Bürgerlich

Sämtliche nichtlinken Parteien heften sich das Etikett «bürgerlich» an. Das klingt solid, liberal und harmlos; in vielen Fällen passt das auch. Nichtlinks sind indes auch die ganz und gar nicht harmlosen Agitatoren von Pegida, die sich als («besorgte») «bürgerliche Bewegung» sehen, und die «bürgerlich-konservative» AfD, die an der Grenze wieder auf Flüchtlinge schiessen lassen will.

Der von derlei Rohheiten weit entfernte Grüne Winfried Kretschmann bezeichnet sich dessen ungeachtet ebenfalls als Ministerpräsident einer «bürgerlichen Koalition», und zahllose Sozialdemokraten sind nicht nur in ihrer Lebenswirklichkeit ohnehin längst im Bürgertum gelandet. Was also ist «bürgerlich»?

Ursprünglich galt der Begriff «bürgerlich» einer kraftvollen gesellschaftlichen Absetzbewegung. Im Zuge der Aufklärung, also seit dem 18. Jahrhundert, emanzipierte sich das städtische Bürgertum (von althochdeutsch «burga», Schutz, befestigter Wohnsitz) als wirtschaftlich aufstrebender Stand von Adel und Klerus, Feudalismus und Privilegien. Auch wenn das Bürgertum penibel Distanz zu Bauern und Arbeitern hielt, brachte das aufklärerische Projekt einer Gesellschaft vernunftbegabter freier Bürger gleiche Rechte für jedermann, Marktwirtschaft, Rechtsstaat und liberale Demokratie hervor. Klassische ökonomische Tugenden wie Fleiss und Sparsamkeit verbreiteten sich; höhere Bildung und Wohltätigkeit wurden chic; der selbstverantwortliche, aber gemeinsinnige «Citoyen» reifte heran.

Heute, da das Versprechen der Aufklärung nicht mehr auf die damaligen Klassenschranken stösst, sind das noch immer die Werte, an denen sich positive «Bürgerlichkeit» im übertragenen Sinne messen lässt. Diesen Test bestehen wohlfahrtsstaatliche Paternalisten so wenig wie Rassisten, Nationalisten und Fürsprecher eines Zweiklassenrechts. Dass auch diese den Begriff gern für sich beanspruchen, verweist indes auf die potentielle dunkle, negative, zerstörerische Seite des Bürgertums: Dort stiess schon Gustave Flauberts Emma Bovary auf drangsalierende Enge, Bigotterie und Stumpfsinn.


Karen Horn
ist Dozentin für ökonomische Ideengeschichte, freie Autorin sowie Chefredakteurin und Mitherausgeberin der Zeitschrift «Perspektiven der Wirtschaftspolitik».

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