche Begrenztheit nicht hingenommen wird – wer könnte sich davon freisprechen?

Lacans Konzept ist keine Heilstheorie oder gar der Weg zu einem billigen Glück. Für Lacan hat das menschliche Leben etwas Traumatisches, bedingt durch die Wirkung der symbolischen Ordnung, die das Reale ausgrenzt. Dieses Trauma ist nichts Pathologisches, sondern kennzeichnet die Öffnung des menschlichen Seins. Neurosen, Perversionen, Psychosen sind Versuche, dieser Offenheit auszuweichen, da sie nicht als Quelle von Kreativität, sondern als Verhängnis gesehen wird. Doch gilt es zu versuchen, sein Subjektsein anzunehmen, das Unbewusste, das aus dem Realen hervorbricht, hörbar werden zu lassen. Der Analytiker macht diesen Weg möglich, indem er hilft, die Vorurteile und Illusionen des Subjekts in Frage zu stellen. Der Weg der Analyse führt demnach nicht zu einer Selbsterkenntnis, sondern eher zu einer Offenheit. Dem entspricht, dass Lacan dem Subjekt die Substanz abspricht, wobei an seine Stelle das tritt, was er «jouissance» nennt und was mit «Geniessen» nur unzulänglich übersetzt werden kann.

Diese Ausrichtung der Analyse ist sichtlich etwas anderes als das, was in gewissen psychoanalytischen Richtungen dargestellt wird, namentlich in der sogenannten Ich-Psychologie, die ebenfalls versucht, sich auf Freud zu berufen. Ihr zufolge verkörpert der Analytiker das vernünftige Ich, mit dem sich der Patient identifizieren soll. In der Lacanschen Analyse entspricht die Idealisierung des Analytikers einem Widerstand, der zwar ertragen werden muss, jedoch nicht gestützt werden darf. Vielmehr wird der Analytiker darauf aus sein, sich den Versuchen zu entziehen, ihn berechenbar zu machen, um damit dem Analysanden die Offenheit des Begehrens erfahrbar zu machen. Im Aufrechterhalten des Begehrens besteht die Ethik der Analyse im Sinn Lacans.

Entgegen dem Anschein, hat das Interesse an der Psychoanalyse in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht abgenommen. Die Lacansche Psychoanalyse erfreut sich jedenfalls zunehmender Aufmerksamkeit, allerdings in romanischen Ländern in weit grösserem Ausmass als im deutschsprachigen Bereich; zurückgebildet hat sich jedoch die Nachfrage nach psychoanalytischen Kuren. Das liegt wohl vor allem an ihrer langen Dauer; waren es zu Freuds Zeiten ein paar Monate, sind es heute viele Jahre, bei verminderter wöchentlicher Sitzungszahl. Das mag abschrecken, zumal in einer Zeit, die durch Streben nach Effizienz geprägt ist. Eine berufliche Existenz als Analytiker aufrechtzuerhalten, wird auch durch die grosse Anzahl praktizierender Analytiker erschwert. Viele potentielle Analysanden wissen um diese Situation der Konkurrenz.

Beides genügt jedoch kaum als Erklärung. Wahrscheinlich leben wir in einer Zeit, in der existenzielle Fragen oder das Ausloten eigener Grenzen weniger gilt als in früheren Zeiten. Sie werden absorbiert, einerseits durch biologistische Reduktionen und Hoffnungen auf pharmazeutische Erlösungen, anderseits durch das Aufkommen religiöser Fundamentalismen. So entgegengesetzt diese Tendenzen sind, ist ihnen doch gemeinsam, dass sie sich der Einsicht in die traumatische Verfasstheit des menschlichen Seins verschliessen. Gerade mit dieser setzt sich die Psychoanalyse auseinander. Sie wird froh sein müssen, wenn sie einen Platz in der Gesellschaft behaupten kann, wird aber ohnehin nicht über eine randständige Position hinauskommen.

PETER WIDMER arbeitet als Psychoanalytiker in freier Praxis in Zürich. Er ist Mitbegründer und derzeitiger Präsident des Lacan Seminar Zürich. Sein Buch «Subversion des Begehrens» (1990) führt ein in das Denken Lacans.

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Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»