Buch des Monats
María Castrejón & Susanna Martín: Annemarie. Basel: Lenos, 2022.

Buch des Monats

Schwarzenbachs Trips

 

Die Biografie der legendären Schweizer Literatin Annemarie Schwarzenbach (1908–1942) barg schon zu ihren Lebzeiten genügend Sprengkraft, um familiäre, politische und sexuelle Normen zum Bersten zu bringen. Wissenschaftliche Betätigung, selbständige Reisen in die Ferne, Drogenkonsum und der Hang zu anderen Exzessen sowie eine beständige Entrücktheit, die von der unnahbaren Erscheinung der Autorin noch verstärkt wurde, verhalfen ihr früh zu einer exzentrischen Reputation. Doch es waren vor allem ihre Arbeiten – ob nun Prosa, Reportagen oder Fotografien –, die in vielerlei Hinsicht dazu beitrugen, die Grenzen des Gewohnten einzureissen: Romane wie «Freunde um Bernhard» und «Das glückliche Tal», die Berichterstattung für die «Schweizer Illustrierte» aus dem Nahen und dem Mittleren Osten, schliesslich die Bilder, die sie auf der Route ostwärts von den Strassen machte, auf denen sie fuhr, und von den Menschen, denen sie begegnete. All das war mehr als filmreif und birgt bis heute enormen Stoff für Adaptionen.

Achtzig Jahre nach dem viel zu frühen, tragischen Tod der Schriftstellerin in Sils-Maria kann die Intensität ihres Lebens jetzt in Bildern nachvollzogen werden. Verfasst von der Philologin María Castrejón und gezeichnet von der Illustratorin Susanna Martín, liegt mit «Annemarie» die erste Graphic-Novel-Biografie der vielleicht aussergewöhnlichsten Schweizer Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts vor, die sich gegen viele Zwänge behauptete und dennoch scheiterte. Für dieses Format galt es insbesondere den Ausbruch aus der familiären wie aus der nationalen Enge festzuhalten, die ein durch und durch unkonventionelles Individuum einpferchte. Zu sehen sind das Aufbegehren der Heranwachsenden, die Entdeckung purer Leidenschaft seitens der Doktorandin der Geschichte, die auf Erika Mann und Klaus Mann trifft und dann in einen Strudel aus Selbstfindung, Verausgabung und Abhängigkeit gerät. Die Darstellung spart nichts aus, der Drogenkonsum wird jedoch nicht verkitscht und die Entfremdung vom elterlichen Hause, in dem Sympathien für Adolf Hitler keineswegs verheimlicht werden, nicht zum Sprungbrett in die Eigenständigkeit verklärt. Was hier festgehalten wird, ist nicht weniger als subjektive Explosion.

«Während ein alkoholkranker Schriftsteller verehrt, ein Suizidant intellektualisiert, ein Stalker romantisiert wird, werden Frauen immer pathologisiert», heisst es im Vorwort der Journalistin Berta Jiménez Luesma. Man muss der Generalisierung nicht zustimmen, um zu sehen, dass das Bild, das sich die Nachwelt von Schwarzenbach machte, das Leben der Schriftstellerin vor das Werk rückte, so dass am Ende vor allem die Erinnerung an den «untröstlichen Engel», wie Roger Martin du Gard sie einmal nannte, blieb. «Annemarie» rückt dieses Bild nun zurecht. Traumartig und schonungslos zugleich lädt diese Graphic Novel dazu ein, den Hunger nach Empfindung und Erkundung, nach inniger Intimität und absoluter Ferne nachzuverfolgen. Wer das eigentliche Œuvre der Autorin noch nicht kennen sollte, dürfte hiernach unweigerlich Lust bekommen, es zu entdecken. Ein vorzügliches Sommerbuch obendrein.

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