«Das ist skandalös»

Vermögen zu erhalten, ist eine Leistung. Es zu mehren, erfordert noch mehr Kompetenz. Solange nicht alle über dieselben Talente verfügen, bleiben auch die Vermögen ungleich verteilt. Bleibt die Frage: lässt sich Kompetenzgleichheit herstellen?

Das in der Früh gleichmässig verteilte Vermögen weicht schon am Abend neuer Ungleichheit, weil die einen das ihnen zugeloste Eigentum mehren, während etliche es mindern und einige es durch Bankrott verlieren.

Doch nicht allein Konkurrenzerfolge beschädigen den Traum ewiger Gleichheit. Gehen wir davon aus, eine Gesellschaft bestehe aus zwei Ehepaaren A und B, wobei alle vier Leute je eine Million haben. In der nächsten Generation jedoch – alle haben diesmal gleich gut gewirtschaftet und das Vermögen verdoppelt – erfolgt aufgrund von Geburtenrückgang eine Schrumpfung auf drei Bürger. Einer verfügt über vier Millionen, während die beiden anderen sich jeweils mit zwei Millionen begnügen müssen.

Als Vierfachmillionär geht das einzige Kind von Ehepaar A durchs Leben. Bei den beiden Doppelmillionären geht es um die zwei Kinder von Ehepaar B, zwischen denen das elterliche Erbe geteilt wird. Ein vages Unbehagen, ja sogar Neid wird da verspürt. Dabei erwächst die Ungleichverteilung aus einem rein demographischen Grund. Er bewirkt, dass ein schmales Drittel der Bürger plötzlich volle fünfzig Prozent aller Vermögen hält (vier von acht Millionen).

Eine zweite Gesellschaft bestehe wiederum aus unseren Ehepaaren A und B sowie aus zwei armen Bürgern, die noch am Abend des revolutionären Umverteilungstages ihr Vermögen schon wieder los sind. Die beiden können weder durch Verkauf noch durch Verpfändung von Eigentum an Geld gelangen. Mangels Qualifikation können sie auch kein Lohngeld für die Eigenversorgung oder gar für den Erwerb eigenen Vermögens verdienen. Aufgrund ihrer Mittellosigkeit beziehen sie Sozialhilfeeinkommen von den vier Reichen. Die können den erforderlichen Betrag aus laufendem Einkommen überweisen, so dass nur dieses sinkt, ihre Vermögen jedoch ungeschmälert bleiben.

Sehr schnell schenken die beiden Armen sechs Kindern das Leben. Zwar werden auch sie vermögenslos geboren, aber was die gesetzlich garantierte Menschenwürde angeht, stehen sie den Reichen gleich. Dadurch haben sie Anspruch auf einen Teil der Erträge aus deren Vermögen. Statt bisher lediglich zwei gewinnen deshalb jetzt acht Arme Sozialhilfeeinkommen. Letztere werden sogar ein wenig erhöht, um eine Teilhabe auch am kulturellen Leben zu ermöglichen.

Die acht Armen stehen beim Prokopfeinkommen besser da als zuvor. Die vier Reichen behalten zwar ihr Vermögen, verlieren aber für die Bezahlung der Armen laufendes Einkommen. Und doch gibt es wieder aus rein demographischen Gründen eine Zuspitzung der Vermögenskonzentration. Halten vor dem Kinderreichtum der Armen zwei Drittel der Bevölkerung (die vier Reichen gegenüber den beiden Armen) 100 Prozent aller Vermögen, so fallen nunmehr auf nur noch ein kleines Drittel der Bürger 100 Prozent aller Vermögen. Hingegen stehen plötzlich nicht mehr nur 33 Prozent, sondern volle zwei Drittel aller Bürger ohne Vermögen da. Durch die Mildtätigkeit des Gebens ist die Vermögensverteilung ungleicher geworden oder – wer das moralische Paradox bevorzugt  – die Vermögenden sind durch Grosszügigkeit schuldiger geworden.

Vergleicht man mehrere Eigentumsnationen, ergibt sich bei dieser Schuldigkeit eine Rangordnung. Seit langem wissen wir, dass etwa Amerika mehr Vermögensungleichheit aufweist als europäische Nationen. Auch der französische Ökonom Thomas Piketty (Das Kapital im 21. Jahrhundert, 2014), der in den USA lehrte, kennt diesen Befund. Schon ein halbes Jahrhundert vor ihm allerdings geht Washington mit den pädagogischen Teilen der Great-Society-Programme zur Bekämpfung der Armut direkt an die Wurzel des Problems. Man will die Menschen bereits in der Verteilung der Kompetenzen gleichmachen, damit später bei der Eigentumsverteidigung alle mit denselben Talenten antreten. Allein für das Projekt Head Start zur gezielten Förderung leistungsschwacher Kleinkinder fliessen seit den 1960er Jahren 170 Milliarden Dollar. Obwohl dauerhafte Verbesserungen ausbleiben, gibt es weltweit viel Bewunderung und Nachahmung. Ganze Generationen lernen spielend mit der Sesame Street, die damals von Kinderpsychologen erfunden wurde.

Dass man in Amerika nicht nur mehr Arme, sondern auch höhere Prozentsätze an Schulversagern hat als in Europa, wird in den 1960ern zwar geahnt, aber nicht systematisch erhoben. Seit den internationalen PISA-Vergleichen weiss man es genau und kann es auch nicht mehr verdrängen.1

Vor allem in ihrer Hauptstadt will die Führungsmacht der Welt beweisen, dass sie ihre Vermögenden härter als die übrigen Nationen für die Kompetenzgleichheit der Armen bezahlen lässt. So gibt Washington DC im Schuljahr 2010/11 an den staatlichen Schulen pro Kind sage und schreibe 29 349 Dollar aus. Die Kinder werden bundesweit getestet und können die Noten advanced (sehr gut und gut), proficient (befriedigend und ausreichend) sowie basic (mangelhaft und ungenügend) erreichen. In der Hauptstadt schliessen – gegenüber «nur» 52 Prozent Scheiternden in der Gesamtnation – 81 Prozent im Rechnen und 83 Prozent im Lesen schlechter als ausreichend ab.2 Sie sind – so lautet das Fachwort – Semiliterates. Das klingt krass, öffnet aber die Augen für die anstehenden Aufgaben.

Gleiche Vermögenszuschnitte, die nicht am selben Tag wieder zunichte werden, brauchen also gleiche Talentzuschnitte als Vorbedingung. An der Feier zum 50. Geburtstag der Great Society am 10. April 2014, an der neben Barack Obama die noch lebenden Ex-Präsidenten teilnahmen, brachte allein George W. Bush die Kraft auf, von Amerika eben diese Könnergleichheit einzufordern. Auch weil sein bahnbrechendes Gesetz No Child Left Behind von 2001 noch nichts wenden konnte, beschwört er die Nation und spricht Klartext, was im hyperkorrekten Europa so kaum möglich wäre: «Alle Menschen sind gleich erschaffen. Doch nach den jüngsten Erhebungen lesen siebzehnjährige Afroamerikaner nur wie dreizehnjährige weisse Schüler. Das ist ein Rückstand von vier Jahren. In einer Wirtschaft, die mehr als je zuvor hohe Fähigkeiten benötigt, ist das skandalös. In einer Nation, die sich der Chancengleichheit verpflichtet hat, ist das skandalös.»3

Wenn die Menschheit diesen Skandal überwunden hat, erreichen womöglich auch Vermögensumverteilungen eine längere Halbwertszeit. Bis dahin wird es nicht ausbleiben, dass die Bushs und die Pikettys immer wieder das Wort ergreifen.

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