Corona-Flüchtlinge

Afrikanische Gastfreundschaft.

 

Kürzlich erhielt ich eine Anfrage eines Journalisten. «Wie», fragte er mich, «würdest du als Schriftstellerin das Ende des Buches schreiben, wenn die Corona-Pandemie bloss ein Roman wäre?» Also habe ich mich an meinen Laptop gesetzt und das Ende der Pandemie erfunden. Wie in meinen Büchern fand ich auch hier kein richtiges Happy End. Kurz zusammengefasst sähe demnach meine Roman-Welt im Jahre 3 n.C. (nach Corona, nicht nach Christus, denn es glaubt niemand mehr an einen Gott) so aus: Die Geimpften führen ein fast so freies Leben wie vor der Pandemie. Die UGs hingegen, wie man die Ungeimpften nennt, müssen in der Stadt St. Gallen wohnen, die zu einem hochgesicherten Ghetto umgebaut worden ist. Freilich gibt es immer wieder Ausbruchversuche. Die UGs graben ­kilometerlange Tunnel, um aus dem Ghetto zu entkommen, und fliehen sodann über die grünen Grenzen bis nach ­Griechenland, um dort die gefährliche Route über das ­Mittelmeer Richtung Afrika zu nehmen. Immer wieder ist von gesunkenen Flüchtlingsbooten zu lesen, von Dutzenden Ertrunkenen, aber die anfängliche Empörung über die unmenschlichen Zustände ist längst verklungen und von neuen Corona-Nachrichten verdrängt worden. Wer die Überfahrt überlebt, zählt trotzdem nicht zu den Glücklichen: Er wird umgehend von den afrikanischen Behörden zurück in die Schweiz ausgeschafft, wo er wieder ins ­Ghetto wandert. Da gibt es kein Pardon. So weit die Fantasie. Doch wie ich das schrieb, fiel mir ein, dass es diese Corona-Flüchtlinge tatsächlich bereits gibt. Und dass auch ich einer von ihnen bin. Ich weile nämlich gerade wie jeden Winter in meiner zweiten ­Heimat Sansibar. Seit ein paar Wochen beobachtete ich, dass zahlreiche digitale Nomaden aus der ganzen Welt anreisen. Sie kommen hierher, weil sie den Corona-Massnahmen entfliehen wollen und ihre Hotspots in Asien derzeit geschlossen sind. Die afrikanischen Staaten reagieren auf die Flüchtenden aus den Corona-Gebieten indes anders als die westliche Welt auf Flüchtende aus Krisengebieten: Empfangen werden sie mit offenen Armen. Gerade wurde auch mein Visum ohne viel Aufwand verlängert. Danke, Afrika.

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Werner Kieser, Unternehmer (1940-2021),
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