«Das ist mein Job»

Was hätte er an der Spitze der SNB entschieden? Welches wären seine Forderungen als Premier Griechenlands? Und wäre er gerne Präsident der EZB? Ein Gespräch mit Hans-Werner Sinn über gigantische Geldflüsse. Ihre Hintergründe. Ihre Folgen. Und seine innere Ruhe trotz allem.

«Das ist mein Job»
Hans-Werner Sinn, photographiert von Thomas Burla. 67

Herr Sinn, die politische Lage in der Eurozone ist seit Wochen, seit Monaten, ja seit Jahren unübersichtlich und immer unübersichtlicher geworden. Sie gehören zu jenen, die wenigstens auf intellektueller Ebene Ordnung zu schaffen versuchen. Schlafen Sie gut?

Ab und zu schlafe ich schlecht. Wenn überall die Emotionen hochkochen, dann nagt das auch an meinen Nerven. Denn die von Ihnen richtig geschilderte Situation wird durch die Emotionalisierung der Verhältnisse noch unberechenbarer, als sie ohnehin schon ist – und das müsste sie eigentlich gar nicht sein: dass der Euroraum in seiner jetzigen Form eine Fehlkonstruktion ist, war von Anfang an klar. Auch unter den Politikern hat sich das mittlerweile rumgesprochen. Öffentlich sagt das aber kaum jemand.

Wie investieren Sie in der falsch konstruierten Welt Ihr eigenes Geld und jenes, das Sie dereinst Ihren Kindern und Enkelkindern vermachen wollen?

Das ist eine Frage, die sich für einen Universitätsprofessor kaum stellt. Hätte ich mehr Geld zu investieren, so würde ich Immobilien kaufen, die sind in Deutschland immer noch erstaunlich günstig.

Und wie steht’s um Aktien deutscher Unternehmen – sind die nicht ebenfalls unterbewertet?

Die waren bis zum Jahresende unterbewertet. Ich habe immer wieder darauf hingewiesen, dass man mehr in Aktien investieren solle. Mittlerweile haben die Aktien aber schon einen erheblichen Sprung gemacht. Es ist schwer zu sagen, wie viel da noch kommt. Aber man hat ja keine Alternativen mehr. Die Renditen auf festverzinsliche Anlagen sind nahe null, und Anlagen ausserhalb des Euroraums sind riskant, weil der Euro bereits stark abgewertet hat.

Sie wirken in all den Debatten und Interviews über die Zukunft des Euro und der EU stets sehr besonnen. Woher nehmen Sie die Kraft, gegen politische Windmühlen anzureden – und dabei auch noch ruhig zu bleiben?

Am Ende bringen uns hitzige Wortgefechte doch nicht weiter! Es gibt ökonomische Tatbestände, die die Politik nicht wegerklären kann, beim besten Willen nicht. An die erinnere ich.

Sie agieren aus ökonomischer Überzeugung?

Vor allem aus Pflichtgefühl. Als Leiter des ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung an der Universität München bin ich gehalten, mich in den öffentlichen Diskurs einzubringen und die Wahrheit zu sagen. Das ist mein Job, dafür werde ich bezahlt. Wenn ich mal pensioniert bin, gebe ich bestimmt nicht mehr so viele Interviews.

Nutzen wir also diese Chance zur Dekonstruktion von Euromythen: Es heisst immer, die EZB flute die Finanzmärkte mit selbstgedrucktem Geld. In Wahrheit sind es jedoch die 19 nationalen Zentralbanken der Euroländer, die Geld drucken. Bitte klären Sie uns auf!

Das neue Kaufprogramm für Staatsanleihen beläuft sich auf stolze 1140 Milliarden Euro – es ist das grösste geldpolitische Experiment in der Geschichte dieser Währungsunion. Die EZB selbst kauft für 8 Prozent dieser Summe Wertpapiere und vor allem Anleihen europäischer Staaten, die nationalen Zentralbanken für 92 Prozent. Sie haben also recht: die EZB gibt im Grunde bloss die Kommandos, das Handeln übernehmen die nationalen Instanzen.

Inwiefern ist diese Unterscheidung relevant?

Was die EZB kauft, liegt in gemeinschaftlicher Haftung. Was die anderen Zentralbanken kaufen, ist aus der Vergemeinschaftung ausgeschlossen, sofern es um eigene Staatspapiere geht. Konkret: wenn die Banca d’Italia im Rahmen des neuen Programms italienische Staatspapiere kauft und der italienische Staat pleitegeht, also die Papiere nicht bedienen kann, hat Deutschland keine Last. Wenn aber die Zentralbanken die Anleihen der europäischen Investitionsbank kaufen, wobei deren Projekte in Konkurs gehen und die Kredite nicht bedient werden können, dann tragen alle Länder gemeinsam die Lasten.

Die nationalen Zentralbanken kaufen also mehrheitlich die Schuld-papiere des eigenen Staates?

So ist es. Das war die Bedingung, die Jens Weidmann und die deutsche Bundesregierung gegenüber Mario Draghi formuliert hatten. Denn diese Auflage verunmöglicht eine Vergemeinschaftung aller Schulden der Euroländer. Immerhin.

Wie hoch ist also…