Das Dia des Dialogs

Der Dialog – so könnte man wohl schlicht und einfach sagen – unterscheidet sich vom Monolog in erster Linie dadurch, dass er die Unterbrechung als strukturbildendes Element benutzt. Ein Gespräch kommt nur dann zustande, wenn die daran Beteiligten bereit sind, ihren Redefluss immer wieder zu unterbrechen oder unterbrechen zu lassen. Allein das wechselseitige Pausieren, wie […]

Der Dialog – so könnte man wohl schlicht und einfach sagen – unterscheidet sich vom Monolog in erster Linie dadurch, dass er die Unterbrechung als strukturbildendes Element benutzt. Ein Gespräch kommt nur dann zustande, wenn die daran Beteiligten bereit sind, ihren Redefluss immer wieder zu unterbrechen oder unterbrechen zu lassen. Allein das wechselseitige Pausieren, wie kurz auch immer es ausfällt, ermöglicht die Wende zwischen Rede und Gegenrede. Diese Besonderheit war auch bei der dialogischen Kolumne «Ingold x Ingold» zu beachten. Dabei wurde im Jahresverlauf klar, dass nicht bloss die Pause als solche, sondern auch die Dauer der Unterbrechung von Bedeutung ist. Ob die monatlichen Repliken zwischen den beiden Kolumnisten von Leserinnen und Lesern tatsächlich als Teil eines permanenten Dialogs erfasst und nachvollzogen werden konnten, vermag ich nicht zu beurteilen. Denn hinter den Kulissen der Kolumne ging das Gespräch zwischen Ingold und Ingold in der üblichen Weise weiter – bei Anrufen, Begegnungen, Diskussionen. Als schreibender Dialogpartner stellte ich mir die Aufgabe, den jeweiligen Stand des Gesprächs mit meinem Sohn alle zwei Monate festzuhalten und dann abzuwarten, welche Abweichungen oder Wider­sprüche er seinerseits benennen würde. Verhältnismässig bald wurde klar, dass «Ingold x Ingold» keine allzu explosive Mischung war, obwohl wir alters- und berufs­mässig so weit auseinanderliegen, dass man ein markantes Kontrastprogramm hätte erwarten können. Denn eine Generation kann ja längst nicht mehr als praktikables Zeitmass gelten – Generationsgrenzen und Generations­unterschiede verschwimmen im hektischen Nacheinander von kurzlebigen Moden, Trends, Vorlieben, Interessen, Wertsetzungen. Was einst als Generationenkonflikt ein vieldiskutiertes psychosoziales Problem war, ist längst entschärft worden zu Gunsten einer neuen Gleichgültigkeit, die teilnahmslos alles mit allem koexistieren lässt, die nicht mehr an Differenzen interessiert ist, sondern vorzugsweise an Vereinheitlichung – Gleichstellung, Integration, Assimilation, Ökumenisierung, Europäisierung, Globalisierung, Normierung, Macdonaldisierung, Transsexualisierung usf. Der Andere wird nur dann anerkannt, wenn er sich anpasst, sich gemein macht mit den dominanten Mehrheiten. Vielfach fehlt die Erkenntnis, dass man Andersartigem, Abweichendem, Gegensätzlichem allein dadurch gerecht werden kann, dass man es in seiner Fremdheit und Befremdlichkeit annimmt. Der Dialog – auch der Dialog zwischen Gleichgesinnten – lebt von Widerstreit und ermöglicht Differenzierung. Dadurch unterscheidet er sich vom richtungslos expandierenden Polylog, den das Internet nicht nur ermöglicht, sondern eigendynamisch auch hervorbringt. Was mir an der Kolumne «Ingold x Ingold» besonders wichtig war, ist das «Dia-» des Dialogs, das offene Dazwischen, das gleichermassen trennt und verbindet – der Dialog, so verstanden, ist das probate Mittel gegen jede Form von Unifizierung und Mediokrisierung. Damit er dies bleiben kann, muss er immer wieder geübt, erprobt und radikalisiert werden.

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»