Brüchige Identitäten

Führung und Verantwortung in Zeiten des geopolitischen Umbruchs

Lange sah es aus, als seien dem Erfolg des westlichen Gesellschaftsmodells keine Grenzen gesetzt: die Kombination aus liberaler Demokratie, Marktwirtschaft, Dezentralität und stabilen rechtsstaatlichen Institutionen schickte sich an, von Europa aus die Welt zu erobern. Doch mit den europäischen Krisen und den anschliessenden Wahlerfolgen extremistischer Parteien am rechten und linken Rand in Polen, Ungarn und Italien, vielleicht schon mit der Absage der Ukraine im Hinblick auf ein EU-Assoziierungs­abkommen im Jahr 2013 wurde klar: der Attraktivität des westlichen Modells sind offenbar vor der eigenen Haustüre neue Grenzen erwachsen. Immer weniger Mitbürger scheinen sich mit aufklärerisch-liberalen Werten wie Freiheit und Verantwortung identifizieren zu können.

Gleichzeitig weitet China seinen Einflussbereich stetig aus, indem es wirtschaftliche Freiheiten geschickt mit autokratischer Machtpolitik kombiniert. Das Primat «Privat vor Staat», das jahrzehntelang als Nukleus einer Erfolgsstrategie westlicher Prägung diente, erweist sich in einer Welt, in der dieser neue Hegemon die geopolitische und wirtschaftliche Agenda bestimmt, als scheinbarer strategischer Nachteil.

Der Westen hat auf diese neuen Herausforderungen keine klare Antwort, im Gegenteil: die transatlantische Allianz ist brüchig geworden, auch innerhalb Europas ist ein neuer, geopolitischer Konsens Wunschdenken. Höher im Kurs stehen Protektionismus, Tribalismus und Sezession. Das vorliegende Dossier zum Thema Identitätspolitik und Führungsverantwortung versammelt nun prominenteste Stimmen aus Politik, Wirtschaft und Kultur zu einer hochaktuellen Debatte. Es spannt dazu den weitestmöglichen Bogen: vom Wert der individuellen Selbstbestimmung bis zur Neuformulierung der grossen politischen Allianzen.


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