Calvin und die Freiheit

Über den Genfer Reformator Johannes Calvin kursieren 500 Jahre nach dessen Geburt viele Gerüchte. Zwei von ihnen werden hier mit Originalzitaten ad absurdum geführt. Definitiv. Hoffentlich.

Calvin ist das Objekt verschiedener Gerüchte. Zum Beispiel habe er in Genf von der Kanzel herab einen totalen Überwachungsstaat implementiert. Und auch – les extrêmes se
touchent
– die Exzesse an der Wallstreet seien direktes Resultat seiner Predigten zu St. Pierre. Calvin als Tugendtyrann (1) und Vater der Kapitalalchimisten (2)? Zweifel sind angebracht.

(1) Die Reformation ist als Befreiungsbewegung aus einem Zeitalter der Angst zu verstehen. Die Menschen des Mittel-
alters fürchten sich vor Fegefeuer und ewiger Hölle. Die Macht der Kirche ist unbegrenzt. Die Kirche ist es, die Erlösung verwaltet und vermittelt. Nach ihrem Ermessen werden Sünden und gute Werke gegeneinander abgewogen. Der Verkauf von Ablassbriefen ist ihr lukratives Geschäft. Gnade gibt es nicht gratis. Und ausserhalb der Kirche kein Heil.

Mitten in diesem System kirchlicher Kontrolle, in der Klausur, macht der Augustinermönch Martin Luther die befreiende Erfahrung, dass Gottes Gnade bedingungslos, gratis, geschenkt sei. Eine Generation später tritt Calvin auf den Plan. Es ist derselbe emanzipatorische Geist, der ihn treibt. Mit spitzer Feder ruft der gebürtige Franzose auf zum Abwurf von frommen Skrupeln: «Ganz gewiss sind doch Elfenbein, Gold und Reichtümer gute Geschöpfe Gottes, die dem Gebrauch der Menschen überlassen, ja, von Gottes Vorsehung dazu bestimmt sind. Auch ist es doch nirgendwo untersagt, zu lachen oder sich zu sättigen oder neue Besitztümer mit den alten, ererbten zu verbinden oder sich am Klang der Musik zu erfreuen oder Wein zu trinken!»

Wer sich Calvin gemäss Cliché als dürren Asketen vorstellt, staunt ob solchen Zeilen. Hier schreibt ein rhetorisch gewandter, weltzugewandter und überdies humorvoller Mensch. Psychologisch geschickt treibt er fromme Verzichtserklärungen ad absurdum: «Wenn einer bei einigermassen wohlschmeckendem Wein bereits Bedenken hat, so wird er bald nicht einmal gemeinen Krätzer mit gutem Frieden seines Gewissens trinken können, und am Ende wird er nicht einmal mehr wagen, Wasser anzurühren.»

Am Ende, befürchtet der Reformator nicht ohne Ironie, komme es soweit, dass man «es für Sünde hält, über einen quer im Wege liegenden Grashalm zu gehen». Welch träfe Parodie einer religiösen Neurose! Doch was leicht wie ein Grashalm daherkommt, hat existentielles Gewicht. Calvin weiss um die allgegenwärtige Gefahr, in Zwänge zu verfallen: «Sobald sich unser Gewissen einmal in diese Fesseln verstrickt hat, kommt es in ein langes und auswegloses Labyrinth hinein, aus dem sich nachher so leicht kein Ausgang mehr finden lässt.»

(2) Als Reformator der zweiten Generation sieht Calvin noch eine zweite, eine neue Gefahr: den libertinistischen Missbrauch der Freiheit. Ihn hatte Luther noch nicht im Blick. Calvin fokussiert ihn präzis: «Es ist da fast keiner unter denen, denen ihr Vermögen grössere Ausgaben gestattet, der nicht an üppigem Glanz sein Vergnügen hätte, wie er sich im Aufwand an Speisen oder im Schmuck des Leibes oder beim Bau von Häusern zeigt, der nicht durch allerlei Prunk unter den anderen Menschen hervorragen wollte und der sich nicht selber gewaltig in seinem Glanze gefiele! Und das alles verteidigt man unter dem Vorwand der christlichen Freiheit!»

Die von Calvin proklamierte Freiheit bedeutet also nicht nur Befreiung von überkommenen Gesetzen, Regeln und Normen. Sie ist auch eine Freiheit zum Verzicht: «Man sollte doch bedenken, dass unsere Freiheit ihr Wesen nicht bloss im Geniessen, sondern auch im Entbehren hat! Wenn man weiss, dass vor Gott nichts daran liegt, ob wir Fleisch oder Eier essen, ob wir einen roten oder einen schwarzen Rock tragen, dann ist das mehr als genug! Selbst wenn man sich also hernach das ganze Leben lang des Fleischgenusses enthält, selbst wenn man immerfort nur eine einzige Farbe an seinem Rock trägt – so ist man deshalb nicht weniger frei! Ja gerade weil man frei ist, so übt man auch mit freiem…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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