Das Jahr vor der Wende

Die Spannungen zwischen Armenien und Aserbaidschan schlugen Anfang der 1990er Jahre in Gewalt um. Garri Kasparow lebte damals wie viele Armenier in Baku. Er blickt aus heutiger Sicht zurück und schildert, wie er über Nacht fliehen musste und weshalb er sich damals schon mit dem Kreml anlegte.

Im April 1990 war ich in Frankreich zu Gast. Während eines Ausflugs aufs Land gab ich dem Journalisten Fred Waitzkin, der später eine Biographie über mich schrieb, ein Interview. «Der Kommunismus ist tot», erklärte ich. «Nächstes Jahr wird es die Sowjetunion nicht mehr geben. Da bin ich sicher. Merken Sie sich meine Worte. Nächstes Jahr wird es das Reich des Bösen nicht mehr geben. In meinem Land wird es Privateigentum geben. Viele Sowjetrepubliken werden unabhängig sein.»1 In seinem Buch «Mortal Games» gab Waitzkin dieses Gespräch wieder und fügte hinzu, dass er meine Vorhersagen für «unbegründet, ja leichtfertig» gehalten habe, da sie so überhaupt nicht zur herrschenden Meinung passten.

Zu jener Zeit begann ich, eine Immunität gegen die zweifelnden Blicke von Journalisten, Experten und Politikern zu entwickeln, und diese Immunität leistet mir bis heute gute Dienste. Natürlich trafen meine Prognosen nicht immer zu, aber ich sagte lieber offen meine Meinung, als aus Angst vor dem, was andere von mir halten könnten, Selbstzensur zu üben. Das galt insbesondere für wichtige Themen. Ich zögerte nicht, bei jeder Gelegenheit den bevorstehenden Untergang des Kommunismus anzukündigen und zu fordern, dass der Westen nachdrücklicher auf demokratische Reformen in der Sowjetunion drängte.

Besonders ärgerte mich, dass Gorbatschow in Westeuropa und den Vereinigten Staaten als Verfechter der Freiheit gefeiert wurde. An jenem Abend in Frankreich sagte ich zu Waitzkin: «Gorbatschow hat es geschafft, den Westen davon zu überzeugen, dass er ein redlicher Mann ist, der für eine bessere Zukunft kämpft. Das ist eine Lüge. Er ist der letzte Führer eines kommunistischen Staates und versucht, so viel wie möglich davon zu retten.»2 So war es, und daran haben auch ein Friedensnobelpreis und zwei Jahrzehnte der Geschichtsfälschung durch Gorbatschow nichts geändert. Aber ich hatte auch persönliche Gründe für meine Feindschaft gegenüber dem Mann, der der erste und letzte Staatspräsident der Sowjetunion werden sollte.

Die Beziehung zwischen Aserbaidschan und Armenien war stets gespannt, aber in sowjetischer Zeit gab es keine grossen Ausbrüche ethnisch motivierter Gewalt. Als die regionalen Unabhängigkeitsbewegungen wachsenden Zulauf fanden, nahmen auch die Protestkundgebungen und die gewalttätige Rhetorik zu. Die sowjetische Hegemonie unterdrückte den Konflikt zwischen den beiden Völkern, aber als Moskau wegschaute, versank die Region in Gewalt. Ein Pogrom gegen die Armenier in Sumgait im Februar 1988 löste Kämpfe aus, die zwei Jahre andauerten, und zwang die Armenier, massenhaft auszuwandern. So wie später in Baku blieb eine Reaktion des Kremls zunächst aus, und erst sehr spät griff er entschlossen ein. Wie ein Autor damals düster scherzte, waren die britischen Streitkräfte schneller auf den Falklandinseln als die sowjetischen Sicherheitskräfte in Sumgait.

Im Jahr 1988 lebte etwa eine Viertelmillion Armenier in meiner Heimatstadt Baku. Im Januar 1990 gab es nur noch Armenier aus ethnisch gemischten Familien wie meiner eigenen in der Stadt. Dann brach die Gewalt aus, und in Baku und Umgebung begann eine siebentägige Terrorherrschaft von Gruppen, die sämtliche Armenier vertreiben wollten. Mehr als hundert Menschen wurden getötet, fast tausend erlitten Verletzungen. Ich hatte das Glück, ein Flugzeug chartern zu können, mit dem ich meine Familie, meine Freunde und möglichst viele weitere Menschen im Schutz der Nacht in Sicherheit bringen konnte.

Die Tragödie hätte leicht vermieden werden können. In Baku war eine 11 000 Mann starke paramilitärische Einheit stationiert, aber die Truppen erhielten keinen Einsatzbefehl. Erst etwa eine Woche nachdem den Mörderbanden die Angriffsziele ausgegangen waren, besetzten sowjetische Truppen unter dem Kommando von General Alexander Lebed die Stadt, und das Kriegsrecht wurde verhängt. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten der 50 000 Armenier, die noch in Baku ausgeharrt hatten, geflohen. In einer grossen Stadt wie Baku hätten die Angriffe ohne genaue Informationen aus dem Sicherheitsapparat und ohne umfassende Koordinierung unmöglich so gezielt durchgeführt werden können.

Ich bin davon überzeugt, dass Gorbatschow mit diesen Gewaltausbrüchen die direkte Kontrolle über die Konfliktgebiete im sowjetischen Imperium erlangen wollte. Er liess zu, dass die Gewalt ihren Lauf nahm, und schickte anschliessend Truppen, um die abtrünnige Republik zu unterwerfen und eine moskautreue Führung zu installieren. Das Pogrom in Baku führte zu meiner einzigen Begegnung mit Gorbatschow, die einige Tage nach dem Einmarsch von Lebeds Truppen am 20. Januar stattfand. Ich wollte mit ihm über die 120 ermordeten Menschen und zehntausenden Vertriebenen sprechen. Was würde er gegen die militärische Konfrontation zwischen Aseris und Armeniern tun? Aber Gorbatschow war nicht bereit, über diese Fragen zu sprechen. Stattdessen wollte er wissen, wer meiner Meinung nach der beste Kandidat für das neu zu besetzende Amt des Ersten Sekretärs der Kommunistischen Partei von Aserbaidschan war.

Ich bemühte mich weiter nach Kräften, die Aufmerksamkeit der Welt auf die Vorgänge in der Sowjetunion zu lenken. Ich gab bekannt, dass ich im Fall eines Sieges über Karpow im Weltmeisterschaftskampf 1990 die Trophäe verkaufen und den Erlös zur Einrichtung eines Fonds zur Unterstützung armenischer Flüchtlinge aus Baku spenden würde, und genau das tat ich. Die Trophäe brachte etwa 10 Millionen Rubel ein, was damals 300 000 US-Dollar entsprach. Meine Mutter und ich verwalteten den Fonds von unserem Haus in Moskau aus. So kam ich mit ungezählten Flüchtlingen in Kontakt – ihre Leidensgeschichten vertieften meine Abneigung gegenüber Gorbatschow.

Bei jenem Weltmeisterschaftskampf 1990, der meine fünfte Auseinandersetzung in Folge mit Karpow war und teils in Lyon, teils in New York ausgetragen wurde, kam es zu einem Streit über die Frage, welche Flagge bei den Partien neben meinem Namen gezeigt werden sollte: die sowjetische mit Hammer und Sichel oder die wieder aufgetauchte vorrevolutionäre russische Trikolore. Ich weiss, dass dies vermutlich wie eine Nebensächlichkeit wirkt. Aber für mich und für eine von Symbolik, Politik und Schach besessene sowjetische Kultur war es eine wichtige Frage. Die Sowjetunion sollte sich erst ein Jahr später auflösen, und die Organisatoren in New York wollten eine Politisierung der Veranstaltung unbedingt vermeiden und die sowjetische Regierung nicht vor den Kopf stossen. Schliesslich war dies kein Rocky-Film, in dem ein amerikanischer Aussenseiter gegen einen übermächtigen Russen antrat – es kämpften zwei Russen gegeneinander um die Schachkrone. (Insbesondere die Amerikaner neigten dazu, sämtliche Einwohner der Sowjetunion als Russen zu bezeichnen. Der amerikanische Schachweltmeister Bobby Fischer kündigte einmal bei einem Turnier an, er werde «sämtliche Russen schlagen», aber diese «russischen» Gegner kamen aus Estland, Lettland, der Ukraine und Armenien!)

Natürlich war eine Politisierung dieses Kampfs genau, was ich wollte. Ich hielt an meiner Forderung fest und setzte mich durch – zumindest für eine Weile. Nach der vierten Partie wurden beide Flaggen entfernt, weil die sowjetische Delegation protestiert hatte. Daraufhin trug ich während des restlichen Kampfs eine auffällige Anstecknadel mit der russischen Fahne am Revers. So sehr ich den Schachsport liebte und so viel er für mich getan hatte, mir war stets bewusst, dass es wichtigere Dinge im Leben gab. Ich hatte Glück, dass ich für meine «Treulosigkeit» gegenüber der Schachgöttin Caissa nur selten bestraft wurde. Obwohl mich das Trauma von Baku und die russische Politik sehr in Anspruch nahmen und die Vorbereitung auf die Auseinandersetzung mit Karpow beeinträchtigten, gelang es mir, erneut die Oberhand zu behalten. Ich besiegte Karpow unter der weiss-blau-roten Flagge von Demokratie und Rebellion.


Beim hier vorliegenden Text handelt es sich um einen Ausschnitt aus Garri Kasparows neuem Buch «Warum wir Putin stoppen müssen. Die Zerstörung der Demokratie in Russland und die Folgen für den Westen» (Übersetzung aus dem Englischen: Stephan Gebauer), das im November bei DVA (München) erschienen ist. Wir danken dem Verlag für die freundliche Zusammenarbeit.


1 Fred Waitzkin: Mortal Games: The Turbulent Genius of Garry Kasparov. New York 1993, S. 594 f. (Kindle-Ausgabe).
2 Ebd.

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