CD im Tümpel, Finger weg

Die Kinder, wer kümmert sich um die Kinder… ja, es ist schon bewegend, was Michael Theurillat in seinem dritten Eschenbach-Krimi aufgreift, aber er verhebt sich gleich doppelt daran. Der Zürcher Kommissar ist auf der Fährte einer grossen Verschwörung rund um das Schicksal jenischer Kinder, die ihren Zigeunerfamilien bis in die frühen siebziger Jahre weggenommen wurden. Eschenbach stöbert diesen Kindern, heute längst erwachsen, bis zum Hauptquartier der FIFA und in die Londoner Finanzwelt nach – was Theurillat völlig überfordert. Die Dialoge in diesen Zentren der Macht sind hölzern, die Situationen ungelenk konstruiert, und das Schicksal der Jenischen wird auf Wikipedia-Niveau behandelt, so dass der Roman nur haarscharf an Betroffenheitsprosa vorbeischrammt. Der Versuch einer ernsten Sensibilisierung für die nicht aufgearbeitete Schuld der Schweizer Behörden misslingt.

Dabei bimmelte es zu Anfang voller Lokalkolorit auf der Sechseläutenwiese, «ein halber Mond stand schweigend über dem Üetliberg» und alles wirkte wie gemalt für ein weiteres Zürcher Abenteuer des umtriebigen Kommissars. Doch schon bald beginnt die wilde Reise, mal hierhin, mal dorthin, mal mit Krawumm, mal mit Zigeunervoodoo auf der Jagd nach einer geheimnisumwitterten CD, die gralsgleich gesucht wird und auf dem Grund eines Sees – na ja, hier eines Gartenteichs – ruht, was jeder Leser sofort weiss, wenn Eschenbach erstmalig an jenem Tümpel vorbeigeht. Insgesamt zuviel Dan Brown ohne dessen Gespür für Spannung, und für Leser, die auf einen Theurillat aus waren, zuwenig Zürich. Dieser Versuch der Globalisierung ist kein Erfolg.

vorgestellt von Michael Harde, Schalkenbach

Michael Theurillat: «Sechseläuten». Berlin: Ullstein, 2009

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»