Business ist der neue Lebensstil

Alles fliesst und ist doch stabil. Es gibt Kohärenz im Wandel, und zwar ohne zentrale Lenkung. Der spanische Soziologe Manuel Castells hat diesen Raum der flows in seinem Hauptwerk «Das Informationszeitalter» ausführlich beschrieben. Der Raum wird von den internationalen Geld- und Informationsströmen mit ihren Verkehrsknoten und Grossflughäfen gebildet. Hier leben die Erfolgreichen, die kosmopolitischen Netzwerker. […]

Alles fliesst und ist doch stabil. Es gibt Kohärenz im Wandel, und zwar ohne zentrale Lenkung. Der spanische Soziologe Manuel Castells hat diesen Raum der flows in seinem Hauptwerk «Das Informationszeitalter» ausführlich beschrieben. Der Raum wird von den internationalen Geld- und Informationsströmen mit ihren Verkehrsknoten und Grossflughäfen gebildet. Hier leben die Erfolgreichen, die kosmopolitischen Netzwerker. Jeder kennt die charakteristische Architektur: Flughafen, Bahnhöfe, Transit-zonen, Hafen, Servicecenter, Börsen, Hotelketten. Hier wird am Netzwerk des geschäftlichen Erfolgs gearbeitet, ohne Sinn für den konkreten Ort. Im 21. Jahrhundert wird deshalb die Soziallust der mobilen Kommunikation der wichtigste Produktivitätsfaktor sein. Globalisierung heisst: unbegrenzter Güter-, Kapital- und Informationsfluss.

In dieser Welt hat die Effizienz Vorrang vor der Vertiefung. Geschwindigkeit ist wichtiger als Genauigkeit. Was gilt, gilt nur bis auf weiteres; was gut gemacht ist, ist immer nur gut genug. Sich durchwursteln und mit dem Strom schwimmen – das sind Formen der sekundären Kontrolle durch Anpassung. Flow control heisst: kontrollieren, was man nicht versteht. Wir haben es im Raum der flows zunehmend mit Problemen zu tun, die weniger Lernbereitschaft als vielmehr die Freude am Spielen erfordern. Im Internet gibt es keinen Unterschied zwischen Werkzeug und Spielzeug.

Spielen statt lernen – das klingt für denkfaule Menschen natürlich verlockend, doch dahinter steht eine neue Form von Rationalität. Erfolgreiche Menschen arbeiten nach dem Prinzip der minimalen Information, das heisst sie sind immer nur dann bereit zu lernen, wenn es nicht mehr weitergeht. Statt nach der Wahrheit zu suchen, vertrauen sie dem Wettbewerb der Informationsquellen. Simple Heuristiken, Stopp- und Faustregeln machen deutlich, dass wir es «so genau» gar nicht wissen wollen dürfen. Und genau das macht Entscheidungen zu Entscheidungen: das Risiko der nicht ausreichenden, sondern minimalen Information.

Flow control ist die Ökonomie des Lebens. Man macht es nicht mehr perfekt, sondern gut genug. Die Lösung ist nicht optimal, sondern befriedigend. Denn nur so kann man rechtzeitig sein. Alles Wesentliche gilt heute nur noch zeitlich begrenzt. Mit anderen Worten: alles ist «vorläufig definitiv» (Robert Musil). Und das setzt eine Kultur der Fehlerfreundlichkeit und Risikobereitschaft voraus. Wenn wir von Risiko sprechen, betrachten wir eine gefährliche Situation als kontrollierbar. Und das Gefühl, eine gefährliche Situation in der Hand zu haben, ist gewiss eine der höchsten Formen von Lebensfreude. Man erfreut sich wohlgemerkt nicht der Gefahr, sondern der eigenen Fähigkeit, damit umzugehen.

Die höchste Konzentration der Aufmerksamkeit, in der ich mich selbst transzendiere, gestaltet das Leben. Das funktionierte immer schon bei genialen Künstlern und grossen Wissenschaftern, heute erleben das vor allen Dingen aber erfolgreiche Geschäftsleute. Sie haben das Business als Lebensstil ausgeprägt. Für erfolgreiche Leute gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Arbeitszeit und Freizeit. In der Arbeit geht es nicht um Bedürfnisse, sondern primär um Freude. Wer Business als Lebensstil praktiziert, kann mit «Freizeit» genauso wenig anfangen wie der echte Künstler, der wahre Wissenschafter oder der Vollblutpolitiker. Man muss sich den Work-aholic als glücklichen Menschen vorstellen.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»