«Das ist Zeitgeist»

Alle reden von Wettbewerb – bloss um ihn zu meiden. Alle geisseln den Staat – und rufen doch nach ihm, wenn es ihnen nützt. Rolf Soiron, einer der einflussreichen Wirtschaftsführer der letzten Jahrzehnte, konstatiert eine Verrentung der Schweiz. Er skizziert, welche drei Aufgaben auf die Politik zukommen.

In der Bundesverfassung steht: Bund und Kantone halten sich in der Schweiz an den Grundsatz der Wirtschaftsfreiheit. Halten sich Bund und Kantone in der Tat daran oder leben wir de facto in einer halb verstaatlichten Wirtschaft?

Rolf Soiron: Das Faktum, dass Bund, Kantone und Gemeinden sich immer mehr wirtschaftlich und parawirtschaftlich betätigen, ist unbestritten. Die Täter und die Opfer sind sich dessen jedoch zumeist kaum bewusst. Dafür besitzen Begriffe wie Service public, Gemeinschaftsaufgaben, Gesamtverantwortung und Solidarität eine verführerische Kraft und die geradezu amöbenhafte Fähigkeit zur schleichenden Ausbreitung. Darum würde auch das präzise, aber scharfe Wort, der Wirtschaftsaktivismus der öffentlichen Hand sei eine Verfassungswidrigkeit, nur auf Unverständnis stossen. Ich sage darum etwas resigniert und achselzuckend: Es trifft zu, was Sie in Ihrer Frage insinuieren. Nur entspricht es dem Zeitgeist und ist bis auf weiteres kaum zu ändern. Aber es beunruhigt mich schon, dass wir eine passive Haltung gegenüber grossen Aufgaben entwickelt haben, die auf uns zukommen.

An welche Aufgaben denken Sie konkret?

Vor allem an drei. Erstes Feld: Alters- und Gesundheitsfürsorge, Stichwort: demographischer Wandel; zweites Gebiet: Energieversorgung, Stichwort: Schaffung von Wohlstand; drittes Thema: Bildung, Stichwort: Berufskompetenzen und Lebenschancen. Wenn wir mit der immer gleichen, stets bürokratischer werdenden Staatsbevorzugung an diese Herausforderungen herangehen, werden wir innovationslos und ineffzient scheitern. Garantiert.

Sie haben Täter und Opfer erwähnt. Wer sind die Täter, wer sind die Opfer?

Täter sind Entscheidungsträger und Meinungsmacher, welche eine verstaatlichende Tendenz und Diskurse fördern. Opfer sind wir alle, die Mitglieder der Gemeinschaft, die immer mehr durch Zwangsvorschriften zu Zwangsabnehmern degradiert werden.

Finden sich also auch Täter in der Privatwirtschaft?

Selbstverständlich. Da gibt es recht viele kurzfristige Profiteure und Spieler, die je nach Situation und wenn es ihnen nützt, nach Staatsschutz und Staatsunterstützung rufen. Man findet sie in diversen Branchen. Leider gehört der Energiesektor auch dazu. Im Gastgewerbe sind ähnliche Tendenzen auszumachen. Und sogar die Pharmabranche ist nicht ganz immun. Stets wenn die Wellen hochgehen, schreien die Menschen nach den Strandaufsehern, statt selber zu schwimmen. Auch in unserem Land ist eben die Privatwirtschaft nicht immer davor gefeit, nach dem Staat zu rufen, wenn sie glaubt, es gehe ihr zu wenig gut. Es existiert eben auch eine weit verbreitete Bequemlichkeit, die Verantwortung für Lösungen nach oben zu delegieren. Man ist von den Risiken wie gelähmt, ist unfähig, die Chancen auch nur noch zu sehen, und hat die Lösungskraft des Wettbewerbs vergessen.

Eine geschützte Branche ist jene des normierten Transports per Auto. Wenn Sie selber die Wahl haben, was nutzen Sie: ein herkömmliches Taxi oder Uber?

Wenn ich die Wahl habe: Uber, aus voller Überzeugung. Dies ist eine wirkliche Innovation unserer Zeit. Das Geschäftsmodell verbindet Informationstechnologie mit Erhältlichkeit von Ressourcen und nützt Investitionen aus, die bereits getätigt sind. Uber schafft eine bessere Nutzung von Aktiva, die brachliegen – und verlangt vom Staat keinen gewerkschaftsähnlichen Schutz. Wenn ich die Unzuverlässigkeit, Unkenntnis, Unfreundlichkeit von Taxiunternehmen an vielen Hauptbahnhöfen in diesem Land beobachte, so ist mein Entscheid ganz leicht: Uber macht Menschen aktiv, die eine gesuchte Dienstleistung punktgenau liefern können. Dieses Modell ist transponierbar. So glaube ich, dass die Altersvorsorge dereinst mit Uber-ähnlichen Geschäftsmodellen angepackt werden muss. Nur verraten eben die Reaktionen auf Uber vieles über den politischen Zeitgeist unserer Tage.

Konkreter, bitte.

Sehen Sie denn nicht den hasserfüllten Widerstand gegen Uber? Übrigens gelegentlich von enormer Naivität begleitet! Schauen Sie doch, wie oft jetzt nach dem Schutz eines Gewerbes gerufen wird. Man müsse den armen Taxihaltern unter die Arme greifen und sie gegen dieses im Internet geborene ungerechte Ungeheuer schützen. Dass mit diesem naiven Heimatschutz für das Bisherige möglicherweise neue Arbeitsfelder und für alle – übrigens auch die Umwelt! – interessante Modelle – verunmöglicht werden, geht vergessen.

Ihren Worten entnehmen wir, dass in der Schweiz der Geist des Wettbewerbsfeindlichen umgeht. Gleichzeitig schreiben aber doch alle von Wettbewerb, jeder spricht von Benchmark und komparativen Vorteilen. Gehen wir selber einer Pseudorhetorik auf den Leim?

Das war schon immer so: Man benützt Schlagwörter moderner Art, um de facto geltende Herrschaftsverhältnisse und den Status quo zu zementieren. Das passiert immer wieder und ist nicht die entscheidende Frage.

Welches ist denn die entscheidende Frage?

Jene nach dem Vergessen: Wir vergessen zu oft. So haben wir an den Schalthebeln lange ganz einfach vergessen, für alle nachvollziehbar aufzuzeigen, dass der Riesenvorteil des Wettbewerbs der kostenlose Test ist, was am Ende besser – oder überhaupt! – funktioniert. Der Wettbewerb ist eine dauernde Testanlage, ein breites Experimentieren, ein unerbittliches Verfahren von Versuch und Irrtum, die ständige Provokation zur Innovation. Unsere Zeit macht das aber genau vom falschen Ende her: Wir verordnen Innovation immer mehr staatlich und von oben.

Sofern der Staat Innovation befördern kann, was genau ist daran schlecht?

Staatliches und vom Staat Geschaffenes hat den Anspruch der Dauer. Und was der Staat einmal schafft, kreiert Anspruchsgruppen, die ihre Ansprüche verteidigen, wenn sie sie einmal haben. In ihrer Konsequenz führt staatlich verordnete Innovation darum zu immer neuen Rentnergruppen, die sich genau dann gegen die neuen Innovationen stellen werden, wenn sie einmal nötig werden.

Sehen Sie dafür einen Trend, der sich an objektiven Daten festmachen kann?

Schauen Sie sich doch die Staatsquoten über die letzten fünfzig Jahre an: Lauter Neues, vom Staat Geschaffenes, das sich perpetuiert statt erneuert. Sie sehen hier übrigens auch eine Konvergenz zwischen der Schweiz und einer gesamteuropäischen Wirklichkeit. Auch bei uns bewegen sich die korrekt gerechneten Zwangsabgabenquoten ja mittlerweile um 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, selten mal leicht darunter, zumeist ein wenig darüber. Rhetorisch grenzen wir uns vom europäischen Umland ab, in der Realität unterscheiden wir uns in der Wohlfühlmentalität bloss noch in Nuancen; das Bewusstsein der Fakten geht bei uns ebenso flöten wie in noch ausgebauteren Wohlfahrtsstaaten.

Seit den 1970er Jahren sehen wir einen Anstieg der Staatsquote in der Schweiz, einen kurzen Moment der Reformen, aber zuletzt wieder eine sanfte, aber stetige Zunahme auf beachtlichem Niveau. Teilen Sie diesen Befund?

Absolut. Die 1990er Jahre zeigten eine Zunahme der Reformbereitschaft. Dies hatte zweifellos mit dem Leidensdruck zu tun – die Schweizer Wirtschaft befand sich in einer Stagnationsphase. Langsam ging es immer mehr Menschen auf, dass die Schweiz in Sachen Wachstum die rote Laterne Europas übernommen hatte. Das sogenannte Weissbuch «Mut zum Aufbruch» von 1995 schockierte viele, war aber ein erster Aufruf, einen Ausgang aus der Reformunfähigkeit zu finden. Und in der Folge wurden ja durchaus auch Veränderungen eingeleitet, von der Schuldenbremse über mindestens teilweise Privatisierungen von Staatsbetrieben bis zu Hochschulmodernisierungen und anderem mehr… Heute fehlt dem öffentlichen Bewusstsein dieser Leidens- respektive Anpassungsdruck. Allerdings wächst er in den drei grossen Bereichen Altersvorsorge, Energie und Bildung, wenn auch noch so still, dass es sich das Gros der Politik noch leisten kann, ihn zu ignorieren. Doch die Frage ist unausweichlich, wie wir uns diesen Herausforderungen stellen werden – in einem Staat, der sich bereits jetzt implizit nahe am finanziellen Abgrund bewegt.

Trotz diesem von Ihnen geschilderten Druck und einer aktuellen Staatsquote von rund fünfzig Prozent ist heute die Rede vom Hyperkapitalismus, der freien Marktwirtschaft und einer internationalen Spitzenposition der Schweiz bis weit ins bürgerliche Lager etabliert. Woher stammt dieses Auseinanderdriften von Realität und Schilderung?

Diese Diskrepanz zwischen etatistischer Realität und der Rede von freier, ja entfesselter Wirtschaft ist in der Tat erstaunlich. Leider steckt dahinter allzu oft nicht viel mehr als der mangelnde Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Oder Opportunismus: Entscheidungsträger und Meinungsführer erzählen Märchen, weil sie von Märchen profitieren. Den Preis zahlen dann jene, die noch nicht rechnen können oder die noch nicht geboren sind.

Können Sie dies an einem Beispiel festmachen?

Sehen Sie sich den Energiebereich an. Die Energiepolitik, die wir gegenwärtig aufgleisen, wird die Grundlage unserer Art zu leben völlig neu organisieren. Mit dem, was wir bei uns «Energiewende» nennen, treiben wir uns in die Verteuerung dieser Grundlage hinein – aber wir nehmen dies nicht wirklich wahr. Aber auf die wirklichen Probleme gehen wir nicht ein. Im Januar 2011, drei Monate vor Fukushima, sagte ich zu Bundesrätin Doris Leuthard, die damals noch als Atomkraftturbo galt, dass die damals aktuelle Nukleartechnologie eigentlich unverantwortlich sei. Ich sagte das, obwohl ich von der Nukleartechnologie überzeugt bin, aber weil ich eben auch Leichtwasserkernreaktoren unverantwortlich finde, welche unseren Nachkommen für Jahrtausende Strahlenabfall hinterlassen.

Was entgegnete die Bundesrätin?

Ich glaube, dass ein Industrieller und Bürgerlicher das zu ihr sagte, war für sie schwer verständlich und sah damals fast wie wirtschaftlicher Selbstmord aus. Rasch nach Fukushima – und vor Wahlen! – sprang dann allerdings Frau Merkel auf den opportunistischen Wende-Zug auf, und leider folgte ihr Frau Leuthard. Nun sind wir auf diesem Geleise. Obwohl man nur weiss, dass damit alles teurer wird, nicht aber, wohin es führt. Noch einmal: Die Reaktoren der herkömmlichen Art müssen Geschichte sein, nicht aber die Kerntechnologie an sich. Nur ist es politisch anscheinend nicht opportun, davon zu reden. Solchen Opportunismus gibt es auch in der Bildungspolitik: Das psychologische, biologische, soziale, pädagogische Wissen rennt uns davon. Dennoch schaffen wir immer zentralistischere Bildungspläne. Doch wenn HarmoS einmal zementiert ist, wird seine Anpassung an die rasante Entwicklung immer schwieriger.

Wir driften in die Planwirtschaft und finden das völlig normal?

Planwirtschaft hat eine Aversion gegen Lernen und Reform, tendiert in Richtung Starre und macht Anpassung an Neues schwer. Sie schafft Anspruchsgruppen – Rentiers –, die sich einrichten und somit nichts Neues lernen zu müssen glauben. Bewährte Pfründe geben sie natürlich nicht wieder her. Das ist ein Verderben in Raten. Aber schuld sind auch wir selber. Denn wir haben es nicht geschafft, die Vorteile des Systems Wettbewerb deutlich zu machen.

Wer ist mit «wir» angesprochen?

Leute wie Sie und ich, die Entscheidungen treffen, die auch andere betreffen, und über solche Entscheide nachdenken. Klargemacht haben wir übrigens auch nicht, dass es beim Wettbewerb zwar um hohe Einsätze geht, aber am Ende die meisten gewinnen, wenn die Regeln die richtigen sind. Verlieren können indes auch solche in privilegierter Position. Die sträuben sich und die lieben den Wettbewerb gelegentlich auch gar nicht.

Das Rentenmodell ist für viele eben doch attraktiver.

Natürlich. Aber Verantwortung müsste uns doch dazu bringen, dass wir unsere Lebens- und Handlungssysteme sich optimal in die Zukunft hinein entwickeln lassen. Dass das Rentensystem schon morgen nicht mehr funktioniert, weiss man doch.

Ist dies eine Generationenfrage? Anders gefragt:
Wissen Sie das vielleicht, aber nicht unbedingt jüngere Menschen, die im Überfluss aufgewachsen sind?

Das glaube ich nicht. Mein Sohn ist nicht in allem mit mir einverstanden. Aber kürzlich hat er ein Stück Land geerbt und jetzt beginnt er sich gehörig aufzuregen, wie viele Behörden ihm dreinreden und wer ihm alles Vorschriften im Umgang mit seinem Privateigentum macht. Ist es beispielsweise eine staatliche Aufgabe, den Bau von Mietwohnungen in Anflugschneisen von Flughäfen zu untersagen? Soll hier nicht der Markt entscheiden? Wenn es Mieter gibt, die den Fluglärm in Kauf nehmen, so sollen sie mieten dürfen.

Interessanter Punkt. Junge Menschen mit einem Grundvermögen lernen, was liberale Haltung und unternehmerische Tätigkeit ist. Liesse sich daraus ein Plädoyer für ein Anliegen des linken politischen Lagers, das bedingungslose Grundeinkommen für alle, ableiten?

Ganz abwegig wäre die Idee des garantierten Grundeinkommens nicht. Aber nur unter der Bedingung, dass man konsequent ist, und zwar sehr. Das würde heissen: Es werden dafür im Gegenzug Sozial-, Ergänzungsleistungen, und wie sie alle sonst noch heissen, abgeschafft. Wäre es wirklich die Idee, durch ein Grundeinkommen das aus dem Ruder laufende Sozialbezugssystem abzulösen, dann müsste man darüber debattieren!

Man sollte also jedem die Möglichkeit geben, Grundvermögen zu bilden. Am besten geschieht dies aber wohl dadurch, dass man Einkommen tief besteuert und den Arbeitsmarkt flexibel ausgestaltet. Also runter mit den Einkommenssteuern und her mit Vertragsfreiheit!

Einverstanden. Doch irgendwie fehlt heute bei den Menschen auch ein gewisser Stolz. Der Stolz nämlich, sich nicht überall dreinreden zu lassen. Hier hat sich etwas verändert. Jedenfalls meine ich, ich hätte diesen Stolz selber angetroffen, als ich jünger war. Er basierte auf der Selbstverständlichkeit, dass ich für mich selber und die Meinen verantwortlich bin. Stattdessen sehe ich immer mehr eine Grundhaltung, man habe vor allem Rechte, von Pflichten solle man nicht sprechen. Da sich die diversen Anspruchsgruppen in dieser Haltung finden, stellt sie vielleicht schon längst die Mehrheit. Damit ist der Beitrags- und Rententeppich geknüpft, der sich über das Land gelegt hat.

Wie lässt sich der Teppich aufdröseln? Durch Aufklärung, Fakten, Gegenstimmen?

Leider können wir darüber derzeit reden und schreiben, so viel wir wollen – die Wirkung bleibt begrenzt. Das ist Zeitgeist. Und für die Rentiers besteht schlicht kein Anlass, etwas am Status quo zu ändern. Allerdings meine ich, dass Druck kommen wird. Und zwar von den exogenen Veränderungen in den Gebieten Energie, Bildung und Alters- und Gesundheitsfürsorge.

Also abwarten und Tee trinken? Oder haben Sie eine Strategie im Auge, die Sie uns erläutern möchten?

Strategie heisst eben auch, zu sehen, wann Wirkung erzielt werden kann und wann nicht. Sobald etwas wirklich akut wird, lässt sich der Status quo verändern, vorher kaum. Und akut heisst in Demokratien, dass eine Mehrheit den Preis wirklich spüren muss, den sie bezahlt, respektive merken muss, was sie dafür bekommt.

Sie argumentieren die ganze Zeit schon versteckt ökonomisch.

Durchaus. Allein in den drei Gebieten, von denen ich dauernd spreche, sind die nötigen ökonomischen Mittel und Konsequenzen geradezu gigantisch. Darum muss man zeigen, dass es der Wettbewerb ist, der hier die nötigen Innovationen schafft. Allerdings auch die Delegation der Verantwortung nach unten, auf die kleinen gesellschaftlichen Körper. Das stoppt die Tendenz hin zu immer mehr Staat und Vergesellschaftung ganzer Lebensbereiche.

Sie wirken in verschiedenen Funktionen und an verschiedenen Schalthebeln in der Privatwirtschaft. Auf welche guten Veränderungen konnten Sie in Ihrer persönlichen Einflusssphäre hinwirken, im Sinne eines Vertreters der Avantgarde?

Am Genfer IHEID – Institut des Hautes Etudes International –, dessen Präsident ich bin, haben wir die an sich hohen Studiengebühren nochmals fast verdoppelt. Warum? Studenten aus wohlhabenderen Verhältnissen ermöglichen es uns damit, einen wirksamen Fonds zu schaffen, mit dem Studenten aus weniger begüterten Ländern und Verhältnissen finanziert werden, beispielsweise aus Afrika. Wir organisieren also quasi Umverteilung – aber in privatwirtschaftlichem Rahmen. Interessanterweise hat fast die gesamte Linke in Genf dagegen protestiert: Unser Vorgehen verletze die Maxime der Gleichheit, verbaue Schweizer Studienplätze. Was heisst das? Doch nur, dass die politische Linke nicht mehr willens ist, wirkliche soziale Experimente zu akzeptieren. Das ist Strukturkonservatismus in Reinform.

Ist dieses Genfer Erlebnis Ausdruck einer ebenfalls schwelenden Elitefeindlichkeit?

Lassen Sie mich so antworten: Ja, man muss den Universitäten das Recht geben, sich ihre Studierenden selber auszusuchen. Damit werden sich der innere Geist der Unis und die Qualität von Lehre und Forschung enorm verändern. Und das Land würde davon nur profitieren!

Plädieren Sie für den Numerus clausus?

Das ist etwas anderes. Numerus clausus bedeutet die Beschränkung der Zahl von Studienplätzen. Das würde ich offen lassen respektive den Universitäten überlassen. Wenn sie es sich leisten wollen, mehr Studierende zu haben, dann sollen sie dies tun dürfen. Doch sollen sie über die Möglichkeit der Selektion verfügen. Sie sollen ihr Geschäftsmodell selber bestimmen. Doch das darf man laut kaum sagen, denn auch hier ist unser Land komplett wettbewerbsavers. Lieber spendieren wir den Hochschulen staatlich Hunderte von Millionen Franken und vertrauen darauf, dass sie diese Gelder optimal einsetzen, aber nicht wirklich im Wettbwerb.

Hand aufs Herz: Haben Sie in all Ihren Jahren an den Spitzen von privaten Unternehmen nie die Regeln einer freien Marktwirtschaft mit ihrem Wettbewerb ausser Kraft setzen und damit von Sondervorzügen profitieren wollen?

Nein. Selbstverständlich unterhalte ich mich gerne mit einer Kantonsregierung – beispielsweise im Wallis oder Basel-Stadt – über eine Holdingsituation, die neue Vorteile gegenüber ausländischen Konkurrenten schafft. Es wäre seltsam, wenn ich das nicht täte. Der Ruf nach Staatsschutz ist aber etwas ganz anderes. Übrigens betrachte ich auch die Forcierung von Industrieansiedlungen durch Investitionsboni und Subventionen aller Art als Eingriff in ein liberales, marktwirtschaftliches System des Wettbewerbes. Standortpolitik ist dann optimal, wenn sie die besten Rahmenbedingungen garantiert – aber für alle die gleichen.

Fiskalische Bedingungen inklusive?

Wichtig sind: freie Arbeitsmarktpolitik, flexible Bewilligungen für ausländische Kader und Spezialisten, die Nähe zu Forschungsinstitutionen und die Möglichkeit, unbürokratisch mit ihnen zu kooperieren. Fiskalisch gilt es, dass wir mit gleichen Spiessen kämpfen: Ich möchte nicht, dass Lonza höhere Steuern zahlen muss als die Konkurrenz in den USA, in Deutschland oder Singapur…

…aber Sie wollen selbstverständlich tiefere Steuern.

Nein. Ich freue mich zwar über tiefe Steuern. Aber nur, wenn sie nachhaltig und dem staatlichen Leistungskatalog angemessen sind. Was wir hingegen wirklich brauchen, sind gleich lange Spiesse.

Die freie Marktwirtschaft impliziert die ständige Möglichkeit des Scheiterns. Der Rentenanspruch garantiert das Gegenteil: das immerwährende Nichtscheitern. Haben es wohlstandsverwöhnte Gesellschaften verlernt, den Sinn und die Notwendigkeit des Scheiterns zu erkennen?

So ist es! Wenn eine Unternehmung scheitert und Arbeitsplätze in Gefahr sind, kommt der Ruf nach Interventionen fast so sicher wie einst das Amen in der Kirche: Arbeitsplätze muss man doch retten! Natürlich sind Arbeitsplätze für Individuen ein existenzielles Thema. Aber den besten Schutz von Arbeitsplätzen bietet ein System, das immer neue Jobs ermöglicht, auch wenn es zeitweise dafür tiefere Löhne erlaubt. Diese Dynamik ist oft anstrengend. Aber sie lohnt sich. Keineswegs nur für ein paar ganz wenige. Wenn sie das tut, muss man Gegensteuer geben.

Fassen wir zusammen: Die Marktwirtschaft ist daran, sich zu Tode zu regulieren und sich an den eigenen Gesetzen zu strangulieren.

Regulative sind immer Ausdruck des historischen Zustandes einer Zeit und ihrer Machtverteilung. Darum beginnen sie meistens klein und begrenzt. Venedig regulierte lange nur die Bauweise der Stadt und die Schifffahrt. Doch dann griff die Herrschaft aus. Was durfte exportiert werden und was nicht? Welche Kleiderordnung galt für wen? Irgendwann erstarrt das Ganze gegenüber der Konkurrenz – Beispiel Venedig – oder Gruppierungen stehen dagegen auf – Beispiel das Bürgertum im Paris der Revolution. Ich will nicht dramatisieren. Aber ich habe den Eindruck, dass unsere Tendenz, mit überstrapazierter demokratischer Legitimation überall dreinzureden, Opposition aufbaut.

Wie sieht die Schweiz im Jahr 2025 aus?

Das ist schwierig, vorauszusagen. Die Schweiz ist immer auch das Produkt dessen, was darum herum passiert. Sie geht selten voran, trottet aber auch nicht einfach brav nach. Sie hat oft widersprochen, auch gegen Dinge, die aussen als Modernisierung empfunden wurden. So wie sie heute der EU widerspricht. Die Schweiz ist immer wieder ein Land der Opposition gegenüber Dummheiten, die im Ausland begangen werden.

Wird es die Schweiz also doch rechtzeitig richten?

Die helvetischen Institutionen wären tatsächlich sozusagen geronnenes Wissen davon, dass Lösungen nicht von oben, sondern von unten stammen. Dass innovative statt staatliche Gesundheitssysteme gefordert sind. Wir brauchen keine verordnete, subventionierte Energiepolitik von oben, sondern Forschungsfreiheit und richtige Preise. Wir brauchen kein landesweites, einheitliches Bildungssystem, sondern viele kleine Bildungssysteme, die den Wettbewerb zwischen – sagen wir – Herisau und Yverdon erlauben.

Sie bleiben Optimist trotz allem?

Ich bin ein etwas ironischer Realist. Wir werden den Wettbewerb neu entdecken müssen, dann aber merken, dass er alles in allem auch Spass machen kann, ganz einfach, weil er Lösungen produziert. Wann das sein wird – das wissen nur die Götter.


Rolf Soiron
ist einer der einflussreichsten Wirtschaftsführer in der Schweiz der letzten Jahrzehnte. Der Sohn belgischer Eltern ist heute Verwaltungsratspräsident der Lonza. Bis letzten Jahres hatte er dasselbe Amt in der Holcim inne, bis 2010 auch bei Nobel Biocare. Rolf Soiron ist Mitglied im Stiftungsrat der Denkfabrik Avenir Suisse, die er von 2009 bis 2014 präsidierte. Der weit vernetzte Unternehmer ist promovierter Historiker und war auch politisch tätig, unter anderem als CVP-Mitglied im baselstädtischen Grossen Rat. Er hat sich zudem als Bildungspolitiker einen Namen gemacht: Von 1994 bis 2005 war er Präsident des Basler Universitätsrates. Bis heute präsidiert er verschiedene Institutionen in diesem Bereich. Seit 2008 ist er Mitglied des IKRK.

René Scheu
ist Herausgeber und Chefredaktor des «Schweizer Monats».

Bruno Affentranger
ist Wirtschaftspublizist und Verleger (BA Medien, Luzern).

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»