Das Grinsen des Horizonts

Gehst als Tagwandler

Manche Bücher erzählen Geschichten, andere vermitteln Wissenswertes. Wieder andere scheinen nichts weiter zu beabsichtigen als zu schwingen wie die Saite eines Instruments. Der Leser ist eingeladen, als Resonanzkörper mitzuspielen. Markus Bundis «Das Grinsen des Horizonts» ist eine schwingende Saite.

In drei Teilen versammelt der Band parolenabgeneigte Prosa und furios zurückhaltende Lyrik. Der Prosateil «Sein wie Glas» beginnt mit der Blutentnahme bei einem Kind und endet mit einem Liebesbrief aus einem feuchten Kellerloch. Assoziativ miteinander verbundene Gedichte stellt der zweite Teil nebeneinander: auf der linken Seite spüren wir einen Lufthauch im Nacken – «deines Schutzengels vielleicht» –, auf der rechten Seite fühlen wir uns «ausgesetzt und eingesperrt – beides zugleich». Im dritten Teil, den «Notizen eines Andern», folgen einsätzige Denkanstösse, wohlgezielte Seitenhiebe, die das Absurde, Banale, Irritierende des täglichen Lebens in insgesamt 42 Sätzen auf den Punkt bringen.

Bundi schreibt weder mit «spitzer Feder» noch mit «scharfer Zunge». Mit groben Pointen, sentimentalen Gefühlen, Sensationen und Provokationen liebäugelt er nur aus ganz weiter Ferne. Seine ungekünstelten Verse, Kürzestgeschichten und schlichten Einsätzer beschreiben die Männer von der Müllabfuhr als Kulturträger, zeichnen Gespräche mit Fischen nach («Ich sagte ihm, dass ich keine Ahnung hätte, ob sein Aquarium grösser sei als meins»), stellen Betrachtungen an zu heiligen Kühen, existenzsichernden Fenstern, fliessendem Glas und jungen Katzen, die treibendes Laub zum Erliegen bringen.

In den biografischen Angaben wird Markus Bundi als «freier Autor» bezeichnet. «Das Grinsen des Horizonts» gibt dieser gängigen Berufsbezeichnung einen Inhalt: der freie Autor schreibt einen Satz und überlässt den Rest der Seite dem Leser als Notizpapier. Der freie Autor skizziert Geschichten und bricht sie ab, sobald sie Gefahr laufen, originell zu werden. Der freie Autor ist im täglichen Leben Hilfsbuchhalter, Versicherungsstatistiker, Redaktor eines Lokalblatts, als Schreibender nimmt er sich heraus, langsamer zu gehen.

«Wenn weiter nichts ist, würde er gern so weitermachen.» Sollte Bundi im Abschnitt «Notizen eines Andern» dennoch sich selbst meinen, hoffen wir Leser, dass weiter nichts sei und er so weitermachen könne wie im «Grinsen des Horizonts». So frei und einladend.

vorgestellt von Christoph Simon, Bern

Markus Bundi: «Das Grinsen des Horizonts». Eggingen: Isele, 2007.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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