Das grosse Missverständnis

Warum sich ständig wandelnde Gesellschaften nicht mehr in «Generationen» schubladisieren lassen. Eine Widerrede.

«Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte.» – Tontafel der Sumerer, ca. 3000 vor Christus

 

Kritik und Vorbehalte gegenüber nachrückenden, jüngeren Generationen sind fast so alt wie die Menschheit selbst. Neu allerdings scheint der Umstand, dass gefühlt im Jahrestakt neue «Generationen» identifiziert, getauft und gleich auch – was ihre Mentalität betrifft – schubladisiert werden: Millennials, Generation Y, Generation Z, Generation Praktikum, Generation Maybe… die Liste liesse sich fortsetzen. Die Klassifizierung und Bewertung von Alterskohorten, so publikumswirksam wie nostalgisch flugs zu «Generationen» umgemünzt, scheint ein Bedürfnis zu sein, Menschen in ein Kollektiv einzuordnen, um sich schablonenhaft einen Überblick darüber zu verschaffen, wer wie «tickt». Nur selten regt sich allerdings breiterer Widerstand der vielen, die auf diese Weise – und oft schlicht falsch – klassifiziert und abqualifiziert werden. Die erhoffte Debatte bleibt deshalb aus, das Generationenprädikat wiederum hält sich hartnäckig. Übrig bleibt am Schluss eine intellektuelle Müllhalde aus Generationsbegriffen, die ihren Schöpfern zwar Einträge auf Wikipedia bescherte, den meisten ihrer Nachkommen aber auch jede Menge Abgrenzungsstress.

Veränderte Welt – alte Bewertungsmuster?

In den letzten zwei bis drei Jahrzehnten hat sich die Schlagzahl, was solche Prädikatvergaben angeht, deutlich erhöht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass, sobald man die Schublade öffnet, um Alterskohorten moralisch, politisch und ökonomisch einzuordnen, gleich deren Gegenströmungen auftauchen, die die getroffenen Annahmen (wenigstens teilweise) widerlegen. In unserer Gegenwart existieren ausserdem unterschiedlichste Gesellschaftsströmungen nebeneinander, klare Abgrenzungen werden deshalb immer schwieriger, was bedeutet, dass sich allzu einfache Zuordnungen und plakative Bewertungen in Form stark verkürzter Stereotype schlicht nicht mehr halten lassen.

Kein Wunder, denn die Welt, in der wir leben, und die damit verbundenen Lebensumstände werden immer undurchsichtiger, zum Teil widersprüchlicher. Zu allem Überfluss verschieben sich die wenigen als konstant wahrgenommenen Anhaltspunkte im Komplexitätsdschungel auch immer schneller: Die weltweite Vernetzung nimmt zu, einhergehend mit der Globalisierung schreitet die Urbanisierung voran. Der technische Fortschritt, insbesondere die Digitalisierung, lässt sich nicht aufhalten. Manch tradierter Lebensentwurf steht ebenfalls zur Disposition, einerseits aufgrund neu gewonnener Freiheiten, hinzukommen aber auch demographische und ökonomische Faktoren: Die Lebenserwartung einer Schweizerin ist in den letzten 70 Jahren um 50 Prozent gestiegen – was abstrakt klingt, hat enorme Auswirkungen auf Vorsorge, Gesundheitssystem und Lebensgestaltung. Letztere wurde und wird ständig individueller: In der Schweiz leben heute zweimal so viele Menschen in einem Einpersonenhaushalt wie noch vor 30 Jahren, die eigenen Ansprüche an sich und das direkte Lebensumfeld steigen, der Konkurrenzdruck mit all jenen, die ähnliche Wünsche hegen, aber auch. All diese Veränderungen bringen kleine und grosse, aber stets neue Herausforderungen mit sich.

Entscheidungsschwach?

Doch wo Herausforderungen sind, ergeben sich bekanntlich auch neue Möglichkeiten. Und wo die Lebensweisen der Bürger heterogener werden, steigen auch die Freiheitspotenziale. Für manchen Mitbürger mag diese Entwicklung überfordernd sein, konservativ-ordnungsliebenden Geistern stossen viele neue Freiheiten sogar negativ auf, da Individualisierung allzu oft mit Egoismus gleichgesetzt wird. Warum? 

«Zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit haben Individuen das Privileg, nach einer interessanten Aufgabe zu streben und ihr Leben entsprechend zu gestalten», sagt Saul Wurman, Gründer der Konferenz TED. Das gilt nicht nur für das Privat-, sondern auch für das Berufsleben: Die Freiheit zu haben, zunehmend selbstbestimmt durchs Leben zu gehen, ist eine wesentliche Errungenschaft unserer Elterngeneration – aber wir, die, die nach ihnen kommen, sind nun auch in der Pflicht, aus den geerbten Freiheiten und der damit einhergehenden Unübersichtlichkeit etwas Produktives zu machen. Die einen können das besser als die anderen, aber die Anforderungen an uns, was Eigenverantwortung und Initiative angeht, sind für alle in ähnlichem Masse gestiegen, nicht gefallen – und es ist sicher eine Stärke der jungen Generation, dass sie…