DAdam und DADame»

«Dada est difficile à déflorer. La vierge est étroite.» Kunst allein ist selten skandalös. Zum lustvoll wahrgenommenen Skandalon wird sie oft erst dann, wenn der Lebenswandel der Künstler selbst skandalöse Züge trägt. Die Dadaisten meisterten diese Herausforderung mit Leichtigkeit und Leidenschaft.

Dada verfügte über eine ausgeprägt sportliche Kraftader. Eine der berühmt gewordenen Forderungen des Berliner Fotomonteurs John Heartfield lautet: «Jedermann sein eigner Fussball!» (Berlin 1919). Und die Dadaisten kickten sich in der Tat durchs Leben. Der in Lausanne geborene Arthur Cravan boxte in Barcelona gegen den ersten schwarzen Schwergewichtsweltmeister Jack Johnson, Walter Serner widmete sich dem Pistolenschiessen à blanc, die Deutschen Max Ernst und Johannes Theodor Baargeld frönten dem Alpinismus, Francis Picabia war passionierter Rennautofahrer, die meisten tanzten zu Labans Rhythmen, und natürlich gehörte – gewissermassen als «Letzte Lockerung» – zum unerlässlichen Fitnessprogramm aller Dadaisten und Dadaistinnen zwischen Zürich und Zagreb ein aktives Sexualleben.

Dadas revolutionäre Ausflüge ins Reich von Amour fou und Sexualität werden beispielhaft vorgeführt von Raoul Hausmann, der zusammen mit Hannah Höch die kunsthistorisch bedeutsame Erfindung der dadaistischen Fotocollage machte. Hausmanns Manifeste sind trotz kommunistisch klingender Rhetorik hauptsächlich Stellungnahmen zur Revolution des sexuellen und ökonomischen Verhaltens des Einzelnen. Und für seine eigene Existenz scheint ihm diese Revolution auch wirklich gelungen zu sein. Er heiratete einmal, heiratete zweimal und lebte noch als Greis eine Ménage-à-trois mit einer reichen und einer jungen Frau.

Marcel Duchamp als Erfinder der Junggesellenmaschine, der die Frauenherzen reihum in Ekstase und Verzweiflung versetzte – «Marcel, Marcel, I love you like Hell» schrieb ihm die Baroness Elsa von Freytag-Loringhoven in New York –, war der Chef-Analytiker aller erotischen Sphären und realisierte mit seinem «Grossen Glas», das mit vollem Titel «Die Braut von ihren Junggesellen entblösst, sogar» heisst, so etwas wie den zehnfach verschlüsselten «Hite-Report» zum Sexual-leben der Avantgarde.

Entgleitende Triebe

Mitunter aber ging die exzentrische Trieborientierung der Dadas selbst dem «Dompteur des acrobates» Tristan Tzara zu weit. Aus gemeinsamen, mit Mitstreitern aus Deutschland, Amerika und Paris verbrachten Ferientagen im Tirol schrieb der Strohwitwer entnervt an seine daheimgebliebene Freundin Maya: «Wenn die Damen und Herren uns wohl die Ehre geben würden, einmal mit dem V… aufzuhören!» Dadas Aktionsradius ging in der Tat von V bis A und wieder zurück, beinhaltete und vermengte Leben und Kunst und deren Negationen vom Suizid (Raimond Roussel, Jacques Vaché) bis zum Autodafé. Und trotz aller gezielten Provokationen wie Walter Mehrings satirische Kampfschrift «Coitus im Dreimäderlhaus» sowie der schwarzen und aus bürgerlicher Sicht unsittlichen Existenziale, welche die Dadaisten unvoreingenommen in ihr Leben integrierten, waren sie selbst stolz auf die Unbefleckbarkeit des «Esprit dada». Der Pariser Dadaist Georges Ribemont-Dessaignes steckte die Grenzen der synkretischen Beziehungsspiele ab, die Dada eingehen konnte, ohne die Unschuld zu verschenken: «Il est intéressant de noter à quels partis appartiennent les sourires d’alliance offerts à Dada. Politique et mariage. Dada a une grosse dot à manger. Mais Dada est difficile à déflorer: la vierge est étroite.» (Georges Ribemont-Dessaignes in: Dadaphone, Paris 1920).

Bei allen dadaistischen Aktionen war der Happening-Charakter von zentraler Bedeutung. Ad hoc wurde ein groteskes, unerwartetes Ereignis zelebriert, worauf die interaktive, spontan sich entfaltende Sensation folgte. Die Künstlerkneipe Voltaire in Zürich mit ihren sentimentalen und expressionistischen Kabarett-Soireen fand erst durch Richard Huelsenbecks Eintreffen Mitte Februar 1916 zur aggressiven Spannkraft und Kampfeslust des eigentlichen Hochdadaismus: Huelsenbeck fuchtelte wie ein erregter Dompteur permanent mit seinem Oxfordstöckchen und «plädiert dafür, dass man den Rhythmus verstärkt (den Negerrhythmus). Er möchte am liebsten die ganze Literatur in Grund und Boden trommeln» (Hugo Ball). Hass und Verzweiflung angesichts des Wahnsinns der Zeit führten zu einem immer rigoroseren Auftreten: tolldreiste Gebärden, hämmernde pseudoafrikanische Musik, zersäbelte Sprache, wilde Kostüme, Bilder und Collagen sollten bürgerliche Zwänge zerstören und die Kreativität befreien. In dieser Spannung entglitt das erotische Leitmotiv der Dadaisten mitunter in die dunkeln Niederungen der sexuellen Obsessionen des «Kurfürsten-Dammdadaismus des gerne-einmal-Lustmörders George Grosz. Zylinderdada Zerfrauenhack Edelschweif Gross gerne einmal Zylinderlüftet…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»