Bye-bye Bourgeois

Der Bourgeois trägt heute zerrissene Jeans und kauft bei Aldi ein. Jene, die ihn einst als Klassenfeind bekämpften, legen Wert auf Anzug und Krawatte. Die verkehrte Welt ist erklärbar. Und folgenschwer.

Wer und was ist «bürgerlich» in Mitteleuropa? Beginnen wir bescheiden. «Bürgerlich» ist zunächst schlicht konzeptuelle Nothilfe. Seit das brave «rechts» vor ein paar Jahren im allgemeinen Sprachgebrauch zu «rechtsextrem» mutiert ist, kommt der politische Diskurs ohne den Begriff «bürgerlich» ganz einfach nicht mehr aus. Verfassungstreue Demokraten können und wollen keine «Rechten» mehr sein, auch wenn sie sich vor ein paar Dezennien noch bedenkenlos als solche bezeichnet hätten. In einem Land wie Deutschland, in dem Rockmusiker, Stadtverwalter, Modemacher und Sportler Tag für Tag «gegen rechts» rocken, verwalten, Mode machen und Sport treiben, ist alles, was nicht links ist, bürgerlich.

Erklärt ist damit die erstaunliche Renaissance der Bürgerlichkeit allerdings noch nicht – und auch nicht, was unter der neuen Bürgerlichkeit zu verstehen ist. Hier wären wir beim Thema meiner kleinen ­Reflexion angelangt.

Die neuen Wutbürger

«Ich fordere meine Rechte als Bürger ein!», schrie im letzten Frühherbst vor dem Bahnhof Stuttgart ein junger Mann neben mir. Kurze Hosen, lila Hemd, schwere Schuhe und einige ledrige und metallene Accessoires outeten ihn als Linksautonomen; er selber nannte sich ohne jeden Anflug von Selbstironie «Streetfighter». Was mich verwunderte: So saumässig böse und verschwitzt, wie er war, presste er sich doch diesen ausgesprochen steifen, braven, etwas deklamatorischen Satz ab. Die Form passte nicht zum Inhalt, und der Inhalt überraschte.

Ein Bürger wollte er also sein, einer von denen, die seine Eltern noch so leidenschaftlich bekämpft hatten? Eine Dame aus dem Nobelviertel Killesberg schaute den kurzbehosten jungen Mann neben ihr halb erschrocken, halb belustigt an; ihr gekräuseltes Näschen bewies, dass sie schnupperte. Doch sie fand weder an ihm noch an seiner Parole etwas auszusetzen, und nach einer Weile steckten die beiden Gegner des Bahnhofumbaus die Köpfe zusammen wie alte Freunde.

Bürger, das Beispiel zeigt es, sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Stuttgart hat es nur am deutlichsten zutage gefördert: Grenzen zerfliessen, Definitionen zerfasern. Wo ein Streetfighter und eine Dame der Gesellschaft Seite an Seite als Wutbürger demonstrieren, muss sich Grundlegendes geändert haben.

Das Wichtigste: Bürger wollen heute fast all jene sein, die Politik machen. Sigmar Gabriel, der Chef der Sozialdemo­kraten, ärgert sich darüber, dass Christlichdemokraten und Liberale den Begriff «bürgerliche Parteien» für sich monopolisieren. Jürgen Trittin, der Fraktionschef der Grünen, stellt fest, es gebe heute nur noch bürgerliche Politik. Ralf Dahrendorf besang kurz vor seinem Tod die traditionelle Bürgerlichkeit Baden-Württembergs und Hamburgs, betonte aber ebenfalls, das Bürgerliche sei «im Ganzen üblicher» ­geworden. Und hier passt auch die Form zum Inhalt. Seit Jahrzehnten treten Sozialdemokraten und Linke in bürgerlichem ­Habitus auf, in Anzug und Schlips, genauso wie die real existierenden Sozialisten in der DDR oder Chinas Kommunisten. Nicht in die Arbeiterkluft stürzt sich der Gesellschaftsveränderer, sondern in den klassischen Anzug des Kapitalisten, des Klassenfeinds.

Das ist schon bemerkenswert, wenn man bedenkt, wie schlecht beleumundet im Nachkriegsdeutschland der Bürger war. Für die Linke war er primär der stumpfe Kapitalist, der politisch allenfalls dann ­aktiv wurde, wenn er seinen Besitzstand in Gefahr wähnte. Natürlich gab es daneben auch den Citoyen, den unruhigen, intellektuellen, nicht notgedrungen wohlhabenden Bürger, der sich – als sozialdemokratischer Lehrer, als linksliberaler Geisteswissenschafter, als «fortschrittlicher» Künstler – für ein transparentes Gemeinwesen engagierte. Bürgerlich nannte er sich nie, und statt von der Bürgergesellschaft sprach er von der Zivilgesellschaft, weil ihn dies der Aura des fetten, verachteten Wohlstandsbürgers entrückte. Er schätzte den Verfassungspatriotismus, während ihm Vaterlandsliebe unmöglich war, und niemanden verachtete er mehr als den Kleinbürger.

Im Habitus war der Citoyen bereits in den 1950er Jahren durchaus unbürgerlich, mit Beginn der 1960er Jahre wurde er dezidiert antibürgerlich. Links sein hiess Bürgerschreck sein. Bügelfalte und Krawatte überliess man den Reaktionären; wenn Frauen in der Öffentlichkeit die…

Der Bürger – ein Ideal von gestern für die Gesellschaft von morgen

Gibt es ihn noch, den Bürger? Dass es ihn in grosser Zahl gegeben hat, davon erzählen ältere Gebäude in jeder Schweizer Stadt. Über einen Bürgersteig ist jeder von uns schon einmal gelaufen, die Bürgerwehr kennen wir aus amerikanischen Filmen, und seine Bürgerrechte will auch niemand missen. Aber denken wir den «Bürger» dabei auch tatsächlich mit? […]

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»