Burning Man

Reise ins Kurzzeitparadies in der Wüste Nevadas

Burning Man
Thomas Meyer, zvg.

Es ist nicht ganz einfach zu beschreiben, was Burning Man ist. Das Festival wird jeden Spätsommer von 70 000 Teilnehmern ausgerichtet – eine wohl wunderlich anmutende, aber dennoch korrekte Formulierung, denn Burning Man ist kein Fest, das Veranstalter für Besucher organisieren, sondern eine Zusammenkunft von Menschen, die einander mit Musik, Kunst, Darbietungen, Teezeremonien, Waffeln, Mitgefühl und Freude beschenken.

Burning Man nahm seinen Anfang im Jahr 1986, als zwanzig junge Leute am Baker Beach in San Francisco eine ausgelassene Party feierten, in deren Verlauf eine zweieinhalb Meter grosse Holzfigur in Brand setzten und dem Anlass damit den klingenden Namen verliehen, den er noch heute trägt. Die Stimmung muss sehr speziell gewesen sein, denn man beschloss, sich ein Jahr später am selben Ort wieder zu treffen. Diesmal kamen achtzig Gäste, und «the man» war schon sechs Meter gross. So ging es weiter, und 1990 mussten die ungefähr 800 Burner, wie sie sich nennen, in eine Salztonwüste namens Black Rock Desert in Nevada pilgern, um ihre dannzumal zwölf Meter hohe Holzfigur zu verbrennen, da die Behörden von San Francisco solcherlei mittlerweile untersagt hatten.

Black Rock Desert ist ein meilenweit topfebener, superstaubiger, ausgesprochen lebensfeindlicher, damit aber umso liberalerer Ort. Bis sich hier jemand an lauter Musik, Nacktheit, Substanzenmissbrauch und lockerer Moral stört, muss er für seine Empörung schon extra anreisen. Auf diese wenigen plakativen Elemente wird Burning Man heute zwar gern reduziert und deshalb auch oft mit der Schweizer Street Parade verglichen – allerdings nur von jenen, die noch nie am Burning Man gewesen sind und es auch nicht für nötig befunden haben, sich im Internet mal ein paar Fotos anzuschauen. Sonst sähen sie sofort, dass nicht die Dekadenz das tragende Element von Burning Man ist, sondern der künstlerische Ausdruck. Aufwendige und originelle Kostümierung – wozu es auch zählt, überhaupt nichts anzuhaben – gehört zum guten Ton, und wer es wagt, in schlichter Sommerkleidung herumzuspazieren oder sein Fahrrad nicht zu schmücken, wird heiter angepöbelt. Vor allem aber ist Burning Man eine gigantische Freiluftausstellung mit zahllosen Performances, Yoga-Workshops, Meditationsgruppen, Theaterdarbietungen und Kunstin-stallationen – rollenden wie feststehenden – auf höchstem Niveau. Und gerade in diesem Punkt, dem Niveau, ist der Vergleich zwischen Burning Man und Street Parade absolut unfair, und zwar für letztere. Während die grösste Schweizer Technoparty für Zehntausende als Anlass wahrgenommen wird, sich komplett volllaufen zu lassen und sich schlecht zu benehmen, ist es praktisch unmöglich, an den acht Burning-Man-Tagen jemanden anzutreffen, der nicht mehr ansprechbar oder auf Ärger aus ist.

Ein weiterer grosser, in der Sache aber ähnlicher Unterschied besteht im Umgang mit Abfall – und abermals mit dem Thema Rücksicht – im Sinne von: Wie lasse ich die Welt zurück? Während an der Street Parade sehr viele Menschen in sehr kurzer Zeit noch hemmungsloser das tun, was sie auch sonst tun, nämlich ihren Abfall überall zu Boden werfen und damit über Nacht einen gigantischen Müllberg erzeugen, herrscht am Burning Man die «Leave no trace»-Politik. Die Wüstenstadt wird am Ende komplett abgebaut, kein Stück Abfall wird zurückgelassen, und während der Dauer des Festivals achtet jeder Teilnehmer peinlich genau darauf, jedes Papierchen so lange mitzuführen, bis er es ordentlich entsorgen kann. Abfall gilt hier als «moop», als «matter out of place», und wer unbemerkt etwas verliert, hört sofort von irgendwoher: «Hey, buddy, you’re mooping!» Während der Hinweis von einem Fremden, Müll verloren zu haben, in Zürich als neurotische Anmassung verstanden und recht schnippisch darauf reagiert würde, gilt er am Burning Man als Zeichen von sozialer Achtsamkeit und wird freundlich verdankt.

Überhaupt legen die Burner grossen Wert auf eine offene, herzliche Gemeinschaft und kümmern sich rührend umeinander. Wer sich unwohl fühlt, wird sofort von einem netten Menschen aus Los Angeles, London, Tel Aviv oder Kapstadt nach dem Grund befragt und mit einer Umarmung getröstet. Ein häufiger Grund für plötzlich aufkommende schlechte Gefühle ist «fomo», «fear of missing out». Jeder Burner wird früher oder später davon befallen: Er sieht all die ausgelassenen, glücklichen Menschen um sich her-um, die nicht nur eine gute Zeit haben, sondern offensichtlich die beste ihres Lebens, während er, der Überschaubarkeit seines Alltags und damit seiner Selbstsicherheit gänzlich entrissen, mitten in einer Wüste zwischen wildgewordenen Hippies steht und sich fragt: Und ich? Was ist mit mir? Wer bin ich?

Das sind die zentralen Burning-Man-Fragen, und es ist ebenso heiter wie hilfreich, sie mit dem Nächstbesten zu klären. Hilfreich vor allem deshalb, weil es immer gut ist, seine Gefühle in Worte zu fassen, statt sie irgendwo in sich still versteinern zu lassen. Reden tut gut, wobei nicht das arbiträre Geplauder über Beruf und Politik gemeint ist, sondern die offene Seelenrede. Unsere Kinder reden so. Am Burning Man aber reden alle wie Kinder miteinander: neugierig, herzlich, unverstellt, wahrhaftig. Das ist sehr befreiend. Überhaupt: diese Freiheit! Hier ist jeder, wie er sein will, und alle lieben ihn dafür. Männer verkleiden sich als Frauen, Frauen verkleiden sich als Feen, eine davon umarmt dich, weil ihr gerade danach ist und dir auch, und ihr legt euch auf ein Kissen, der kalte Wind fegt Salzkristalle über euch, sie landen auf Haut und Haar und Lippe, aber das ist egal, ihr seid euch eine Stunde lang schweigsam ganz nah, dann steht sie auf, winkt, verschwindet in der von LED-Lämpchen erhellten Nacht – und dir ist klar, dass du sie nie wiedersehen wirst. Und auch das ist gut so. Man war sich nah. Dann sagt man danke. Dann geht man weiter. So soll es sein. Keine Reue, kein Gebettel, keine Einsamkeit, nur Erfüllung.

Durch solche Erlebnisse geraten die Burner in eine eigentümliche, liebesdurchzogene Stimmung, die aufzeigt, wie die Probleme der Welt gelöst werden müssen: nämlich durch Verbindung. Durch Interesse am Nächsten und den Wunsch, dessen Leben zu verbessern. Durch Lächeln. Wie eine bessere Welt aussehen könnte, zeigen die Burner auch, weil es an ihrem Fest nichts zu kaufen gibt. Man beschenkt einander; mit kleinen selbstgemachten Schmuckstücken, aus der Heimat mitgebrachten Souvenirs, wobei Schweizer Offiziersmesser wahre Jubelstürme auslösen, oder man betreibt eine Bar oder ein kleines Restaurant. Niemand hat Geld dabei, denn niemand braucht welches, es sei denn, er besuche das Center Camp, um dort Kaffee, Tee oder Eis zu kaufen.

Der Beruf, den man zuhause ausübt, interessiert hier auch niemanden. Zwar fragt man einander vielleicht, woher man komme, weil das nun einmal reizvoll zu erfahren ist, aber nie fragt jemand nach dem Beruf. Hier interessiert der Mensch, wie er jetzt gerade ist. Welche Arbeit er später wieder verrichten wird, ist ungefähr so wichtig wie die Marke des Autos, mit dem er hergefahren ist. Die Gespräche kreisen vielmehr darum, was einen momentan beschäftigt und am Gegenüber gefällt oder vielleicht auch irritiert. Es ist die direktestmögliche Art, miteinander zu kommunizieren, aber auch die herausforderndste. Was auch immer einen umtreibt: in Armeslänge gibt es jemanden, der es sich anhören möchte und etwas Kluges dazu zu sagen weiss. Nirgendwo öffnen sich Menschen einander so fröhlich, leicht und herzlich wie auf der Playa, wie diese Wüste genannt wird.

Was kann ich von alledem mit nach Hause nehmen («to the extended playa»), fragt sich der Besucher, wie kann ich meine Umgebung zuhause auch auf diese Weise inspirieren und animieren? Das ist leider schwierig. Denn die Burner sind fast ausnahmslos freundliche, sensible, intelligente und offene Menschen, die hier zusammenkommen, um auf ihresgleichen zu treffen. Die Attribute, die sie ausmachen, teilen sie jedoch nicht mit ihrer angestammten Umgebung, zumindest nicht mit der gesamten. So erlebt der Heimkehrer einen wahrhaftigen Kulturschock: Er hat acht Tage in einer Umgebung verbracht, in der er sich selbst sein durfte und wollte, in der er liebevoll betrachtet wurde und andere ebenso betrachtete. Nun kehrt er zurück in eine Kultur, die genau gegensätzlich funktioniert, die Andersartige mitunter ausgrenzt und verhöhnt und sich stark auf Konsum und Geltung über ebensolchen konzentriert.

Das ist die Kehrseite unserer Lebensweise, und sie wird einem nie deutlicher als in den ersten paar Tagen nach der Heimreise. Der Burner ist kein Burner mehr, sondern wieder das, was er vorher war, mit all seinen Pflichten; in erster Linie, dabei mitzuhelfen, den Kapitalismus am Laufen zu halten. Er muss wieder zum Bankomaten. Dort muss er eine Plastikkarte hineinstecken, und es kommt ein farbiger Zettel heraus. «Was will ich mit dem Zeug?», fragt er sich. «Ich kann das nicht trinken.» Er ist geneigt, alles an Ort und Stelle liegenzulassen. Er tut es nicht. Es wäre moop.

Andererseits: Kapitalismus stellt eigentlich eine ganz ordentliche soziale Form dar. Man erbringt eine Leistung, bekommt dafür einen gewissen Betrag und kann mit diesem andere Leistungen in Anspruch nehmen. Beispielsweise ein Flugticket nach San Francisco kaufen und ein Wohnmobil mieten und dieses mit Lebensmitteln und Bierdosen füllen, um letztere in der Wüste zu verteilen. Gäbe es morgen früh keinen Kapitalismus mehr und könnte jeder nur noch das tun, wonach ihm beliebt, würden diverse bescheuerte Branchen augenblicklich das erleiden, was ihnen schon jetzt gebührt, nämlich einen schnellen, stillen Tod. Das wäre, nun ja, eine grosse Befreiung. Wer braucht beispielsweise Marketing? Allerdings wäre wahrscheinlich auch keiner mehr da, der das Flugzeug nach San Francisco mit Kerosin betankt. Auch der Hertz-Schalter am Flughafen wäre unbesetzt, ebenso die Kasse im Walmart in Reno. Es wäre alles geplündert, und es herrschte vermutlich eine bizarre Mischung aus orgienhafter Ausgelassenheit, lebensgefährlicher Wildweststimmung und generellem Müssiggang. Solchen Entwicklungen wird natürlich auch am Burning Man entgegengewirkt: Der Anlass wird weitgehend selbstverwaltet, inklusive Spital und Rangertruppe, aber behördlich genehmigt, geregelt und auch überwacht. Was wiederum öffentliche Gelder benötigt.

So gesehen stellt der Kapitalismus nicht nur die Versorgung der Gesellschaft sicher, sondern auch eine gewisse soziale Ordnung: Es ist schön, dass man am Burning Man Geschenke machen und bekommen kann, aber die Voraussetzungen dafür sind nun einmal trotzdem entweder Erbschaft oder Berufstätigkeit. Burning Man ist eine interessante, anregende und richtungweisende Gesellschaftsform, aber auch eine mehrheitlich hypothetische, da sie in Abhängigkeit der Tatsache steht, dass die meisten Burner an den übrigen 357 Tagen im Jahr normale Kleidung tragen und einer mehr oder weniger unspektakulären Arbeit nachgehen. Die hübsche Ärztin im Hasenkostüm kann hier anderen helfen – aber nur, weil sie eine teure Ausbildung absolviert hat. Den totalen Zusammenbruch des Systems wie in «The Walking Dead» will niemand. Wenn es keine Pharmaindustrie mehr gibt, keinen Strom mehr, kein Benzin mehr, fallen wir zurück ins Mittelalter. Und Self-Governance funktioniert nur mit Leuten, die darauf achten, dass die anderen tatsächlich «self-governing» sind und nicht nur herumliegen, herumstrolchen und anderen die Vorräte und die Frauen wegnehmen.

Diese Nach- und Umsicht kann man am Burning Man üben, und jeder kann das Gelernte mit nach Hause nehmen: Offen sein, an anderen interessiert sein, das Schöne in ihnen sehen, es ihnen sagen, sie umarmen, überhaupt ständig nette Sachen sagen, zu sich selbst und zu anderen; sich fragen, wer man sein möchte, und immer mehr zu diesem tollen Menschen werden, sich kleiden und verhalten wie er. Dafür braucht es kaum finanzielles, sondern bloss soziales Kapital. Das ist die wichtigste Lektion aus der Wüste: dass wir vermutlich nicht ohne Geld leben können, aber sehr wohl unabhängig davon denken, fühlen und handeln.


Thomas Meyer
arbeitete als Werbetexter sowie als Autor für Magazine. Seit 2012 ist er Schriftsteller und freut sich jeden Tag darüber. Von ihm zuletzt erschienen: «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» (2012) und «Rechnung über meine Dukaten» (2014, beide erschienen im Salis-Verlag). Meyer lebt in Zürich.