«Chancen für die Menschen»

Johann Gevers bringt ein mobiles und von Banken unabhängiges Bezahlsystem auf den Markt.

«Chancen für die Menschen»
Blick von der Rigi aus auf Zug, aka «Crypto Valley», photographiert von Reinald Kirchner / CC BY-SA 2.0.

Sein bekanntestes Projekt war nichts weniger als ein Start-up-Staat: das libertäre «Future Cities Development» auf dem Boden von Honduras. Jetzt bringt Johann Gevers eine Technologie für mobile Bezahlsysteme in sechzehn afrikanische Staaten – und will damit «die globale Finanzlandschaft revolutionieren». Ein Gespräch über seine Zuger Firma Monetas und einen Traum von Freiheit.

Johann Gevers, die Stadt Zug akzeptiert ab Juli Bitcoin für Gebührenzahlungen bis 200 Franken. Haben Sie damit etwas zu tun?

Nur indirekt, weil ich die Idee des «Crypto Valley» initiiert habe, mit der sich Zug international positioniert. Ich kam im Juli 2013 nach Zug, und wir hatten von Anfang an sehr gute Beziehungen mit den Behörden. Im Januar 2014 habe ich dann die Idee des «Crypto Valley» entwickelt und vorangetrieben. Seither haben wir etwa zwanzig innovative Unternehmen angezogen, wegen des Netzwerks, das wir hier aufbauen. Zug gibt übrigens keine individuellen Subventionen an Firmen, sondern die gleichen guten Rahmenbedingungen für alle, was ich sehr richtig finde.

Sie glauben an die Macht von Technologie.

Ja. Technologie kann extrem mächtig sein. Sie kann die Welt verändern. Das zeigt uns die Geschichte immer wieder, von der Erfindung des Feuers über das Schiesspulver bis zur Druckerpresse. Die Erfindung der Druckerpresse hat die katholische Kirche entmachtet und die Demokratisierung eingeleitet. Mobiltelefone und Social Media haben den sogenannten «arabischen Frühling» ermöglicht. Technologie ist mächtiger als Politik.

Lassen Sie uns erst über Ihr Start-up, dann über Politik reden. Sie haben eine Software entwickelt, mit der Sie «die globale Finanzlandschaft revolutionieren» wollen. Was ist «Monetas»?

Dazu muss ich beim heutigen Finanzsystem beginnen. Es ist extrem zentralisiert. Wir dachten, wir seien die Monarchien losgeworden, aber das stimmt nicht. Heute können ein paar wenige Leute, etwa beim amerikanischen Fed, bei der EZB und bei einigen Banken, mit ihren Entscheidungen ganze Finanzkrisen auslösen. Gleichzeitig haben Millionen Menschen keinen Zugang zur internationalen Wirtschaft, weil sie keine Bankkonten haben. Hier setzt «Monetas» an.

Wie funktioniert es?

Jeder, der ein Smartphone hat, kann damit Geld an andere Bürger überweisen. Überall auf der Welt. Die meisten Menschen haben inzwischen ein Smartphone, selbst in den weltweit ärmsten Regionen steigt die Abdeckung bald auf über 50 Prozent.

Ihre Kunden sind direkt die Bürger?

Wir glauben an Dezentralisierung, und so arbeiten wir auch als Unternehmen. «Monetas» selber bietet nur die Software an, das Programm. Das vergeben wir in Lizenz an lokale Partner in den jeweiligen Staaten, die vor Ort die Situation kennen und gute Beziehungen haben. Das ist essenziell. Zwei Drittel des Ertrags geht übrigens an unsere Partner. Das ist wichtig; sonst funktioniert es nicht.

Die Kunden können «Monetas» als App herunterladen?

Genau.

Und wo lagert ihr Guthaben?

Direkt in ihrem Telefon und als Backup in der Cloud. Die jeweiligen Nationalbanken lassen ihre Währungen auch über «Monetas» laufen. Was wir schaffen, ist also tatsächlich ein elektronisches Portemonnaie. Der Begriff wird sehr oft falsch verwendet: für Apps, die dann doch wieder im Hintergrund mit einem Bankkonto verknüpft sind. Das ist nur eine Art Fenster, durch das man auf eine Bankbeziehung der üblichen traditionellen Art blickt. Wenn Banken Geld einfrieren oder einziehen, wie etwa in Zypern vor einigen Jahren, ist es weg. «Monetas» ist wirklich ein Portemonnaie, nicht der Verweis auf eines.

Mobile Zahlsysteme gibt es schon.

Es gibt sogar hunderte, und fast alle sind gescheitert. Das wissen auch alle, trotz Werbung und schöner Worte. Das erfolgreichste ist M-Pesa aus Kenia. Die sind für 50 Prozent aller Zahlungen weltweit verantwortlich. Aber sogar M-Pesa deckt nur 2 Prozent der Transaktionen im Land ab, 98 Prozent passieren in Bargeld. Der Grund ist sehr simpel: Es ist viel zu teuer.

Wie teuer?

Die Mindestgebühr für Transaktionen liegt üblicherweise bei etwa 30 Cent oder noch mehr. Dazu kommen prozentuale Gebühren. Die betragen bei den meisten Systemen, wie etwa Kreditkarten oder Paypal, rund 3 Prozent. Nun beziffern sich aber in armen Ländern 80 Prozent der Transaktionen auf weniger als 5 Dollar, 50 Prozent der Transaktionen sogar auf weniger als 1 Dollar. Man hat also für eine Überweisung von 1 Dollar Kosten von 30 Cent oder noch mehr. Das tut einfach keiner. Also nutzen die Leute M-Pesa ein- oder zweimal im Monat, um ihren Telefonkredit aufzustocken oder eine grössere Zahlung an ihre Familie zu überweisen. Für alles andere nutzen sie Bargeld.

Wie viel kostet es bei Ihnen?

Ich komme gleich dazu. Nur noch dies: Kennen Sie Western Union? Wenn Sie einem Verwandten in irgendeinem afrikanischen Land 100 Dollar überweisen, hat er am Schluss ungefähr 85 Franken wirklich in der Tasche, denn die Gebühren für internationale Überweisungen sind in Afrika rund 15 Prozent. Das nimmt den Leuten, die es wirklich brauchen, kostbares Geld.

Wie viel nehmen Sie?

Erstens haben wir keine Mindestgebühr. Null. Und die prozentuale Transaktionsgebühr ist nur 0,9 Prozent. Wenn Sie also mit «Monetas» 1 Dollar überweisen, kostet Sie das weniger als 1 Cent. Ausserdem haben wir eine Maximalgebühr von 30 Cent. Wenn Sie also 1 Milliarde überweisen, kostet das 30 Cent. Das sind vollkommen neue Dimensionen. Es schafft ganz neue Möglichkeiten für die Menschen.

Zum Beispiel?

Es gibt fast unbeschränkt viele Einsatzmöglichkeiten. Auch im Nonprofitbereich. Nehmen wir an, Facebook integriert unser System, was technisch möglich wäre. Wenn dort jemand einen Spendenaufruf publiziert, können Menschen mit einem Klick und praktisch gratis jeder einen einzigen Dollar senden, und es lohnt sich. Sie können sogar nur 1 Cent schicken. Wenn das ganz viele tun, kommt plötzlich viel Geld zusammen.

Eine einfache Idee. Haben Sie keine Konkurrenten?

Im Moment haben wir einen leichten Zeitvorsprung. Die meisten Leute mit ähnlichen Ideen haben in den letzten Jahren auf die Technologie der Blockchain gesetzt. Die ist grossartig, aber eben nicht für alles geeignet. Sie basiert darauf, dass jede neue Transaktion erst von einem riesigen globalen Rechner-Netzwerk geprüft wird, bevor sie registriert wird. Das ist perfekt für Konsensprozesse, wenn es also beispielsweise darum geht, gemeinsam Regeln zu finden, ein Grundbuch zu führen oder Wahlen abzuhalten. Aber die Blockchain ist viel zu teuer und langsam für einfache Konsumtransaktionen. Wenn ich jemandem zu zwischen uns festgelegten Bedingungen einen Apfel abkaufen will, sollte es dafür keine weltweite Abstimmung von Millionen von Computern brauchen. Das macht die Sache technisch langwierig und somit ineffizient und teuer.

Sie arbeiten nicht mit der Blockchain?

Nein, und darum sind Transaktionen bei «Monetas» schneller und günstiger. Inzwischen haben auch andere begonnen, an Alternativen zu Blockchain zu arbeiten. Wir haben einen Startvorteil. Den müssen wir jetzt so geschickt nutzen und die Leute so schnell überzeugen, dass ihn nicht verlieren.

Sind Sie schon im Markt?

Wir haben Vereinbarungen in 16 afrikanischen Staaten abgeschlossen. Dort sind wir jetzt dabei, «Monetas» im Alltag zu testen und weiter zu verbessern. Ab nächstem Frühjahr wollen wir es in diesen Staaten auf den Markt bringen. Das sind 393 Millionen Einwohner, 30 Prozent des Kontinents.

Kommen wir nun zur Politik. Wenn man Ihre Texte liest, merkt man schnell: wie vielen Tech-Unternehmern geht es Ihnen um mehr als um neue Werkzeuge. Sie wollten mit «Monetas» zu einer «freieren und wohlhabenderen Welt» beitragen, schreiben Sie auf Ihrer Seite. Was meinen Sie damit?

Wenn man sich die Ökonomie anschaut, gibt es zwei wichtige Kosten: Produktionskosten und Transaktionskosten. In der Vergangenheit lag der Fokus auf den Produktionskosten. Für die Fortentwicklung einer Ökonomie sind die Transaktionskosten aber eigentlich essenzieller.

Natürlich. Insbesondere, wenn Produktion immer effizienter wird.

Genau. Und die Transaktionskosten im Finanzsystem sind heute enorm hoch. Man operiert mit verschiedenen Banken, unterschiedlichen Währungen, mit verschiedenen Technologien. Jedes Mal, wenn man von einem System ins andere wechselt, kostet das Zeit und Geld. Zusätzlich kommen noch riesige Kosten für die Compliance hinzu, weil eben solche abgeschotteten Systeme immer die Gefahr von Machtmissbrauch bergen. Wenn nun wir und andere Plattformen schaffen, die Finanztransaktionen verbilligen und vereinfachen, bedeutet das Riesensprünge für die Wirtschaft. Es bedeutet auch Riesenchancen für jeden einzelnen.

Inwiefern?

Für den individuellen Erfolg jedes einzelnen ist nicht nur sein persönliches Können, sondern die Grösse seines ganzen ökonomischen Netzwerks entscheidend. Wenn Sie eine Volkswirtschaft von 30, 40 Leuten haben, werden Sie als einzelner und als Gesellschaft arm bleiben, völlig egal, wie genial Sie sind. Es gibt einfach zu wenig Spezialisierung, zu wenige Möglichkeiten. Wenn man einen armen, ungebildeten Menschen aus Mexiko in die Mitte der USA versetzt, verdient er plötzlich zehnmal so viel Geld wie zuvor. Einfach, weil er jetzt Teil dieses grossen ökonomischen Netzwerks ist. Umgekehrt könnte man einen hochgebildeten New Yorker nach Uganda bringen, und er wäre arm. Netzwerke sind extrem wichtig. Mit Bargeld bleibt man mit seinen Dienstleistungen und seinem Können in einem sehr beschränkten Netzwerk gefangen, weil man nur mit den Leuten im unmittelbaren Umfeld handeln kann. Systeme wie «Monetas» schaffen den Anschluss an die globale Weltwirtschaft. Damit kann man armen Leuten wirklich sehr helfen.

Das ist ein Anspruch, den Technologen oft haben. Nur zeigt die Geschichte, dass Technologie alleine nicht reicht: Sie brauchen Eigentumsschutz, rechtliche und politische Stabilität. Sie brauchen ein funktionierendes Netz für Energie und Daten. Sie brauchen Strassen, um Ihre Güter überhaupt zu transportieren. Mit anderen Worten: Sie brauchen Infrastruktur.

Die Basis jeder Wirtschaft sind erst einmal sichere, zuverlässige Transaktionen. Das ermächtigt die Menschen, und es erlaubt ihnen, Infrastruktur aufzubauen. Vertrauen ist das Fundament. Genau das schafft diese Technologie.

Absolut. Es ist das Fundament. Wenn man allerdings darauf keine sinnvollen Strukturen baut, wird sich eine Ökonomie nicht entwickeln.

Das stimmt. Gute Governance ist zweifelsohne wichtig. Wenn aber eine Technologie wie unsere sichere Transaktionen ermöglicht, die nicht manipuliert oder geknackt werden können, dann schafft sie Unabhängigkeit von äusseren Umständen. Sie schafft eine Art parallele Ökonomie, in der die gegebene – eben oft ungenügende – Governance zunehmend an Bedeutung verliert.

Wie lösen Sie juristische Konflikte?

Wir arbeiten unabhängig von einer bestimmten Rechtsordnung. Stattdessen nutzen wir Schiedsgerichtsbarkeit: die beiden Vertragsparteien einigen sich, welchen Regeln sie sich unterstellen wollen. Das ist ja eigentlich nichts Neues; multinationale Unternehmen arbeiten oft so.

Sie bieten mit «Monetas» Schiedsgerichte an?

Das tun wir nicht selber, nein. Wir bieten einen Standardvertrag an, den die Parteien nutzen können. Dieser Standardvertrag setzt beispielsweise die «UNIDROIT Principles» ein – harmonisierte, transnationale Rechtsprinzipien, die seit 1926 von einer internationalen Gruppe von Rechtsexperten aus allen Nationen weiterentwickelt werden. Diesen Standardvertrag können Kunden mit einem Klick wählen. Sie sind aber völlig frei, sich gemeinsam auf andere Regeln und auf einen bestimmten Schiedsrichter zu einigen. Das hat eine jahrhundertealte Tradition, auch wenn wir das in den heutigen zentralisierten Staaten vergessen haben. Zwei Vertragspartner können sich gemeinsam auf Regeln und einen Rechtsweg einigen, wie auch immer sie das wünschen.

Regierungen könnten Ihr Experiment stoppen, wenn die Leute zu mächtig werden.

Wir haben sehr lange darüber nachgedacht, wie wir so arbeiten, dass alle Betroffenen profitieren. Darum gehen zwei Drittel der Erträge an unsere lokalen Partner, bleiben also im Land. Ich kenne keine Regierung, die Macht über Geld stellt.

Wir werden sehen. Wann geht es los? Damit ich Sie wieder besuchen und unseren Lesern mitteilen kann, wie es läuft.

Sie können uns ab Mitte nächsten Jahres jederzeit besuchen. Wir haben auch Ökonomen dabei, die sich ansehen wollen, wie sich das gesamtwirtschaftlich auswirkt. Kommen Sie vorbei!

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»