Das Ding denkt mit

Das Internet der Dinge wird unsere Beziehung zu Gegenständen verändern.
Objekte, die uns lieb sind, werden intelligent und erhalten eine digitale Identität. Das bringt gewaltige Möglichkeiten. Wie diese genützt werden, muss jeder für sich selbst entscheiden.

Das Ding denkt mit
Claudio Büttler, photographiert von Claudio Büttler.

Das Internet der Dinge kommt. Bis jetzt noch nicht in Form des viel portierten Kühlschranks, der automatisch Milch nachbestellen kann, aber in Industrie und Logistik ist es bereits ein Alltagswerkzeug.

Wie schnell und in welchem Ausmass das Internet der Dinge tatsächlich unseren Alltag prägen wird, das entscheiden letztlich die Nutzer. Wahrscheinlich wollen viele gar nicht, dass ihr Haushaltsgerät automatisch frische Lebensmittel besorgt. Grosse Chancen haben intelligente Dinge aber dort, wo sie dringliche Bedürfnisse des Alltags befriedigen, uns Arbeit abnehmen, die wir selbst nicht mehr machen wollen. Kurz: unser Leben einfacher machen. Aber was bedeutet eigentlich «intelligent»?

«Intelligent» ist ein Ding dann, wenn es unser Verhalten zu begreifen lernt und mitdenkt. Zum Beispiel, um Energie zu sparen. Intelligente Heizungssteuerungen können Wettervorhersagedaten integrieren und den Energieverbrauch deutlich senken. Oder ich kann von den Ferien aus mit meinem Handy die Lichtanlage kon­trollieren. Oder die Lampen in meiner Wohnung beginnen miteinander zu kommunizieren. Die Möglichkeiten sind enorm.

Deswegen brodelt das Thema auf allen Kanälen. Klar ist heute schon: Dinge, die über Sensoren mit Software und dem Internet verbunden sind und mit Menschen kommunizieren, werden zur nächsten Evolu­tionsphase des Internets gehören.

Auf der Spielwiese

Vor einigen Jahren war es noch eine Art Bubentraum, dass ich Gegenständen wie einem Hausschlüssel eine digitale Identität geben kann. Heute sind wir daran, diese Vision in die Realität umzusetzen. Am Anfang meiner Entwicklung zum Softwareentwickler stand die Lust auf etwas Neues. Ich fand das BWL-Studium alleine zu langweilig: zu viel Theorie, viel zu wenig Praxis. Dabei war ich, so stellte ich bald fest, nicht allein. Also gründete ich zusammen mit drei Freunden eine Firma namens PRIMECUT, den Nachfolger eines erfolgreichen unternehmerischen Projekts, das an meiner alten Kantonsschule entstanden ist. Wir produzierten Gürtel aus recycelten Materialien, die wir zusammen mit Behindertenwerkstätten herstellten. Später entwickelten wir Taschen mit eingebauten Solarpanels, die als Ladestation für elektronische Geräte gebraucht werden können.

Wer nicht bloss Alltagsgegenstände wie Taschen optimieren will, landet schnell einmal bei den technischen Möglichkeiten des Internets. Ich mag mich erinnern, wie ein Freund mir das erste Mal vom Internet erzählte. Sich mit einem Rechner in eine virtuelle Welt einzuklinken war unvorstellbar. Der einzig internettaugliche Computer an unserer Schule stand im Religionszimmer. Als ich das erste Mal vor diesem Bildschirm sass, war ich komplett überfordert. Jahre später, als wir unsere erste Firma vorantrieben, war jedoch schnell klar, dass unsere Produkte über einen Onlineshop angeboten werden sollten. Ein Kollege beherrschte die Kunst des Programmierens, und so entstand die erste Schnittstelle zwischen realen Dingen und einer virtuellen Plattform. Über die Jahre wurde PRIMECUT zu einer schönen Spielwiese, auf der ich ausprobieren konnte. Ich konnte testen, welche Art von Blogs Leser auf meine Seite führt, welche Art von Onlinewerbung Klicks bringt und wie ich mit Anpassungen auf einer HTML-Seite Interessenten in Kunden umwandeln kann.

Doch der reine Onlineshop mit seinen Strichcode- und ID-Nummernzuweisungen war bloss ein Anfang. Denn jeder hat doch verschiedene Dinge, die ihm lieb und wichtig sind: ein Fahrrad, eine Kamera, die Handtasche, das Ölbild des Grossvaters. Diese Dinge, die wir bereits heute um uns herum haben und nutzen, wollen wir nun intelligenter machen. Und zwar, indem wir ihnen im Netz eine eindeutige Internet­adresse zuordnen und somit ein digitales Profil geben. Wenn meine Dinge eine Identität haben, kann ich mich mit ihnen verbinden und über sie kommunizieren, sie teilen oder mit bestimmten Services aufladen, wie etwa einer Versicherung. Natürlich kann ich auch Informationen wie Bedienungsanleitungen und Garantien mit ihnen verknüpfen. So entsteht ein soziales Netzwerk für alle Dinge, denen Menschen einen Wert beimessen.

Amputiere und lerne!

Im Dezember 2012 gründeten wir zu dritt mit ETH-Professor Elgar Fleisch (siehe Seite 61) die qipp ag,…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»