Bürgerliche Bequemlichkeit

Warum die Liberalen sich engagiert in das politische Kampfgetümmel werfen sollten.

Die Ergebnisse der nationalen Wahlen 2019 fielen für die Bürgerlichen eher mittelprächtig aus, auch in Basel-Stadt, wo im Herbst 2020 schon wieder die kantonalen Gesamterneuerungswahlen anstehen. Das könnte und müsste die Bürgerlichen eigentlich mobilisieren! Doch von «Jetzt erst recht» ist in der Stadt noch wenig zu spüren. Rund geht es höchstens in den digitalen Kommentarspalten der Lokalblätter. Dass sich die Suche nach Kandidatinnen und Kandi­daten zur Komplettierung der Wahllisten für die verschiedenen Ämter nicht einfach gestaltet, bleibt eine Tatsache.

Erklärungsmuster für das zurückhaltende bürgerliche Engagement gibt es einige: Von lukrativeren Jobs in der Privatwirtschaft ist die Rede, vom sinkenden Sozialprestige der Politik – und vor allem der Politiker. Dass sich heute nicht immer mehr bürgerliche Frauen engagieren, sondern manchmal gar weniger als auch schon, mag auch damit zusammenhängen, dass es Politikerinnen vor Managerinnen gab bzw. Frauen mittlerweile Tätigkeitsfelder jenseits der politischen Vereinsmeierei erobert haben.

Ein weiterer mehr subkutaner, aber zentraler Grund dürfte die sogenannte paradoxe Mentalität sein. (Nur leicht) klischiert: Während der «progressive» Linke morgens früh schweissgebadet aus dem Bett hochschiesst, parat, um die Welt zu revolutionieren, den Kapitalismus, das Patriarchat und die Ungleichheit zu bekämpfen, dreht sich der «konservative» Bürgerliche im Zweifelsfall nochmals um, mit der Welt, alles in allem, irgendwie (selbst)zufrieden. Dabei sollten heute die Impulse exakt die gegenteiligen sein. Die weitgediehene Versozialdemokratisierung des Westens – gemäss NZZ können gar sechs der zehn Massregeln aus dem Kommunistischen Manifest als umgesetzt gelten – sollte den Linken erlauben, auch mal entspannt durchzuatmen. Schlecht schlafen sollten vielmehr die Liberalen. Oder noch besser: sich engagiert in das politische Kampfgetümmel werfen.

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