Darum habe ich die Finanzwelt verlassen

Ich wurde in den letzten Wochen unzählige Male danach gefragt, wieso ich mich entschieden hätte, meine Karriere bei einer Investmentbank nach so kurzer Zeit schon wieder zu quittieren. Ich will die Frage hier beantworten. Die Monate und Jahre, die ich nun in der Finanzbranche verbrachte, waren eine gute Schule. Nicht nur in bezug auf die […]

Ich wurde in den letzten Wochen unzählige Male danach gefragt, wieso ich mich entschieden hätte, meine Karriere bei einer Investmentbank nach so kurzer Zeit schon wieder zu quittieren. Ich will die Frage hier beantworten.

Die Monate und Jahre, die ich nun in der Finanzbranche verbrachte, waren eine gute Schule. Nicht nur in bezug auf die Menschen, die ich kennengelernt habe, und in bezug auf die fundamentalen Kenntnisse über Finanzprodukte und das Bankensystem, die ich mir angeeignet habe – sie waren eine Bereicherung vor allem aus organisatorisch-persönlicher Sicht. Ich achte die Loyalität und das Engagement jedes einzelnen Mitarbeiters der Finanzindustrie. In seiner täglichen Arbeit – auch durch schwere Zeiten wie Abschwünge bzw. Rezessionen hindurch – bringt er den Mut auf, nach vorne zu schauen, und gibt sein Bestes. Ich bewundere auch die Art, in der das ganze hierarchische System einer Bank funktioniert: den selbstinduzierten und nötigen Respekt für Vorgesetzte und vor allem die dadurch geförderte Selbstdisziplin – eine absolute Notwendigkeit für solche grossen Strukturen. Und zuletzt halte ich die Breite der Informations- und Wissensplattform eines weltweit agierenden Finanzinstituts für einzigartig. Ich konnte jederzeit nach dieser unglaublich strukturierten, globalen Datenbank aus Wissen und Fortschritt greifen – und habe nie zuvor so viele finanzpolitisch relevante Informationen in so kurzer Zeit gesammelt.

Auf der anderen Seite – so mein persönlicher Eindruck – flacht die Lern- und Motivationskurve in diesem Metier doch sehr schnell ab. Rasch war ich gefangen in einer Rolle, die mich im System Grossbank zur blossen Ausführung von Fingerübungen degradierte. Spricht man dieser Tage über Banken, geht es meist auch um zu viel Risiko. An diesem Punkt war für mich vor allem ein Risiko zu gross: das Risiko, persönlich stecken zu bleiben!

Ich bin wohl nicht dafür gemacht, mich in diese Umgebung einfach einzufügen. Sicher: die Aussicht auf ein gutes Gehalt und das Prestige der Tätigkeit bei einer Bank ist verlockend. Ein Job im Investmentbanking birgt aber vor allem die Herausforderung, ehrlich zu bleiben. Einerseits in bezug auf die Menschen um sich herum, andererseits gegenüber sich selbst. Für den Investmentbanker ist der Verlust des Jobs der grösstmögliche Abschwung. Die relativ grosse Entscheidungsgewalt über erhebliche Mengen an Geld und die damit einhergehende Verantwortung spielen für ihn und seine Karriere jedoch kaum noch eine Rolle. Das haben wir alle gerade miterlebt. Die Arbeit wird gleichsam virtuell.

Mir liegt daran, die Verantwortung für alles, was ich tue, auch in vollem Umfang zu tragen. Das ist Teil der Erziehung durch meine Eltern – und sie ist es auch, die mich nun in die Selbständigkeit führt. Ich werde einen Schatz an Erfahrungen aus der Finanzwirtschaft mitnehmen, werde ihre sehr akademische und intellektuell anregende Umgebung vermissen. Die Zeit in London gab mir neue Werkzeuge mit auf den Weg – nun wage ich es, sie einzusetzen für das, was schon immer mein Traumberuf war und sein wird: Unternehmerin, mit all den damit verbundenen Risiken und Nebenwirkungen. Denn obwohl ich immer wieder gern bereit war, erneut ganz unten zu starten und ein neues reizendes Spiel zu beginnen: ich musste feststellen, dass ich nicht der Arbeitnehmertyp bin. Ich wurde zur eigenständigen und verantwortungsbewussten Frau erzogen, und durch mein jahrelanges Selbstmanagement habe ich genug Erfahrung, um in Zukunft auch im ökonomischen Sinn mein eigener Chef zu sein. Im Gegensatz zu den fälschlicherweise als «Masters of the Universe» bezeichneten Investmentbankern bin ich so «Master» meines eigenen kleinen, aber ständig expandierenden Universums.

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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