Das kubanische Raubtier

Mit elf Jahren war er Eis- und Zigarettenverkäufer, später wurde er Kajaklehrer, Zuckerrohrschneider und Bauinstallateur. Sein Herz glühte für die kubanische Revolution – und es brannte beinahe aus, als sie brutale Realität wurde: der Schriftsteller Pedro Juan Gutiérrez über das real existierende Kuba.

Das kubanische Raubtier

Herr Gutiérrez, vielen Dank für die Einladung in Ihre eigenen vier Wände. Diese Dachgeschosswohnung in Centro Habana ist auch Schauplatz einiger Ihrer Romane, nicht?

Das stimmt. Hier habe ich im September 1994 begonnen, die Schmutzige Havanna-Triologie zu schreiben. Ich habe damals furchtbar gehungert. Ich war Journalist bei der Zeitschrift Bohemia1, aber mein Gehalt hat noch nicht einmal ausgereicht, um 30 Hühnereier auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, das war alles, was ich hatte, so dass ich gezwungen war zu improvisieren, recycelte Plastikflaschen zu verkaufen, was auch immer. Um zu überleben. Es war ein zerstörtes, schreckliches Leben während der «Spezialperiode»2.

Sie haben genau darüber geschrieben. Und zwar ohne jede Scham oder Zurückhaltung. Man hat Sie deshalb später als «Chronist eines wahrhaftigen Kuba» bezeichnet. Was ist damit gemeint?

Ich war damals 44 Jahre alt und habe viele Jahre mit viel Wut, viel Aggressivität, viel Zorn gelebt. Dieses zerstörerische Elend steht im Zentrum meiner Bücher. Es gibt Leute, die glauben, ich schreibe über Politik, eine Anklage, aber ich will niemanden anklagen, es interessiert mich nicht, jemanden für irgendwas verantwortlich zu machen. Ich glaube, es bedarf keiner Kommentare über die Realität in Kuba. Und ehe Sie fragen: meine Bücher beziehen sich ebenso wenig auf Sex. Das fragen Ihre Kollegen immer zuerst. (lacht) Der Sex ist in meinen Büchern wie eine Sosse, ein bisschen wie Ketchup oder Senf. Die Aufgabe des Ketchups ist es, für Geschmack zu sorgen, der eigentliche Hamburger ist die Armut. Das totale Elend, und wie es das Leben der Leute zerstört, ein schrecklicher Teufelskreis.

Sie haben das Elend selbst erlebt. Wie muss man sich Ihre Situation 1994, im Jahr, in dem Sie zu schreiben begannen, vorstellen?

Ich habe in einer Mischung aus Raserei, Wut, Enttäuschung, Depression, Traurigkeit, Alkoholismus geschrieben, alles vermischt, das waren sehr negative Empfindungen und Gefühle, die mein Leben, meine Psyche, meinen Verstand, meinen Geist zerstört haben. Ich war viele Jahre in dieser Wut gefangen, habe mich in Alkoholismus und Frauengeschichten geflüchtet, viele, viele Frauen. Der Sex – und das Schreiben darüber – war wie eine Therapie, um mich nicht am nächsten Pfahl aufzuhängen. Ich habe oft daran gedacht, mich irgendwo aufzuhängen – furchtbar.

Schreiben als Therapie – offenbar war sie erfolgreich.

Ich habe mich verändert seitdem. Hätte ich so weitergemacht, würden wir hier heute nicht ruhig sitzen und miteinander reden. Ich wäre tot, hätte Leberzirrhose oder mich mit Aids angesteckt – keine Ahnung. Vielleicht wäre ich auch im Gefängnis, ich weiss es nicht. Ich weiss nicht, wie mein Leben verlaufen wäre. Nun trete ich etwas kürzer. Damals aber war ich so aufgebracht, so aggressiv gegenüber mir selbst, so selbstzerstörerisch, so enttäuscht über alles, was in jenem Moment in Kuba passierte, denn das war das totale Scheitern eines Projektes, dem ich mein ganzes Leben gewidmet hatte.

Mit «Projekt» meinen Sie das kommunistische Kuba?

Ja. Ich hatte mein ganzes Leben der Revolution gewidmet, einem politischen Projekt, an das ich fest geglaubt habe. Und plötzlich musste ich mitansehen, wie alles… (ringt nach Worten), es war Dreck, all der Mist… und ich bin in eine tiefe Depression gestürzt mit Gefühlen von Wut, Verzweiflung und Frust. Die Wohnung war damals noch nicht so, wie sie heute aussieht. Ich habe dort in der Ecke gekocht, mit einer Blechbüchse und Holzkohle, es gab damals kein Gas… In der Büchse auf der Feuerstelle habe ich ein bisschen Reis und Bohnen gekocht. Ich war abgemagert… In schrecklichem Zustand… Aber wie ich – die gesamte Bevölkerung, alle! Ich glaube, diese Empfindungen sind es, die die Schmutzige Havanna-Trilogie und den König von Havanna ausmachen, sie zeigen eine grosse Grausamkeit mit der Hauptfigur…

…die den gleichen Vornamen trägt wie Sie…

(lacht) Sind Sie verwirrt? Mein Ziel ist es nämlich, den Leser zu verwirren. Zu verhindern, dass der Leser weiss: was ist Wahrheit, was ist Erfindung, wo ist die Grenze zwischen Realität und Fiktion. Deshalb heisst der Protagonist Pedro Juan, er hat dasselbe Alter wie ich, war früher Journalist, deshalb kann er mehr oder weniger schreiben, er ist kein Typ von der Strasse; also ein Typ, der Journalist war, ein Typ, der ernüchtert ist, man weiss nichts über seine Vergangenheit, er ist in diesem Sinne ein perfektes Alter Ego. Er ähnelt mir sehr. Ab und zu gebe ich sogar die genauen Masse seines Penis an, gehe also bis ins Detail.

Es gibt darüber hinaus ziemlich explizite Beschreibungen des Geschlechtsaktes. Alles wird bis ins Detail beschrieben, pornographisch. Wie schwierig war es, einen Verlag für Ihr Werk zu finden?

In jener Zeit war ich sehr rebellisch, sehr darauf aus zu schockieren, ich wollte viel stänkern… Mir war es egal, ob diese Bücher publiziert werden oder nicht, ich dachte nicht daran, die zu veröffentlichen. Als ich all diese Bücher geschrieben habe, habe ich dabei nicht an die Leser oder die Herausgeber gedacht, und auch nicht, was die Kritiker sagen würden… Die Kritiker hier in Kuba, als sie die Bücher gelesen haben, waren dann auch sehr schockiert, denn niemand in Kuba hatte zuvor auf diese Weise geschrieben, in ganz Lateinamerika nicht oder in Spanisch, keine Ahnung, wie es in anderen Sprachen ist, aber auf Spanisch – nein. Vor ein paar Jahren hat ein wichtiger Kritiker hier in der Casa de las Américas3 zu mir gesagt: «Als wir das gelesen haben, mussten wir dich angreifen, denn für uns war das keine Literatur, das passte nicht in unser Konzept von Literatur und wir haben viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass das auch Literatur sein kann, wir haben also viele Jahre gebraucht, uns an deine Bücher zu gewöhnen.»

Haben Sie sich denn je politisch oder anderweitig bedroht gefühlt?

Nein. Wieso sollte ich?

Weil Sie Havanna literarisch derart düster, dreckig und zum Teil verwahrlost darstellen – das kann doch den politischen Eliten nicht egal sein?

Man hat mich nie bedroht, einzig ausgegrenzt. Weil ich damals der einzige war, der Havanna beschrieben hat, wie es ist. Vorhin waren wir auf der Terrasse und du hast die «Landschaft» gesehen. Dieses Umfeld ist doch deprimierend, also soll man es auch so darstellen!

In Ihren Büchern kommen auch die schönen Seiten des Lebens auf Havannas Dächern und in seinen schummrigen Kneipen nicht zu kurz.

Richtig, richtig: Kuba als Landschaft ist abseits des Molochs wundervoll, die Strände sind sehr schön, also ist es gut, dass zum Beispiel auch Touristen hierher kommen! Die, die nichts Dreckiges sehen wollen, fahren direkt nach Varadero, nach Cayo Largo, direkt an den Strand, verbringen da eine Woche, steigen in ihr Flugzeug und kehren nach Berlin, Amsterdam oder Zürich zurück. Im Grunde stört mich diese touristische Sicht also nicht, sie ist bloss etwas ausgeleiert: die Mulattin mit dem dicken Hintern, tanzend, Zigarre, die alten Schrottkarren, schon etwas abgenutzt dieses Bild, ein bisschen dumm, aber gut…

Das europäische Kuba-Bild: hübsche Menschen, laszive Tänze, Zuckerrohrschnaps, Zigarren, Rum, Buena Vista Social Club…

(lacht) Ja, in Brasilien werden dieselben Bilder aufgerufen: schöne Menschen, die Samba tanzen… In der Altstadt Havannas gibt es zwei, drei Strassen, wo genau diese Bilder jeden Tag zu sehen sind – ein Themenpark für Touristen! Aber wenn du einen Block zur Seite läufst, stehst du mit den Füssen im Dreck, es ist ein Desaster.

Ihre Helden, etwa Reynaldo aus «Der König von Havanna», lassen Sie nicht selten elend verrecken. Auf einer Müllkippe, von Ratten gefressen bei lebendigem Leib. Das klingt dann auch schon fast nach Klischee, finden Sie nicht?

Ein Klischee? – Auf keinen Fall. Innerhalb der kubanischen Literatur war es bloss der erste Roman, der auf diese Weise geschrieben wurde – übertrieben habe ich mit den Bildern nicht. Das war für europäische Leser schon verstörend, nicht wahr?

Verstörend, ja, zum Teil. Das ständige Hin und Her zwischen idyllischem Stillleben und immer wieder brachial hereinbrechenden Sex- und Gewaltakten ist anregend kontrastreich, die Sprache wohltuend minimalistisch. Immerhin scheinen Pedro Juans und Reys Streifzüge durch Sex und Gewalt aber schockierend genug gewesen zu sein, um viele Verleger davon abzuhalten, Ihre Romane überhaupt herauszubringen.

Stimmt. In England und in den USA haben sie sich nicht getraut, den König von Havanna herauszubringen. Dabei habe ich gerade diesen Roman geschrieben, als wäre er ein Drehbuch für einen Film. Und er beschreibt bloss die Realität: Ich kann dich zu den Orten führen, wo sich das alles abspielt, es gibt sie: die Müllkippe, voll mit riesigen Ratten, und den Typ, der verrückt wird, nach allem, was sich in seinem Leben abgespielt hat; er wird verrückt, traumatisiert, bis zu diesem schrecklichen Ende. Ich werde dir etwas verraten: Diese beiden Romane, Schmutzige Havanna-Trilogie und Der König von Havanna, habe ich nie wieder in meinem Leben gelesen. Denn es waren Bücher, für die ich beim Schreiben dermassen gelitten habe, die mir so wehgetan haben, die mich so demoralisiert haben, dass ich sie nie wieder lesen wollte.

Sie brechen solche drastischen Szenen, wie sie in Ihrem Werk häufiger vorkommen, nicht selten durch die feine Ironie des Ich-Erzählers. Wie weit trägt aber Ironie durch ein brutales Gewirr aus Gewalt und Überlebensdrang in einer Stadt, in der jeder sich selbst der Nächste ist?

Die Ironie hilft dir als Mensch, hier zu überleben. Und die Ironie hilft dir als Autor dabei, nicht zu viel erklären zu müssen. Sie schockiert – und erlaubt dem Leser ein eigenes Urteil. Ich bin sehr antipädagogisch, will heissen: Ich gebe nicht gerne Schlussfolgerungen vor, ich bin nicht gern Pädagoge. Das ermüdet nur. Vielleicht gibt es deshalb so viel Ironie in meinen Texten, weil sie direkter ist, aber, wie mir scheint, auch effektiver, ja ich denke, das ist sie, sie ist viel effektiver als die Belehrung.

«Schmutziger Realismus» sagt man im Literaturjargon dazu.

Dieser «Schmutzige Realismus» ist eine kommerzielle Etikette. Richard Ford, ein US-amerikanischer Schriftsteller, Raymond Carver und zwei, drei andere haben vor vielen Jahren auf diese Weise geschrieben. Und die Zeitschrift Granta4 hat dann dieses Label «Schmutziger Realismus» erfunden. Als mein erstes Buch Ende 1997 bei Anagrama in Barcelona eintraf und im Oktober 1998 dann veröffentlicht wurde, sagte Jorge Herralde, der Verleger und Eigentümer von Anagrama, das sei «karibischer schmutziger Realismus». Es hat ihn an Charles Bukowski erinnert, dessen Bücher er ebenfalls verlegt hat, so kam das mit dem «karibischen Bukowski». Es war eine Verkaufsform, mich zu präsentieren, einen kubanischen Autor, von dem niemand wusste, woher der plötzlich aufgetaucht war, man musste ihm irgendein Etikett anhängen, um ihn besser zu verkaufen.

Können Sie mit solchen Zuschreibungen etwas anfangen?

Mir gefallen sie nicht so sehr, denn ich habe nichts mit Bukowski gemeinsam. Wir sind zwei komplett verschiedene Schriftsteller, ich hatte sogar noch nie was von Bukowski gelesen, als ich jene Bücher geschrieben habe. Das habe ich dann erst später. Er interessiert mich, er ist ein Schriftsteller, der ein paar interessante Bücher geschrieben hat, aber im grossen und ganzen ist er ein zerstörerischer Schriftsteller, der sich viel wiederholt hat und in diesem Sinne nicht sehr professionell war.

Wie professionell sind denn Sie, wenn ich das einmal so provokant fragen darf?

(lacht) Es gibt viele Leute, die meine Bücher lesen und denken, ich schreibe aus spontanen Eingebungen heraus, dass es «bamm» macht und ich schreibe… Aber das ist nicht so, ich habe in den 26 Jahren als Journalist gelernt, auf die Art zu schreiben. Es war ein Broterwerb, um mir «die Bohnen zu verdienen», wie man hier in Kuba sagt.

Zuvor waren Sie auch Erdnussverkäufer, Kajaklehrer, Soldat. All diese Berufe, inwiefern haben die Ihre Schriftstellerei beeinflusst?

Es gibt einen Roman von mir, El nido de la serpiente, der wurde noch nicht auf Deutsch übersetzt. Aber darin geht es um diese Zeit, als ich 16, 17, 18 Jahre alt war. Herrliche Jahre! Für mich ist Literatur Antagonismus, Konflikt und Leute in Grenzsituationen. Wenn du also die Erfahrung hast, die ich im Leben gemacht habe, immer wieder mit verschiedenen Leuten zu tun hast: zuerst beim Kajak, mit den Eisverkäufern, auf den Hühnerhöfen, wo ich Eis verkauft habe, in der Armee und so weiter… das ist fundamental.

Genauer?

Manchmal schreibe ich irgendwas, einen Gedichtband oder was auch immer, und erinnere mich dann an Leute, da tauchen dann
irgendwelche Persönlichkeiten von früher auf, und ich sage mir: was für ein Typ! Da hat man dann viel Rohmaterial. Es ist nicht dasselbe, wenn du ein geradliniges Leben geführt hast, zur Uni gegangen bist, studiert hast, was auch immer. Du hast dann nicht diesen Fundus, aus dem du schöpfen kannst, kennst keine Leute. Im Grunde erfindet ein Schriftsteller nichts. Was ein Schriftsteller macht: Sachen darstellen und das, was du erlebt hast, verarbeitest du, überarbeitest du. Das ist, was man macht, von daher war es wichtig, dieses Leben gehabt zu haben. Aber als ich 18 war, habe ich für mich festgelegt, dass ich auf jeden Fall Schriftsteller sein wollte.

Wieso?

Mit 16 habe ich Breakfast at Tiffany’s von Truman Capote gelesen. Das Buch hat mich fasziniert. Ich hatte vorher bereits viel gelesen. Aber dieses Buch hat mir besonders gefallen, denn es schien nicht Literatur zu sein. Ich erinnere mich da noch sehr genau daran, es war wie eine Erleuchtung, als ich beschlossen habe, dass ich Schriftsteller sein will, aber genau so schreiben will, mit 16, 17 Jahren. Verstehst du, ohne dieses ganze leere Gerede drum herum, denn gerade im Spanischen beschreiben die Leute alles mit vielen Worten. Die spanischen Schriftsteller sind furchtbar, unausstehlich, dieses ganze Geschwafel, die Mexikaner auch, reden viel zu viel. Besser sich kurz fassen. Das ist es, was du vorhin mit minimalistisch meintest: Wenn du was mit vier Worten sagen kannst, benutz nicht dreihundert.

Zunächst haben Sie aber gar nichts gesagt. Jedenfalls nicht öffentlich. Wieso haben Sie Ihre ersten literarischen Gehversuche so lang zurückgehalten?

Für mich war und ist die Literatur etwas Heiliges, ich wollte mein Geschriebenes lange versteckt halten. Ich schrieb, aber ich habe die Sachen niemandem gezeigt, denn nach einigen Tagen hat mir das Geschriebene schon nicht mehr gefallen: vielleicht irgendein Gedicht, eine kurze Erzählung… Und so habe ich viele Jahre geschrieben und die Sachen unter Verschluss gehalten und war nur Journalist. Niemand wusste ja, dass ich Kurzgeschichten, Gedichte schrieb… bis September 1994 – nach den Balseros.

Die Balseros: von balsa, Floss. Am 5. August 1994 demonstrierten in Havanna mehrere Tausend Menschen gegen die schwierigen Lebensumstände der «Spezialperiode». Daraufhin hob die kubanische Führung den Grenzschutz auf und ermöglichte Tausenden die Ausreise über das Meer auf selbstgebauten Flössen. Das Ereignis ist als Balsero-Krise in die Geschichte eingegangen und tief im kollektiven Bewusstsein der Kubaner verankert.

Es war vielleicht das demoralisierendste Ereignis in der Geschichte Kubas! Man muss dabei gewesen sein, um es zu begreifen: Die Leute sind betrunken abgehauen, sie haben sich vorher eine Flasche Rum eingeflösst, denn sie würden mit Haien zusammentreffen, dem Abgrund begegnen, der Dunkelheit auf dem Meer, denn sie sind fast immer nachts oder in der Abenddämmerung losgefahren… Den ganzen Monat August 1994 sind die Leute abgehauen, dem Angesicht des Todes entgegen, das war so was von schrecklich für mich, moralisch war es so furchtbar, dass ich… im September 1994 begonnen habe, die erste Geschichte der Schmutzigen Havanna-Trilogie zu schreiben; es war ein bisschen wie eine Rache, denn ich konnte nichts anderes tun…

Diese «Rache» machte Sie in der öffentlichen Wahrnehmung quasi über Nacht zu Kubas «kritischem Schriftsteller»…

Ja natürlich: wenn du über die Realität schreibst, ziehst du schon allein damit Schlussfolgerungen, gibst ein Urteil, eine Meinung ab, und suchst dir damit immer Probleme. Immer, denn es wird immer jemanden geben, der sich angegriffen fühlt, Leute, die sich beleidigt fühlen. Dann betrachten diese Leute das Geschriebene als Kritik. Ich selbst sehe das nicht so – stehe dem aber machtlos gegenüber.
So wird man dann «kritischer Schriftsteller» – und bei der Zeitung entlassen. (lacht) Aber es scheint, dass es eine sehr umfassende
Effektivität in meiner Prosa gibt, das hat mich aufgemuntert. Effektivität ist fundamental. Wenn du es durch deinen literarischen Stil schaffst, überzeugend zu sein, hast du den Leser gewonnen, dann hast du ihn in deiner Nähe und bist Herr der Situation.

Ganz Herr der Situation waren Sie aber dann doch nicht: Man hat Sie daheim auf Kuba mit Publikationsverbot bestraft…

Ich wurde nicht wirklich verboten, man hat mich viele Jahre lang einfach nicht publiziert. Ich habe einige sehr schwierige Jahre durchgemacht, sehr schwere und unangenehme, von Oktober 1998 an, als ich sogar meinen Job verloren habe. Ich bin trotzdem in Havanna geblieben. Aber seitdem reise ich jeweils für vier, fünf Monate im Jahr nach Spanien, verbringe dann wieder sechs, sieben Monate hier in Havanna, wieder zurück nach Spanien und so weiter…

Sie kehren stets nach Kuba zurück. Was lässt Sie immer wieder zurückkommen?

(lacht) Wird es Nostalgie sein? Wenn ich hier bin, fühle ich, dass es mein Zuhause ist. Wenn ich hier durch die Strassen laufe oder hier gerade mit dir rede, fühle ich, dass es mein Ort ist, der Ort, an den ich wirklich hingehöre. Ich fühle mich sehr gut, schlafe gut, verbringe Zeit mit meinen Freunden, rufe sie an… Wenn ich in Europa bin, ist das nicht dasselbe. Dort gibt es wiederum andere Vorteile, andere Möglichkeiten, die ich auch zu schätzen weiss, vor allem zu reisen, eine gute Bibliothek zu haben, hier habe ich diese Möglichkeiten nicht. Die Mehrzahl der kubanischen Schriftsteller, der kubanischen Künstler im allgemeinen – das hier ist eine Insel – versuchen, wenn sie jung sind, die Insel zu verlassen, seien es Maler, Schriftsteller, Musiker, alle versuchen, nach Paris zu kommen, nach Europa oder New York, viele sind nach New York gegangen, das ist eine Tradition in Kuba… das hier ist eine Insel und du fühlst dich ein bisschen isoliert, im wahrsten Sinne des Wortes: Insel, isoliert. Ich habe hier keinen Internetanschluss, kein internationales Fernsehen, ich habe das nicht und das nicht und das nicht… Manchmal ist es schwierig, auf diese Weise zu leben…

Wie hat sich denn Havanna in den letzten Jahren politisch und sozial verändert?

Ich weiss nicht, wie ich dir das beantworten soll, denn die Veränderungen finden sehr langsam statt. Es gibt aber eine sehr wichtige Veränderung, und die nehme ich durchaus wahr: die jungen Leute. Wir, die wir schon älter sind, so wie ich, die wir mehr oder weniger alles hinter uns haben, sind einfach nur hier. Aber die jungen Leute, Anfang 20, sind auf der Suche nach Neuem! Die Frau, die vorhin hier war, hat einen 21jährigen Sohn; der ist Tänzer, ein wunderbarer junger Mann, mit Initiative, einer Unabhängigkeit, kann mit all diesen technischen Apparaten umgehen. Ich habe ihm einen Laptop mitgebracht und er macht herrliche Dinge damit, tausend Sachen…

Wie steht es um die ökonomische Öffnung Kubas?

Ich sage dir etwas: Wenn das Land nicht in einen Prozess wirtschaftlicher Beschleunigung eintritt, damit die Wirtschaft auf normale Art und Weise funktioniert, wird es hier niemals ökonomische Stabilität geben, denke ich. Ich bin kein Wirtschaftsexperte, aber das erscheint mir fundamental, das ist der Kern, dass es eine Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivitäten des Landes gibt, dass Privat-eigentum funktionieren kann, in kleinem Rahmen, und dass sich die Wirtschaft stabilisiert… Ich besuche oft Mexiko, Brasilien, ebenfalls Länder mit viel Armut, die aber funktionieren. Warum? Weil jeder sein kleines Business hat, Sachen importiert. Aber bisher halten sich diese Bestrebungen in Kuba in Grenzen. Und solange nichts in diese Richtung unternommen wird, wird der Schwarzmarkt weiterexistieren, die Korruption, der Raub und die Armut.

Man könnte den Eindruck bekommen, die einzige Möglichkeit, sich das Überleben zu sichern, bestehe darin, möglichst alles am Staat vorbeizuschleusen.

Klar, weil es keine Möglichkeiten gibt, sich zu entwickeln… Niemand will in der Illegalität leben, niemand will ständig die Polizei im Rücken haben. Der Grossteil der Leute will nicht so leben, sondern ganz normal. Sie wollen konsumieren, einfach gut leben. Gerade die jungen Menschen interessiert Politik nicht im geringsten. Mit Ideologie brauchst du ihnen nicht zu kommen, das interessiert sie nicht, sie haben kein politisches Bewusstsein. Denen ist egal, wer an der Macht ist, ob sich die, die heute am Ruder sind, noch 150 Jahre länger dort halten… Diese Einstellung ist gut, denn sie entspannt. Wahr bleibt nämlich auch: die Regierung hat alles fest im Griff. Abrupte Veränderungen gibt es in Kuba nicht. Und das wird sich wohl auch so schnell nicht ändern.

 

1 Kubanische Monatszeitschrift

2 «Periodo especial en tiempos de paz» – Spezialperiode in Friedenszeiten, Synonym für den kubanischen Mangel. In den schlimmsten Jahren zwischen 1992 und 1995 (nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion) gab es auf dem kubanischen Markt selbst gegen harte US-Dollars kaum etwas zu kaufen.

3 Wichtiges kubanisches Kulturinstitut, 1959 von Haydée Santamaría gegründet.

4 Englisches Literaturmagazin.

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