C.G. Jung und die Archetypen

Am Anfang von C. G. Jungs Psychologie standen die in Zürich durchgeführten Assoziationsstudien. In ihnen fand Jung die Idee der Verdrängung von Sigmund Freud voll und ganz bestätigt. Bald begann sich sein Denken jedoch vom individualgeschichtlichen Kontext zu lösen. Jung entwickelte das Konzept der Archetypen, die er als Strukturelemente menschlicher Phantasietätigkeit verstand.

C.G. Jung und die Archetypen

Am 10. Dezember 1900 trat C.G. Jung seine Assistentenstelle an der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli in Zürich an. Er war gerade 25 Jahre alt und hatte zehn Tage zuvor sein Staatsexamen in Basel abgelegt. Jung ging gern nach Zürich. In Basel bot sich ihm, wie er später betonte, zu jenem Zeitpunkt keine berufliche Perspektive. Er wusste bei seiner Bewerbung wohl kaum, was ihn am Burghölzli erwartete. Der damalige Direktor, Eugen Bleuler, war hochangesehen, das Burghölzli selbst bereits durch dessen Vorgänger, August Forel, weltweit berühmt. Forel hatte sich durch seine erfolgreichen Behandlungen von Alkoholkranken einen Namen gemacht, Bleuler durch seine äusserst intensive, psychoanalytische Betreuung der Patienten.

Jung fiel es anfänglich nicht leicht, sich dem strengen Regime Bleulers unterzuordnen und die immense Arbeitsbelastung auf sich zu nehmen. Auch war er bei seinen Kollegen in der Klinik alles andere als beliebt. Noch in hohem Alter erwähnte er, dass er in diesem «Weltkloster» seine «gesamte Jugend» verloren habe. Da ihm Bleuler aber erlaubte, seinen geliebten Studien okkulter Phänomene auch am Burghölzli nachzugehen, besserte sich sein Befinden nach einiger Zeit. Er wurde selbstbewusst, wirkte aber nachgerade nicht selten arrogant. Kurz nach Abschluss seiner Dissertation lernte er Franz Ricklin sen. kennen, der damals aus Deutschland ebenfalls ans Burghölzli gekommen war. Es begann eine enge Zusammenarbeit mit Ricklin und Bleuler. Die drei wandten sich für einige Jahre mit grossem Einsatz den «Diagnostischen Assoziationsstudien» zu. Dabei beschäftigte Jung, so in seiner Autobiographie «Erinnerungen, Träume, Gedanken» (Walter, 2005), die eine brennende Frage: «Was geht in den Geisteskranken vor?»

Die Methode der Assoziationsstudien zum Zweck der Diagnosestellung hatte bereits eine längere Tradition. Jung selbst bezieht sich in seiner 1905 publizierten Habilitationsschrift («Gesammelte Werke» Bd. 2, §§ 560-638, Walter 1979) unter anderen auf Aschaffenburg, Galton, Trautscholdt, Kraepelin, Féré, Balint, Ziehen, Mayer und Orth. Im Unterschied zu den Genannten, war für ihn das diagnostische Moment sekundär. Die Ergebnisse des Experiments dienten ihm vielmehr als Leitlinien für die Therapie. Im Wesentlichen ging es Jung von Anfang an darum, mit Hilfe des Assoziationsexperiments Sinnzusammenhänge aufzudecken, die seines Erachtens auch in den absurdesten Vorstellungen von Geisteskranken ihre Wirkung zeigten.

Zusammen mit Bleuler und Ricklin arbeitete Jung einen Wortkatalog von rund 100 Wörtern aus, die dem Probanden nacheinander zugerufen wurden. Der Proband hatte die Aufgabe, so schnell wie möglich ein eigenes Wort zu assoziieren, beispielsweise «Haus» – «Dach», «Liebe» – «schön», «schwimmen» – «Meer». Dabei ging es Jung neben der Beziehung zwischen Reizwort und Assoziation vor allem auch um die Reaktionszeit, das Zeitintervall zwischen dem Zurufen des Reizwortes und dem Aussprechen des Reaktionswortes. Aus der Länge der Reaktionszeit schloss Jung auf das Vorhandensein eines seelischen Ungleichgewichts, sogenannter gefühlsbetonter Komplexe, nicht zuletzt auch deswegen, weil nach einer langen Reaktionszeit auffallend oft ein, im Kontext der übrigen Assoziationen völlig unerwartetes, Wort folgte (etwa «Salz » – «eklig», «Frosch» – «leise»).

Was geht in den Geisteskranken vor? Dieser Grundfrage war letztlich alles untergeordnet, was Jung dem Assoziationsexperiment entlocken wollte. Zwei miteinander verknüpfte Probleme schienen ihm dabei besonders wichtig. Im Dienste einer möglichen Systematisierung der Assoziationen stellte er zum einen die Frage, wie sich die Assoziationen Kranker von denen Gesunder unterscheiden. Zum anderen versuchte er aus der Fülle der möglichen Einflüsse, die auf die Assoziationen wirken, einen Haupteinfluss auszumachen.

Der Begriff «gesund» war weit gefasst und wurde nicht weiter problematisiert; er bezog sich auf all jene Probanden, die psychisch nicht weiter auffällig waren. Auch der Haupteinfluss, den Jung bestimmte, war nur vage formuliert. Jung griff das heraus, was er «Aufmerksamkeit» nannte: «…jenen unendlich komplizierten Mechanismus, der mit zahllosen Fäden den assoziativen Prozess an alle übrigen im Bewusstsein repräsentierten Phänomene psychischer und körperlicher Provenienz knüpft» (GW,…