Da nützt auch das Ohr im Garten nichts

Melchior Fischer leidet. Seine Frau Katharina hat ihn verlassen und ist mit Tochter und Sohn in einen Vorort gezogen. Fischers neues Zuhause ist eine Zweizimmerwohnung in einem heruntergekommenen Stadtviertel. Aber auch ein bescheidenes Dasein kostet Geld. Und das fehlt dem erfolglosen Schriftsteller. Feste Jobs waren seine Sache von jeher nicht, doch jetzt bleiben auch die Aufträge aus, mit denen er sich früher über Wasser gehalten hat. Ausserdem vermisst er Katharina, vor allem, wenn er sich während des Urlaubs um ihren Garten kümmern darf. Trost spendet da nur noch Bob Dylan, doch es ist ausgerechnet dessen Song «I want you», der dem einsamen Fischer nicht aus dem Kopf gehen will.

Ist das der Stoff, aus dem heutzutage Krimis geschneidert werden? Dieser Überzeugung ist zumindest der Salis-Verlag, in dessen «sel noir»-Reihe «Fischer hat Durst», der neue Roman des in Riehen bei Basel ansässigen Autors Wolfgang Bortlik, erschienen ist. Tatsächlich wartet bereits das erste Kapitel mit genrespezifischen Elementen auf. Da ist zum einen ein menschliches Ohr, das Fischer auf Katharinas Rasen erblickt, dummerweise zeitgleich mit dem gierigen Kater Meatloaf, den zu füttern er fast vergessen hätte. Da das corpus delicti nun verschwunden ist, entscheidet auch Fischer, der Angelegenheit keine grössere Bedeutung zuzumessen. Doch auf dem Heimweg radelt er mit Schwung gegen die plötzlich sich öffnende Beifahrertür eines geparkten Autos und stürzt. Die Visitenkarte, die ihm rasch in die Hand gedrückt wird, weist die Fahrerin als Gattin eines einflussreichen Wirtschaftsanwalts aus. Und dieser vertritt ausgerechnet eine Investorengruppe, die ein bislang von alternativen Gruppen genutztes Hafengelände profitabel vermarkten will.

Eine vielversprechende Ausgangssituation also – man kann sich schon lebhaft vorstellen, wie Fischer, dessen Kampf gegen gesellschaftliches Unrecht sich bislang auf publizistische Einsätze beschränkt hat, als Amateurdetektiv die kriminellen Machenschaften der Mächtigen entlarvt. Doch Wolfgang Bortlik versteht es, diese Erwartung auf das angenehmste zu enttäuschen. Weder beginnt Fischer zu ermitteln, noch stellt sich ein Zusammenhang zwischen dem abgetrennten Ohr und den Investitionsplänen am Hafen heraus. Zwar ist ein Mörder unterwegs, doch der hat ebenso seine ganz privaten Motive wie all die anderen Figuren in diesem amüsant-melancholischen Roman aus dem Leben der Bohème. Wir erfahren viel über die Popkultur der sechziger Jahre, werden über keltische Bräuche informiert und werfen einen Blick in die Abgründe des Schweizer Literaturbetriebs. Und wem das noch nicht genug ist, der findet am Ende ein schönes Glossar vor, in dem nicht nur Wissenswertes über das exzentrische Bandprojekt «Pearls before Swine» nachzulesen ist, sondern auch erklärt wird, wem ein «Ikea-Billy» etwas nützt.

Wolfgang Bortlik, dessen Biographie durchaus Parallelen zu der seines traurigen Helden aufweist, erzählt ironisch, aber mit viel Empathie von einem von der sogenannten Realität bedrohten Paralleluniversum. Und weil ihm dies sprachlich virtuos von der Hand geht, gelingt ihm ein vielschichtiges Stück Prosa, dessen Komplexität nicht, wie so oft, mit einem Verlust an Lesevergnügen einhergeht. Als Kriminalroman allerdings kann «Fischer hat Durst» nur bei sehr grosszügiger Auslegung der Gattungsdefinition durchgehen. Zum Glück.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Wolfgang Bortlik: «Fischer hat Durst». Zürich: Salis, 2009

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»