Das Buch ist eine Ware

Das «Kulturgut Buch» ist zum Gegenstand ideologischer Grabenkämpfe geworden. Stirbt das Buch, wenn wir es politisch nicht beschützen? Ganz im Gegenteil.*

«Das Buch ist keine Ware», behaupten fleissige Buchhändler und stolze Verleger mit vereinten Kräften seit Jahr und Tag. Um ihre These kühn und laut abzuschliessen: «Sondern ein Kulturgut!»

Was edel klingt, ist scheinheilig, wenn nicht gar verlogen, von vorn bis zum Nachsatz. Das Buch sei ein Kulturgut? Ja, ist es tatsächlich. Aber wem haben wir es zu verdanken? Etwa uns stolzen Verlegern? Oder gar den fleissigen Buchhändlerinnen und Buchhändlern? Nein. Sondern den Autorinnen und Autoren allein, die in der stillen Kammer ein Produkt erschaffen, das im besten Fall – wenn ein Verleger mitmacht – als klassisches Buch auf dem Markt landet. Damit ist die Kultur bereits «am Ende». Jetzt beginnt das Feilschen um Margen und Prozente. Und dieses Feilschen läuft ganz ähnlich ab wie bei der Vermarktung von Shampoos, Äpfeln oder Glühbirnen. Es gibt Grossisten, Zwischenhändler und viele Endverkäufer, vom kleinen Laden um die Ecke bis zum Discounter. Alle diese Händler wollen auf ihre Rechnung kommen. Und das schaffen sie alle am leichtesten, wenn der Wettbewerb nicht allzu schweisstreibend wird. Genauso hätten es Buchhändler gern, die mit diesem Wunsch seltsamerweise von den meisten Verlegern unterstützt werden. Sie möchten die Preise mehr oder weniger fixieren. Abkarten. Im gegenseitigen Einvernehmen. Also ein Kartell bilden.

Zurzeit spielt (noch) ein richtig freier Markt. Wir Verleger empfehlen einen Preis, daran halten muss sich niemand. Der kleine Buchladen um die Ecke, Orell Füssli im Zentrum, der Discounter Ex Libris im Internet: alle dürfen ihre Preise frei bestimmen. Es herrscht Wettbewerb. Konkurrenz.

Derweil brütet der Autor das Kulturgut aus. Zum Beispiel Rolf Holenstein. Fünf Jahre lang werkte er an einer umfassenden Biographie über den «Erfinder der modernen Schweiz»: Ulrich Ochsenbein, erster Bundesrat, der bei der Ausformulierung der Bundesverfassung von 1848 die Feder führte. Später wurde er abgewählt, verfemt, verleumdet. Er verliess die Schweiz und wurde in Frankreich Brigade- und Divisionsgeneral. Holensteins umfassende Biographie ist 650 Seiten stark und erschien in unserem Echtzeit-Verlag, verkauft wird sie in jeder guten Buchhandlung. Zum Glück zu unterschiedlichen Preisen, wie das vorderhand noch möglich ist. Bei Ex Libris kostet das Buch 38.40 Franken, inklusive Porto und Verpackung. Damit ist Ex Libris mit Abstand der billigste Anbieter der Schweiz, noch günstiger als ein Direktimport via Amazon aus Deutschland. Im Laden von Marianne Sax in Frauenfeld dagegen kostet die Ochsenbein-Biographie 48 Franken. Damit hält sich Marianne Sax strikt an die Preisempfehlung unseres Verlags. Man könnte auch sagen: Frau Sax will mit gutem Beispiel vorangehen. Schliesslich ist sie Präsidentin des Schweizerischen Buchhändler- und Verlegerverbands (SBVV). Wie eine Löwin kämpft sie dafür, dass sich alle Buchhändler wie früher auch in Zukunft an die Vorgaben der Verlage halten müssen. Zwingend.

Wir vom Echtzeit-Verlag sehen das nicht so eng. Wir haben nichts dagegen, wenn unsere Bücher mal hier, mal dort etwas teurer oder billiger feilgeboten werden. Im Gegenteil: wir halten uns selber nicht an den von uns empfohlenen Preis. Auf unserer Internetseite und via Facebook offerieren wir die Ochsenbein-Biographie unseren vielen Freunden für 44 Franken, liefern das Buch portofrei mit der A-Post in einer eleganten schwarzen Verpackung, die dem Empfänger hoffentlich Freude bereitet.

Und was hat dieser Preiskampf für den Autor zu bedeuten? Nichts. Wir vom Echtzeit-Verlag geben uns alle Mühe, mit unseren Autorinnen und Autoren so fair wie möglich umzugehen. Denn wir wissen: ohne Autor kein Kulturgut, ohne Buch kein Verlag. Rolf Holenstein erhält für seine Ochsenbein-Biographie – wie alle unsere Autoren – zehn Prozent des Ladenpreises, den wir vom Echtzeit-Verlag dem Schweizer Buchhandel empfehlen. Pro verkauftes Buch ergibt das 4.80 Franken. Und zwar unabhängig davon, über welchen Kanal das Buch verkauft wird. Ob bei Ex Libris, via Amazon, im Laden von Marianne Sax oder direkt bei uns – Rolf Holenstein verdient überall gleich viel. Oder um es deutsch und deutlich zu sagen: Rolf Holenstein verdient überall gleich wenig: 4.80 Franken pro verkauftes Buch? Das ist ein mieser Lohn, selbst wenn die erste Auflage von «Ochsenbein», 3000 gedruckte Exemplare, nahezu ausverkauft ist – was für die Biographie eines bis dahin «Unbekannten» ein sensationeller Erfolg ist.

Aber man rechne: 3000mal 4.80 Franken sind 14 400 Franken Lohn für eine fünfjährige Leistung des Autors. Schuld an diesem miesen Gehalt ist aber nicht etwa der freie Buchpreis. Im Gegenteil. Gelingt es Ex Libris, dank den günstigsten Preisen in der Schweiz mehr Ochsenbein-Biographien zu verkaufen, profitiert davon nicht zuletzt sogar der Autor.

Und wie präsentiert sich die Rechnung aus Sicht des Echtzeit-Verlags? Genau gleich. Für uns gilt dieselbe Devise wie für unsern Autor Rolf Holenstein: das Buch muss verkauft werden, je öfter, desto besser. Unsere Marge nämlich ist überall gleich hoch. Oder um es deutsch und deutlich zu sagen: überall gleich tief. Von jedem in der Schweiz verkauften Exemplar bleibt nur der kleinere Teil des Verkaufspreises bei uns. Der grössere Rest versickert in der Handelskette: beim Grossisten, der die Bücher ausliefert, beim Zwischenhändler, der sie an die Läden verteilt, und am Ende bei den Buchhändlerinnen und Buchhändlern. Konkret bleiben uns ziemlich genau 46,5 Prozent des von uns empfohlenen Ladenpreises. Davon geben wir vom Echtzeit-Verlag 10 Prozent an den Autor ab, womit wir bei 36,5 Prozent angelangt sind. Mit diesem Anteil müssen wir den Druck bezahlen, den Transport, den Zoll, das Lektorat, das Korrektorat, die Illustration, die Gestaltung der Bücher, unseren Internet-Auftritt, die iPad-Applikation, etwas Werbung, die Mehrwertsteuer und vieles mehr.

Aber wir vom Echtzeit-Verlag wollen nicht jammern. Wir möchten einfach glaubhaft machen, dass es eine «kritische Menge» gibt, die wir verkaufen müssen. Das schaffen wir nur, wenn Discounter dafür sorgen, dass sie mit günstigeren Preisen grössere Mengen absetzen als zum Beispiel die Buchhändlerin Marianne Sax in Frauenfeld, obschon die sich alle Mühe gibt und fachkundig berät. Aber uns ist eben auch ein Billigversandhaus wie Ex Libris willkommen. Das ist doch gleichzeitig der einzige Sinn und Zweck der Kulturförderung: dass so viele Waren wie möglich den Weg zum Publikum finden.

So viel zum Kommerziellen. Und jetzt zum Inhaltlichen. Zum Politischen. Zum Kulturellen. Unser Autor Rolf Holenstein hat mit seiner Ochsenbein-Biographie etwas erreicht, was selten vorkommt: er hat der Person Ulrich Ochsenbein, die längst vergessen, die insbesondere in seinem Heimatkanton Bern sogar verpönt war, zu jener Bedeutung verholfen, die sie verdient hat. Endlich wird er sogar offiziell gefeiert. Am 11. November 2011 wurde in Nidau, seiner Heimatstadt, ein Denkmal für Ochsenbein enthüllt – von niemand geringerem als Bundesrat Johann Schneider-Ammann. An die Feier in der Kirche von Nidau, wo Ochsenbein einst viele seiner politischen Versammlungen abgehalten hatte, waren geladen: die sieben amtierenden Berner Regierungsräte, die beiden Ständeräte, alle Nationalräte des Kantons, der Stadtammann von Nidau, Altbundesrat Samuel Schmid und ein paar hundert andere Gäste.

Ohne den Autor Rolf Holenstein wäre Ochsenbein nie rehabilitiert worden. Ohne den Autor Rolf Holenstein hätte unser Echtzeit-Verlag nie einen solchen Erfolg feiern dürfen. Ohne den Autor Rolf Holenstein hätte der Buchhändler von Nidau nie so viele Ochsenbein-Biographien verkaufen können. Und ohne Rolf Holenstein hätte auch Ex Libris nicht so viele Ochsenbein-Biographien abgesetzt. Daraus dürfen ruhig auch die heutigen Politikerinnen und Politiker ihre Lehren ziehen. Zum Beispiel indem sie, wenn sie schon das Kulturgut Buch fördern wollen, am besten einen Autor wie Rolf Holenstein direkt unterstützen. Das ist auf jeden Fall gescheiter, als der ganzen Branche eine kartellistische Preisbindung zu erlauben.

Und falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser, die Ochsenbein-Biographie noch nicht besitzen: kaufen Sie das Buch dort, wo Sie Ihre Bücher kaufen wollen: Gut beraten in der fein sortierten Buchhandlung in Ihrer Nähe, beim Discounter, wo es am billigsten ist, oder direkt beim Verlag, womit Sie das Kulturgut Buch am wirkungsvollsten fördern.

 

 


 

* Die Abstimmung über die Wiedereinführung der Buchpreisbindung findet am 11. März 2012 statt.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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