Bücher? Weg damit!

Die Astronomie war jahrhundertelang die Königin der Wissenschaften. Warum eigentlich? Weil sie für die Menschen ihrer Zeit – ihre Nautik, ihre Kalender- und vor allem ihre astrologischen Berechnungen – so grossen Nutzen stiftete? Eher nicht. Sondern weil ihre geheimnisvollen Instrumente, ihre Observatorien beispiellos kostspielig waren. Die Investitionen in diese Prestigewissenschaft waren wahrlich «astronomisch», und entsprechend […]

Bücher? Weg damit!

Die Astronomie war jahrhundertelang die Königin der Wissenschaften. Warum eigentlich? Weil sie für die Menschen ihrer Zeit – ihre Nautik, ihre Kalender- und vor allem ihre astrologischen Berechnungen – so grossen Nutzen stiftete? Eher nicht. Sondern weil ihre geheimnisvollen Instrumente, ihre Observatorien beispiellos kostspielig waren. Die Investitionen in diese Prestigewissenschaft waren wahrlich «astronomisch», und entsprechend hoch war ihr Ansehen bei den Mächtigen dieser Welt.

Da können die «Humanitates» nicht mithalten – weder damals noch heute. Grundsätzlich genügt dem Geisteswissenschafter als Arbeitsplatz ein Tisch, ein Stuhl, Papier und Schreibzeug. Es darf auch ein Laptop sein. Und natürlich Bücher. Legendär des Philosophen Niklas Luhmanns Ankündigung seines lebenslangen Forschungsgegenstands: «Theorie der Gesellschaft. Laufzeit: 30 Jahre. Kosten: keine.»

Damit haben die Geisteswissenschaften natürlich ein Förderproblem. Keine Bauten, keine Labors, keine Instrumente, keine Heerscharen von Assistenten sind zu finanzieren. Sondern allein Zeit zum Denken, Forschen und Schreiben. Gerade einmal vier Prozent der Gesamtausgaben des Schweizerischen Nationalfonds gehen an die Geisteswissenschaften, 36 Prozent an Biologie und Medizin, aber 60 Prozent an die mathematischen, die Natur- und Ingenieurwissenschaften. Und jetzt geht es dem innersten Kern der Geisteswissenschaften an den Kragen: dem Buch. Der Nationalfonds will nur noch Publikationen unterstützen, die digital und im Internet frei zugänglich erscheinen. Es geht nicht nur um gestrichene Druckkostenzuschüsse, sondern um alle wissenschaftlichen Projekte, die auf eine Veröffentlichung in Buchform abzielen. Und letztlich um die Existenz der Verlage. Wissenschaftliche Ergebnisse, in Buchform veröffentlicht, seien nämlich oft schon überholt, sagt der Nationalfonds. Da kann man sich natürlich fragen: Warum wird es dann überhaupt publiziert?

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