Christoph Blocher im Gespräch

Er streitet gerne. Und er ist ein streitbarer Politiker. Unbestritten sind jedoch seine Verdienste als Unternehmer. Menschenorientierte Führung nennt Christoph Blocher einen «Chabis» und den Menschen ein «himmeltrauriges Wesen», das auf Gottes Gnade angewiesen bleibt. René Scheu hat Christoph Blocher in Männedorf getroffen.

Herr Blocher, Unternehmer, Volkstribun, «grosser Übervater» (Roger Köppel) – Ihr Name wird stets mit einem dieser Attribute in Verbindung gebracht. In ihnen liegt auch die Kurzgeschichte Ihres Lebens: der Jurist wird zum Manager und dann zum Unternehmer, der zugleich eine Partei führt, später in die Landesregierung gewählt wird und zum meistzitierten Schweizer Politiker avanciert.

Sie haben den Anfang der Geschichte vergessen: ich habe einen Beruf erlernt, den Beruf des Bauers. Da ich keine Gelegenheit hatte, einen Bauernhof zu übernehmen, musste ich eben etwas anderes machen. Aber es ist auch so gegangen, und es kam nicht schlecht heraus. Leute, die viel unternehmen und viel erreicht haben, sind stets umstritten, das gehört dazu.

Mehr als die Freunde sind es die Feinde, die ständig auf Sie verweisen.

Es gibt zwei Sorten Leute: die einen sind begeistert, die anderen lehnen mich ab. Liebe und Hass – das lehren persönliche Beziehungen – sind nahe beieinander.

Es gibt Menschen, die sich einiges darauf einbilden, bekämpft zu werden.

Stimmt schon; es ist manchmal schwieriger, gut getadelt als billig gelobt zu werden. Aber ich habe den Tadel nie gesucht. Wenn Sie ein Ziel haben, eine Richtung einschlagen und alle Kräfte bündeln, dann ecken Sie an – nicht weil Sie wollen, sondern weil es unumgänglich ist. Denn es gibt Leute, die das gegenteilige Ziel verfolgen. Je wirkungsvoller Sie agieren, desto stärker ist die Ablehnung dieser Leute.

Sie schildern das fast schon wie ein physikalisches Gesetz – Aktion und Reaktion. Was ist mit dem Konsens?

Konsens setzt Aktionen und Reaktionen voraus. Konsens ist ein Ergebnis, nicht eine Position. Konsens ist oft – aber nicht immer – möglich. Ich gebe Ihnen ein Beispiel aus der Politik. Ich bin überzeugt, dass der Sozialismus kein politisches System ist, das die Länder und die Menschen weiterbringt. Es ist theoretisch und praktisch gescheitert. Aber ein Sozialist sieht die Sache genau umgekehrt. Er wird argumentieren, dass die Theorie bloss falsch angewendet wurde. Für einen Sozialisten ist jemand wie ich, der eine freiheitliche Ordnung vertritt, in der die Bürger im Mittelpunkt stehen, ein beliebtes Ablehnungs- bis Hassobjekt. Das kann sehr weit gehen, bis zur persönlichen Verunglimpfung.

Die Verunglimpfung politischer Gegner wird auch Ihnen zur Last gelegt.

Ich bemühe mich, alle Personen – ob Freund oder Feind – respektvoll zu behandeln. Aber ich trete voll für meine Überzeugungen ein. Das unterscheidet einen Unternehmer von einem Berufspolitiker, der schon früh eine politische Karriere anstrebt und es allen recht machen will. Er läuft Gefahr, dass er am Ende nichts macht – denn nur wer nichts macht, macht nichts Falsches. Ich will weder Anerkennung noch Beliebtheit. Ich will das Richtige für die Bürger und das Land tun.

Das wollen alle oder geben zumindest vor, es zu wollen. Das angebliche «Gemeinwohl» ist ein äusserst schwammiger Begriff, mit dem alles sich rechtfertigen lässt.

Ich habe nichts gegen harte Auseinandersetzungen in der Sache. Im Gegenteil. Ob etwas im «Gemeinwohl» liegt, darüber muss gestritten werden. Ich sage nur: ich will das durchbringen, von dem ich überzeugt bin, dass es gut ist für unser Land.

Als Sie Unternehmer waren, war das Leben unbeschwerter.

Wir hatten innerhalb des Betriebs der Ems-Chemie natürlich auch heftige Diskussionen. Dabei ging es aber stets um die Sache. Alle verfolgten dasselbe Ziel: den Erfolg des Unternehmens. Das ist in der Politik anders. Hier gehen die Ziele auseinander.

Dennoch eint alle Politiker ein übergeordnetes Ziel: an der Macht zu sein, zu legiferieren oder zu regieren.

Ja, leider ist dies weitgehend so. Es gibt in der Politik so etwas wie einen parteienübergreifenden Konsens. Wehe, man stellt ihn in Frage!

«Unternehmer» ist ein positiv besetzter, zugleich aber ebenfalls schwammiger Begriff. Was ist das genau,…

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