Das allererste Lächeln

Warum Lachen, Lächeln und Weinen sich so ähnlich sehen.

Das allererste Lächeln
Illustration von Rafael Koller

Vor etwa 4000 Jahren irgendwo im Nahen Osten – wo und wann genau, wissen wir nicht – zeichnete ein Schreiber den Kopf eines Ochsen. Das Bild war recht einfach: ein Gesicht mit zwei Hörnern darüber. Es diente als Teil eines «Abschads» – eines Zeichensatzes, der die Konsonanten einer Sprache darstellte. Über Tausende von Jahren änderte der Ochsenkopf allmählich seine Gestalt und fand Eingang in viele verschiedene Abschads und Alphabete. Er wurde spitzer und drehte sich seitwärts. Schliesslich stand er ganz kopfüber, so dass er auf den Hörnern zu liegen kam. Heute stellt das Zeichen nicht länger einen Ochsenkopf dar oder einen Konsonanten. Wir kennen es als den Grossbuchstaben A.

Lange bevor es geschriebene Symbole gab, sogar noch vor aller gesprochenen Sprache, kommunizierten unsere Vorfahren durch Gesten. Auch heute noch ist vieles von dem, was wir anderen mitteilen, nonverbal und teils unter der Oberfläche der Bewusstheit verborgen. Wir lächeln, weinen, erschaudern, werfen uns in Pose, zucken die Achseln. Diese Verhaltensweisen sind natürlich, doch zugleich symbolisch. Einige sind bei genauerer Betrachtung sogar ziemlich bizarr. Warum blecken wir die Zähne, um Freundlichkeit auszudrücken? Warum strömt uns Feuchthaltemittel aus den Augen, wenn wir unsere Hilfsbedürftigkeit signalisieren wollen? Warum lachen wir?

Einer der ersten Naturwissenschafter, die über derlei Fragen nachdachten, war Charles Darwin. In seinem Buch «Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren» (Original: «The Expression of the Emotions in Man and Animals» von 1872) stellte er fest, dass alle Menschen ihre Gefühle auf mehr oder weniger identische Art und Weise zum Ausdruck brächten. Er stellte die These auf, dass sich jene Gesten vermutlich aus entsprechenden tierischen Urformen entwickelt hätten. Ein moderner Vertreter dieser Idee ist der amerikanische Psychologe Paul Ekman. Ekman unterteilte menschliche Gesichtsausdrücke in Grundkategorien – fröhlich, ängstlich, angeekelt usw. – und stellte fest, dass sie sich über eine Vielzahl sehr unterschiedlicher Kulturen hinweg gleichen. Eingeborene aus Papua-Neuguinea schauen nämlich auf die gleiche Art und Weise freundlich oder zornig wie heutige Schweizer oder US-Amerikaner.

Unsere emotionalen Ausdrucksformen scheinen angeboren, sprich sie sind Teil unseres evolutionären Erbes. Und doch liegt ihre Etymologie, wenn man so will, im Dunkeln. Sind wir imstande, jene sozialen Signale zu ihren stammesgeschichtlichen Wurzeln zurückzuverfolgen, zu irgendeiner ursprünglichen Verhaltensweise unserer Vorfahren? Um sie vollständig zu erklären, müssten wir bis dahin zurückgehen, wo wir das Reich des Symbolischen ganz und gar verlassen, wo wir uns mit etwas konfrontiert sähen, das nichts mit Kommunikation zu tun hätte. Wir müssten den Ochsenkopf im Buchstaben A finden. Ich glaube, das ist möglich.

 

Aus Princeton…

Vor etwa 10 Jahren ging ich den Hauptflur meines Labors in Princeton entlang, als mich plötzlich etwas Feuchtes von hinten erwischte. Ich gab ein völlig würdeloses Quieken von mir, riss zum Schutz die Hände in die Höhe und duckte mich. Als ich mich umdrehte, sah ich zwei meiner Studenten – der eine mit einer Wasserpistole, der andere mit einer Videokamera. Das Labor war seinerzeit ein gefährlicher Ort. Wir untersuchten, wie das Gehirn eine Sicherheitszone um den Körper herum überwacht und uns mittels Duck-, Zuck- oder Blinzelreflexen gegen Objekte abschirmt, die diese Zone verletzen. Leute aus dem Hinterhalt zu überraschen war zwar nicht Teil des offiziellen Experiments, doch immer wieder sehr amüsant – und auf eine gewisse Weise überaus aufschlussreich.

Unsere Versuche konzentrierten sich auf eine bestimmte Gehirnregion beim Menschen und bei Affen. Hier wurden, so schien es, Wahrnehmungsreize aus der unmittelbaren Peripherie des Körpers verarbeitet und in Bewegung umgesetzt. Wir zeichneten die Aktivitäten einzelner Neurone in diesen Gehirnregionen auf, um etwas über ihre genaue Funktion herauszufinden. Näherte sich beispielsweise ein Gegenstand bedrohlich der linken Wange, wurde eine bestimmte Sorte von Neuronen aktiv und begann, wie…