«Das ist wirklich vordigital!»

Der Schweizer Denk- und Forschungsplatz steckt in einer digitalen Revolution. Und es ist die Politik, die den Prozess begleiten könnte, müsste, sollte. Tut sie dies auch? Politiker und IT-Unternehmer Ruedi Noser über Seed Money, Swiss-ID und Shitstorms.

«Das ist wirklich vordigital!»
Ruedi Noser, photographiert von Thomas Burla

Herr Noser, Sie sind IT-Unternehmer und Nationalrat. Wie hoch ist die digitale Alphabetisierungsrate im Bundeshaus?

Um ehrlich zu sein: nicht besonders hoch. Die Haltung gegenüber den neuen Informationstechnologien und ihren Medien, die im politischen Betrieb dominiert, ist nach wie vor jene der Verweigerung. Die Politik sorgt erfolgreich dafür, dass digital affine Menschen im Parlamentsbetrieb nur ja keinen Vorteil haben. Stellen Sie sich das einmal vor: Im Ständerat wäre es mir auch im Jahre 2012 verboten, meine Zeitung auf dem iPad zu lesen!

Es gehört zur Politik, dass sie den Entwicklungen hinterherhinkt…

…manchmal braucht die Politik in der Tat etwas länger. Aber so lange? Mich beruhigt zu wissen, dass es sich dabei letztlich um eine Generationenfrage handelt. Ich bin ja eigentlich auch schon ein IT-Dinosaurier. Jüngere Parlamentarier gehen mit IT und sozialen Medien bereits viel agiler um als ich. Und sie werden sich durchsetzen.

Die junge Generation weiss, wie man Google und Facebook benutzt. Aber ist sie sich auch der Bedeutung bewusst, die die Informatik darüber hinaus für unser Leben hat?

Nicht nur für unser Leben, auch für unsere Wirtschaft! Wie ist künftig zusätzliches Wachstum ohne viel Verkehr und Landverschleiss in der Schweiz möglich? Indem wir eine führende Rolle in der Informationstechnologie innehaben. IT erfordert intellektuelle Leistung, und da sind wir in der Schweiz stark. Wir haben begriffen, dass die Köpfe unser wichtigster Rohstoff sind. Aber nicht nur das – IT bringt darüber hinaus der ganzen Wirtschaft unglaubliche Effizienzgewinne. Das wäre doch mal eine Vision – die Schweiz wird zu einem IT-Cluster!

Hier spricht der Politiker. Das klingt geradezu so, als wollten Sie ein neues Bundesamt für IT schaffen…

…die Schweiz braucht eine Innovationsstrategie, die jene Rahmenbedingungen verbessert, die die Gründung und Entwicklung innovativer Unternehmen heute hemmen. Nicht mehr, sondern weniger Regeln und Gesetze – und verständlich müssen sie sein! Unternehmertum muss sich lohnen. Die Schweiz profitiert zurzeit von ihren starken Industrien, die sich mit ihren Exportprodukten auf den Weltmärkten behaupten. Aber der Erfolg von heute ist nicht der Erfolg von morgen. Ich behaupte: Langfristig kann die Schweizer Wirtschaft nur überdurchschnittlich wachsen, wenn der Anteil der IT-Industrie zunimmt.

Eine gewagte Behauptung. Wie kommen Sie darauf?

Ganz einfach: weil alle anderen Industrien viel zu viele natürliche Ressourcen verbrauchen. Man muss kein Wachstumskritiker sein, um zum Schluss zu kommen, dass Schweizer Industrien in dieser Hinsicht Grenzen gesetzt sind. Eine Fabrik benötigt Kulturland, ein Verkehrswesen, Entsorgungssysteme, Logistik, Lastwagen. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Die Schweiz braucht eine starke Industrie, und unsere Ressourcen erlauben es auch, dass die bestehenden Industrien wachsen können. Aber wenn wir überdurchschnittliches Wachstum wollen, müssen wir auf die Wertschöpfung des Denk- und Forschungsplatzes setzen. Auf Ideen und Unternehmen, die die Produkte schaffen, die weltweit präsent sind, ohne dabei klassische Logistikketten übermässig zu beanspruchen. Und wo entstehen solche Firmen? Dort, wo sie die besten Rahmenbedingungen vorfinden.

Werden Sie konkreter – was sind denn gute Rahmenbedingungen?

Ich nenne Ihnen drei konkrete Punkte. Wenn Sie in der Schweiz eine börsenkotierte Firma gründen wollen, muss ein Revisor die Idee bewerten, auf die das Unternehmen baut. Anders gesagt: die Schweiz hat ein Aktienrecht, das in der Tendenz Ideen entwertet und Sachwerte überbewertet. Das amerikanische Aktienrecht ist neutraler: Sie können die Idee einfach einbringen, und die Investoren entscheiden, was sie wert ist. Der zweite Punkt: wir kennen in der Schweiz einen absoluten Gläubigerschutz, während die USA den Schutz von Ideen hochhalten. Drittens: das Eigenkapital ist in der Schweiz, steuerlich gesehen, sehr teuer. Dies vermindert die Bereitschaft, Eigenkapital in riskante Projekte zu investieren. Der Jungunternehmer ist angewiesen auf sogenanntes «Seed Money», also Geld von Freunden und Bekannten. Dass diese einem 200 000 Franken geben, wird…

Einsen und Nullen: Unsere Informationsgesellschaft
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Diese Zeilen erschienen auf bedrucktem Papier. Sie mögen dieses Leseverhalten als veraltet empfinden. Und obwohl Sie damit nicht allein wären, haben wir darauf verzichtet, im Heft nur einen QR-Code zu drucken. Sie wissen schon, diese briefmarkenähnlichen Pixelbilder, auf die Sie dann Ihr Mobilgerät hätten halten können, um via App direkt auf dieser Website zu landen. […]

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Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
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