«Das ist Revolution 2.0»

Wie die Ägypter sich von der Angst befreiten

«Das ist Revolution 2.0»

Sie kennen sicher Wikipedia. Das Konzept von Wikipedia, wo alle Nutzer inhaltlich zusammenarbeiten, klang zunächst verrückt. Was aber schliesslich entstand, ist nichts Geringeres als die grösste Enzyklopädie der Welt. Nach dem gleichen Prinzip funktionierte die ägyptische Revolution, eine Art Revolution 2.0, zu der jeder etwas beigetragen hat – egal ob im Kleinen oder im Grossen. Jeder einzelne dieser Beiträge hat daran mitgewirkt, eines der inspirierendsten Kapitel in der Geschichte der Menschheit zu schreiben.

Es war inspirierend im eigentlichen Sinne, den Ägyptern dabei zuzusehen, wie sie sich veränderten. Schauen wir uns die Sache zu Beginn dieses Jahres einmal näher an. Ägypten befand sich seit dreissig Jahren im Abschwung, die gesellschaftlichen Zustände verschlechterten sich zusehends, kurz: alles in diesem Land lief schief. Wenn Ägypten in irgendeiner Statistik auf den oberen Rängen zu finden war, dann handelte es sich um Erhebungen zu Themen wie Armut, Korruption, Mangel an Meinungsfreiheit oder Mangel an politischer Partizipa-tion. All diese Missstände waren die sogenannten Errungenschaften unseres «grossartigen Regimes». Obwohl also die Mängel ersichtlich waren, tat bis vor kurzem niemand etwas dagegen. Das aber nicht, weil niemand frus-triert war oder sich gar alle glücklich wähnten. Die Leute waren sogar extrem frustriert. Der Grund, warum alle stillhielten, war eine psychische Angstbarriere. Die meisten Ägypter waren verängstigt! Es gab einige wenige Mutige unter ihnen, die zu Protestkundgebungen gingen. Sie mussten sich öffentlich zusammenschlagen und dann einsperren lassen – was die grosse Mehrheit daraufhin noch mehr verängstigte. Niemand wollte in Schwierigkeiten geraten.

Diktatoren spielen ihre Macht aus, sie existieren nur, weil Menschen sich von ihnen einschüchtern lassen. Und die Kultivierung
einer psychischen Angstbarriere in den Köpfen der Ägypter gelang, sie hat jahrzehntelang funktioniert – doch dann kam das Internet. Neue Technologie, Messenger und SMS erleichtern seitdem unsere Kommunikation. Plattformen wie YouTube, Twitter oder Facebook verstärken unser Gefühl, eben doch nicht alleine zu sein. Es gibt sie, die grosse Anzahl von Menschen, die frustriert sind, aber den gleichen Traum haben. Und es gibt überdies eine wachsende Anzahl Menschen, die sich um ihre Freiheit sorgen. Es macht betroffen, ein Video über einen Landsmann sehen zu müssen, der Abfälle isst, während man weiss, dass andernorts Milliardenbeträge vom Wohlstand unseres Landes für Privatvergnügen abgezweigt werden können – wenn man nur an den richtigen Stellen sitzt. Das Internet hat den Kritikern dieser Zustände eine Stimme gegeben, mehr noch, es hat uns zusammengeführt, zum gemeinsamen Denken angeregt. Heraus kam eine lehrreiche Geschichte, die ihren Anfang leider in einem Gewaltakt nahm.

Es existierte kein Plan

Khaled Said, ein ganz normaler Typ aus der ägyptischen Mittelschicht und Programmierer, wurde im Juni 2010 ermordet. Er wurde von Polizeibeamten brutal gefoltert, tatsächlich zu Tode gefoltert. Das Regime behauptete, er habe versucht, ein Päckchen Haschisch zu schlucken, und sei daran erstickt. Das kurz darauf im Netz kursierende Photo von Khaled Saids Leiche, ich erinnere mich noch an jedes Detail, war dadurch umso verstörender. Die Ägypter haben sich dieses Mal nicht für dumm verkaufen lassen. Das Bild ging um die Welt, dank des Internets setzte sich die Wahrheit überall durch, und viele begannen, darüber nachzudenken, dass Khaled Said auch der eigene Bruder hätte sein können.

Als nächstes wurde eine Homepage aufgeschaltet. Ein anonymer Administrator lud die Leute ein, der Seite beizutreten und sich Gedanken zu machen. Es existierte kein Plan, niemand wusste, was genau zu tun gewesen wäre. Auch ich wusste es nicht. Aber schon nach wenigen Tagen gingen dank der Seite und des Bildes von Khaled Tausende von verärgerten Anfragen beim ägyptischen Innenministerium ein. Sie forderten die Auslieferung seines Mörders – oder zumindest einen gerechten Prozess. Natürlich kam es nicht dazu. Die Ignoranz der Behörden schweisste uns also noch enger zusammen, jeder einzelne bemerkte plötzlich, dass er direkt beteiligt war. Jeder User wurde zum Miteigentümer der Seite, setzte sich dafür ein und veröffentlichte seine Ideen. Die verrückteste unter ihnen war: «Lasst uns alle schweigend am Strassenrand stehen. Vollständig in Schwarz gekleidet und genau eine Stunde lang in exakt der gleichen Position. Ein Stillstand – und danach gehen wir einfach wieder nach Hause.»

Angst war nicht länger Angst

Für einige von uns war das eine Initialzündung, sie überlegten sich schon die nächste Aktion, welche konsequenterweise dann besonders lebendig sein sollte. Anfangs haben wir Witze darüber gemacht. Als dann aber die Menschen tatsächlich auf die Strasse gingen, in Alexandria waren es Tausende, waren wir verblüfft. Wir hatten erfolgreich die virtuelle Welt mit der realen verknüpft – weil die Akteure beider Welten den gleichen Traum hatten. Sie teilten dieselbe Frustration, denselben Ärger und das gleiche Verlangen nach Freiheit. Also zog man es durch. Aber lernte das Regime etwas? Nicht wirklich. Stattdessen griff es an, die Leute wurden verhöhnt – und das, obwohl die Aktion friedlich verlief und nicht einmal ein Protest im eigentlichen Sinne war.

Seitdem haben sich die Dinge entwickelt. In Tunesien lief es genauso: eine Webseite wurde erstellt, der anonyme Administrator hatte die Aufgabe, Ideen zu sammeln – die Nutzer trugen ihren Teil bei. Sie sammelten Photos, nahmen Videos auf, erstellten Bilder und klärten so über Menschenrechtsverletzungen auf. Über kommende Aktionen wurde online abgestimmt, dann setzte man sie in die Tat um. Von Menschen für Menschen – darin liegt die Kraft des Internets. Es gab keinen Revolutionsführer. Jeder einzelne Nutzer der Seite war ausschliesslich sein eigener Herr, und das inspirierte uns, es zeigte uns einen Weg. Und als ich die Massen auf der Strasse sah, sagte ich mir: das Ägypten von gestern wird nicht das Ägypten von morgen sein.

In der Nacht vom 27. Januar wurde auch ich von der Polizei festgenommen, weil man mir unterstellte, eine aufrührerische
Facebookseite zu führen. Ich wurde für 12 Tage eingesperrt, die Augen verbunden, die Hände gefesselt. Mir wurde verboten, zu sprechen. Als man mich am 7. Februar freiliess und ich die Geschehnisse um den Tahrir-Square herum erstmals sah, kam mir die Zeit meiner Inhaftierung wie 12 Jahre vor: Angst war nicht länger Angst. Sie wurde zu Stärke, zu Macht. Und die Menschen waren sich dieser Macht plötzlich bewusst, fragten nach ihren Rechten und drehten die Verhältnisse um. Aus extremistischen Haltungen wurde Toleranz.
Früher wäre das Bild von einhunderttausend Christen, die beten und währenddessen von einhunderttausend Moslems beschützt werden, absurd gewesen. Genauso absurd wie das Bild von einhunderttausend Moslems, die beim Gebet von einhunderttausend Christen beschützt werden. Aber alle Stereotypen, die das Regime den Leuten durch Propaganda in den Mainstreammedien über Jahrzehnte eingebleut hatte, stellten sich als falsch heraus, offenbarten nun ihre Hässlichkeit durch die Schönheit der aufgeweckten ägyptischen Männer und Frauen. Ich ging also zurück zu meinem Rechner und beschrieb die Stimmung auf Facebook. Ich schrieb, dass wir gewinnen werden, weil wir Träume haben und dafür kämpfen wollen. Weil wir die Politik nicht verstehen. Weil wir ihre schmutzigen Spielchen nicht länger mitspielen und weil wir nicht einmal hierfür eine feste Agenda haben. Genau das passierte. Ich kann heute sagen: wir haben gewonnen, weil wir an uns geglaubt haben. Und weil jeder einzelne seine Würde wiederentdeckte.

Kürzlich sagte ein Taxifahrer zu mir: «Hör zu, ich atme die Freiheit. Ich habe meine verloren geglaubte Selbstachtung wiedergefunden.» Für mich ist das ein Sieg, unabhängig von den Details der kommenden politischen Prozesse. Und ich gebe Ihnen etwas mit auf den Weg, an das ich ebenfalls glaube: die Ägypter haben bewiesen, dass die Macht der Menschen stärker ist als die Menschen der Macht.

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Wiederstein. Der hier abgedruckte Text stammt aus einem Vortrag Wael Ghonims,
der im März 2011 auf der Onlineplattform TED.com zu sehen war. Er ist leicht gekürzt.

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