Dadas Haus am Zürcher Heimplatz

Schutz vor Verfall und Simplifizierung Wie kann Museumsbesuchern die Komplexität der dadaistischen Bewegung nahe gebracht werden? Wenn man sich nicht damit begnügen will, nur
das historische Dada-Chaos nachzustellen, dann müssen Wege wie die des Kunsthauses Zürich gewählt werden.

In den vergangenen Jahrzehnten hat das Kunsthaus Zürich die weltweit grösste und wichtigste Sammlung von Werken und Dokumenten zum Zürcher Dadaismus aufgebaut. Auch die Bestände zu den internationalen Filiationen der Bewegung sind sehr bedeutend. Die Sammlungen werden kontinuierlich erweitert, in jüngster Zeit etwa durch Erwerbungen wichtiger Werke aus den Nachlässen von André Breton und von Hans Bolliger. Sie umfassen nicht nur das unter entsprechendem Sigel inventarisierte eigentliche Dada-Archiv (zur Zeit ca. 500 Nummern): Dadaistisches findet sich auch in allen anderen Sammlungen des Hauses, von der Bibliothek über die Graphische Sammlung, die Fotosammlung bis hin zur allgemeinen Sammlung der Gemälde und Skulpturen. Der inter-nationalen Fachwelt ist diese Tatsache wohlbekannt, und die Sammlungen werden intensiv genutzt. Keine Ausstellung zum Thema, sei es in New York, in Paris oder in Pirmasens, kommt ohne Leihgaben aus Zürich aus; keine wissenschaftliche Arbeit zum Dadaismus kann auf die Konsultation des Archivs am Heimplatz verzichten.

Erhalt als erste Aufgabe

So wie auch Zentralbibliothek und Staatsarchiv ihre kostbaren Handschriften und Dokumente zur Zürcher Geschichte nicht permanent in offenen Vitrinen präsentieren können, ist auch das Kunsthaus zu einem zurückhaltenden Umgang mit vielen seiner Dada-Preziosen gezwungen. Denn primären Niederschlag fand der hiesige Dadaismus bekanntlich nicht in Ölgemälden und Skulpturen, sondern in einem bunten Wirbel von bedrucktem und beschriebenem Papier, in Manuskripten, Briefen, Almanachen, Katalogen, Plakaten, Broschüren, Pamphleten, Einladungskarten, Büchern, Zeitschriften und Flugblättern. Allein schon die ästhetischen Maximen der Dadaisten verboten dabei die Verwendung kostbarer (und mithin dauerhafter) Materialien; die prekäre Finanzlage der Künstler, Autoren und Verleger sowie die kriegsbedingte Knappheit taten das Übrige. Die Folge: Es gibt heute wohl kaum ein wichtiges Originaldokument des Zürcher Dadaismus, dessen Erhaltungszustand nach professionellen konservatorischen Kriterien nicht heikel ist: Dada zerbröselt einem buchstäblich zwischen den Fingern.

Die Aufgabe des Museums muss daher primär darin bestehen, seine Bestände für künftige Generationen zu bewahren. Dies bedeutet professionelle Lagerung in licht- und säurefreiem Milieu bei konstanter Luftfeuchtigkeit und konstanter Lufttemperatur. Freilich muss deshalb niemand, der sich mit Dada Zürich beschäftigen möchte, auf den Zugang zu den Originalen verzichten. Es genügt, telefonisch einen Termin zu vereinbaren, um die (übrigens zu einem grossen Teil online nachgewiesenen) Bestände ohne weitere bürokratische Umstände in der Bibliothek des Kunsthauses einsehen und studieren zu können.

Etwas anders stellt sich die Sachlage bezüglich der eigentlichen Kunstwerke, der Gemälde, Skulpturen und Assemblagen dar. Auch deren Erhaltungszustand ist in der Regel problematisch, da die Dadaisten etwa mit billigen Industriefarben auf zufällig gewählten Bildträgern arbeiteten oder

allerlei Plunder wie Zahnstocher, Hundeleinen, Stoffresten aufs (nach-)lässigste verleimten. Die Ausleihe dieser Werke an Ausstellungen stellt daher Ansprüche an die Infrastruktur der jeweiligen veranstaltenden Institutionen. Wenn sie erfolgen kann, dann erfordert dies vom Kunsthaus etlichen Aufwand, da die Werke sorgsam verpackt und zudem auf ihrer ganzen Reise und bei der Installation am Ausstellungsort von Restauratoren begleitet und betreut werden müssen.

Wo sind nun die Dadaisten?

Gelegentlich wird das Bedauern geäussert, der Dadaismus im Kunsthaus profiliere sich zu diskret. Das überrascht, denn die Besucher bekommen auf ihrem Gang durch die Säle des Museums jederzeit die dort seit Jahr und Tag permanent gehängten dadaistischen Hauptwerke von Arp, Ernst, Janco, Richter, Sophie Taeuber, Schad, Picabia usw. zu Gesicht. Das wird man so interpretieren dürfen, dass das Museum seinen Besuchern den Dadaismus wohl zeigt, diese ihn jedoch nicht ohne weiteres also solchen erkennen, da es sich beim Dadaismus nicht um einen Stil handelt: Denn während es vergleichsweise leicht fällt, in einem Impressionistensaal oder in einem Kubistensaal eine formale Kohärenz der gezeigten Gemälde auszumachen, verweigerte sich der Dadaismus einer in einem verbindlichen Stilwillen begründeten phänomenalen Einheitlichkeit.

Dies beginnt schon beim Namen, den sich die Bewegung programmatisch…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»