Cyborg? Ja, bitte!
Illustration von Stephan Schmitz.

Cyborg? Ja, bitte!

Auch die modernste Prothese kann einen menschlichen Körperteil nur teilweise ersetzen. Dennoch sind solche Prothesen für Direktbetroffene eine hochwillkommene Unterstützung.

 

Der grosse Zeh aus Holz geschmeidig gehobelt und geschliffen, die Konstruktion sorgfältig mit Leder und Leinenfäden am menschlichen Fuss befestigt: So sieht sie aus, die wahrscheinlich älteste Prothese der Welt. Archäologen haben im Jahr 2000 einen künstlichen Zeh an der Mumie einer ägyptischen Priestertochter entdeckt und ihr Alter auf knapp 3000 Jahre geschätzt. Ein inter­nationales Forscherteam bildete die Prothese im Anschluss originalgetreu nach. Das Ergebnis ist erstaunlich: Die älteste Prothese der Welt funktioniert einwandfrei und wird von Testpersonen als «besonders bequem» beschrieben.

Moderne Prothesen hingegen bieten sogar mehr als Tragkomfort: Mit eingebauten Motoren und Elektroden reagieren sie auf die Muskelimpulse des Trägers und imitieren die Bewegungsmuster eines menschlichen Körperteils. Für Prothesenträger ist die Erweiterung des eigenen Körpers durch eine Maschine weder unheimlich noch furchterregend: Sie ist eine willkommene Alltagserleichterung.

Die Ästhetik der Prothese

Aimee Mullins liebt und führt ein vielseitiges Leben: Als 21-Jährige erprobte sie sich an Olympischen Spielen im 100-Meter-Lauf und im Weitsprung. Mit 23 eröffnete sie als Model auf dem Laufsteg eine Modeschau von Stardesigner Alexander McQueen. Mit 26 lancierte sie ihre Laufbahn als Schauspielerin: Man kennt die Amerikanerin zum Beispiel als Terry Ives aus der bekannten Net­flix-Serie «Stranger Things». Noch häufiger als ihren Beruf wechselt Mullins aber ihre Beine: Die heute 45-Jährige wurde mit einer Fehlbildung der Wadenbeine geboren, im Alter von einem Jahr wurden die Unterschenkel bis zu den Knien amputiert – sie läuft seit ihrer frühen Kindheit beidseitig auf Prothesen.

In ihrem Kleiderschrank stehen unterschiedliche Prothesenpaare: Für ein möglichst menschliches Aussehen zum Beispiel wählt sie Silikonprothesen, auf längeren Spaziergängen läuft sie auf Kohlenstofffaserprothesen, die dank Abfederung eine schonende Wirkung auf die Hüftgelenke haben. Auch hier zeigt ­Mullins sich experimentierfreudig: Während ihrer Modelkarriere präsentierte sie sich auf hölzernen, mit Ornamenten verzierten Prothesen, bei renommierten Forschern stellt sie sich als Testperson für neueste Kunststoffprothesen zur Verfügung. Mullins regt zum Nachdenken an: «Wieso gilt eine gemachte Nase als Schönheitsideal, während die Prothese häufig noch immer kritisch ­gemustert wird? Wer bestimmt, was als schön gilt?»

Mullins sieht sich als Versuchskaninchen einer neuen Generation, in welcher Menschen dank den Möglichkeiten der Technologie ihren Körper selber designen: «Jeden Morgen wählen wir unsere Kleider und stylen unsere Haare so, wie es uns gefällt. Wo liegt das Problem, wenn wir das auch mit unseren Beinen machen? Menschen werden bald ihren eigenen Körper auf das persönliche Optimum ausrichten können. Für manche wird das Ideal der menschliche Körper bleiben – für andere wird es darüber hinausgehen.» Sie hat grosse Hoffnungen auf den technologischen Fortschritt: «Ich hätte wahrscheinlich nie die Möglichkeit gehabt, eine professionelle Balletttänzerin zu werden. Aber wer weiss schon, ob das in 50 Jahren nicht trotz einer körperlichen Behinderung möglich sein könnte?» Das Wichtigste sei jedoch, dass man sich im eigenen Körper wohlfühle: «Wenn jemand eine Prothese nicht als Teil seines Körpers akzeptiert, wird er sie auch nicht tragen», meint Mullins.

Superheld mit Handprothese

Michel Fornasier ist 42 Jahre alt und kam ohne rechte Hand zur Welt – er brauchte lange, bis er sich mit seinem Schicksal abfinden konnte. «Mit 7 Jahren erhielt ich zum ersten Mal eine Patschhand aus Silikon – der Besuch beim Orthopäden war ziemlich traumatisierend: Wie in einem Horrorfilm stapelten sich dort im Schrank Beine und Hände», erzählt er mir. Mit den rudimentären Handprothesen wurde Fornasier nie warm – erst vor fünf Jahren fand er mit der bionischen Handprothese des schwedischen Herstellers Össur endlich ein Modell, das ihn auch ästhetisch anspricht. Dessen Funktionsweise überzeugt: Mit dem Smartphone wählt man aus insgesamt 25 Bewegungsmustern aus, touchiert mit den Muskeln im Unterarm die Felder von zwei Elektroden und gibt so den Befehl zur Ausführung. Hände schütteln, eine Wasserflasche öffnen…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»