Das Erbe der Postmoderne
Vojin Saša Vukadinović, fotografiert von Daniel Jung.

Das Erbe der Postmoderne

Wie eine Denkschule die Geisteswissenschaften vernebelt hat.

 

Im Zuge der jüngsten Debatten über Identitätspolitik, woke Studenten und die Zahl tatsächlich existierender Geschlechter taucht das etwas muffige Adjektiv «postmodern» immer wieder auf, wenn das Denken hinter den teils sehr bizarren politischen Parolen erklärt werden soll. Das Schlagwort meint nicht nur die historische Ära, die auf die Moderne folgte, sondern auch eine philosophische Denkschule namens Poststrukturalismus, die in den 1970er-Jahren ihre Hochzeit hatte. Zu deren prominentesten Namen zählen Jacques Derrida, Michel Foucault, Jean-François Lyotard, Luce Irigaray, Gilles Deleuze und Félix Guattari. Ihr Jargon prägte eine ganze Generation, gegen Ende des 20. Jahrhunderts kam kaum ein Kunstkatalog oder popkultureller Beitrag ohne Referenzen auf sie aus: Es ging um «Macht», um «Dekonstruktion», um «Rhizome», um die «Ökonomie des Wunsches», um das «Frau-Sprechen» oder um das «Frau-Werden» sowie um einiges mehr. Die zugehörigen Fragen kreisten um den artifiziellen Charakter jedweder Identität, um die Wirkmächtigkeit und das realitäts­stiftende Potenzial der Sprache, um dezentrale Machtbeziehungen oder um die Hierarchie, die einem Part von binären Gegensätzen immer eine schlechtere Position zuweist.

Aufmerksamen Zeitgenossen entging jedoch nicht, dass dieses Denken politisch dubiose Positionen nach sich zog. Da war zum Beispiel Paul de Man, gebürtiger Europäer und einer der US-amerikanischen Popularisierer poststrukturalistischen Denkens, der sich während des Zweiten Weltkriegs eifrig den Nazis angebiedert und antisemitische Schriften verfasst hatte. Carl Schmitt und Martin Heid­egger dienten nicht wenigen der Vorgenannten als ­Inspiration. Die Redaktion der poststrukturalistischen Zeitschrift «Tel Quel» hatte nach ihrer Chinareise 1974 nichts zum Totalitarismus maoistischen Zuschnitts zu sagen. Michel Foucault geriet 1978 angesichts der Islamischen Revolution in Ek­stase, während Feministinnen aus Europa und Nordamerika im Wissen darum, was folgen würde, das blanke Entsetzen packte. Und Gilles Deleuze verneigte sich vor der «Grösse» des PLO-Führers Jassir Arafat und sprach von ­einem «Genozid» gegen die Palästinenser.

Was in der Geschichte dieser Theorietradition an Befremdlichem und Reaktionärem angelegt war, ist akademisch und kulturell tradiert worden. Tatsächlich ist der Befund, dass die woken Forderungen von heute post­modern seien, nicht gänzlich von der Hand zu weisen. Im Verhältnis zu den identitätspolitisch motorisierten Studenten steht der 2004 verstorbene Jacques Derrida wie ein unbekannter Grossvater, auch wenn deren Rede von der «Binarität der Geschlechter», die es zu sprengen gelte, direkt seinem Vokabular entlehnt ist. Dass sie in seinen Büchern gelesen haben, ist jedoch unwahrscheinlich.

Auf wen sich heutige Aktivisten allerdings unmittelbar beziehen, ist die poststrukturalistische Reste­verwerterin und Antizionistin Judith Butler. Die Urheberin bedrückend langweiliger Theoriekost aus Berkeley gilt dem globalen akademischen Biedermeier seit 30 Jahren als Nonplusultra des Geistes. Hervorzuheben ist hier im besonderen, dass Butlers Werk ausserhalb der USA nirgendwo so erfolgreich ist wie in Deutschland, wo der Antisemitismus mittlerweile durch die Ritzen der Hochschulen, Kultur und Medien in den gesellschaftlichen Mainstream zurück­sickert. Mit Jasbir Puar, einer sich auf Deleuze und Guattari beziehenden Erbin des Poststrukturalismus, verlieh eine US-amerikanische Professorin sogar dem Selbstmordattentat queere Weihen, töte dieses doch nicht etwa primär ­Menschen, sondern löse binäre Gegensätze wie Täter und Opfer, Soldat und Zivilist, Macht und Ohnmacht in Luft auf.

Erst 2021 gastierte Puar an der Universität Basel. Auf den nächsten Seiten präsentieren wir Ihnen einige weitere Schauplätze, an denen sich das Erbe der Postmoderne bemerkbar macht.

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