«Brot, Freiheit und Würde»

Warum die lockere Geldpolitik der grossen Industrieländer die Menschen aus Nordafrika und dem Nahen Osten auf die Strasse und nach Europa treibt. Eine neue Sicht auf die Arabellion.

Was man sieht – und was man nicht sieht: Täglich sehen wir multimedial, wie hunderttausende Menschen aus Nordafrika und dem Nahen Osten nach Europa drängen. Ebenso verfolgen wir, wie Regierungen und Zentralbanken der westlichen Welt sich seit Jahren mit den schwelenden Schulden- und Finanzkrisen plagen. Beide Entwicklungen lösten in den letzten Jahren unzählige Analysen, Kommentare und Diskussionsrunden aus. Eine Verbindung zwischen beiden Krisenwellen sahen die Experten meist nicht.

Doch: die gibt es! Sogar in zwei wesentlichen Aspekten. Zum einen stösst in beiden Fällen – und das ist offensichtlich – das politische Krisenmanagement an die Grenzen des europäischen Rechts. Sowohl Schengen als auch die Verträge zur Europäischen Währungsunion sind ausser Kraft gesetzt.1 Zum anderen ist – und das soll hier sichtbar gemacht werden – die sehr lockere Geldpolitik der grossen Industrieländer ein Schlüssel zum Verständnis beider Krisen. Zu viel billiges Geld der grossen Zentralbanken muss sowohl als ein wichtiger Grund der globalen Finanz- und Schuldenkrise wie auch der Flüchtlingskrise gesehen werden.

 

Billiges Geld und spekulative Übertreibungen

Der Einfluss des billigen Geldes auf spekulative Übertreibungen auf den Finanzmärkten wird zunehmend anerkannt. Seit Mitte der 1980er Jahre waren die geldpolitischen Krisentherapien immer wieder zunächst der Nährboden für neue überschwengliche Finanzmarkteuphorien, denen dann aber einschneidende Krisen folgten.2 Die Beispiele sind zahlreich und schwerwiegend: die japanische Blasenökonomie (1985–1989), das der Asienkrise vorausgehende südostasiatische Wirtschaftswunder (1992–1997), die Dotcomblase (1999–2000), der US-Hypothekenmarktboom (2001–2007) und die Überschwenglichkeit in den heutigen europäischen Krisenländern (2003–2008). Immer sind deutliche Zinssenkungen einer grossen Zentralbank den späteren Krisen vorangegangen.

Derzeit scheint der zögerliche Ausstieg der Federal Reserve aus der sehr lockeren Geldpolitik spekulative Übertreibungen in China offenzulegen. Der Mechanismus dahinter ist einfach: Seit der Jahrtausendwende haben drastische Zinssenkungen in den USA und anderen grossen Volkswirtschaften Kapitalzuflüsse nach China begünstigt, wo mit dem billigen Geld grosse Kapazitäten im Export- und Bausektor geschaffen wurden. Da das Geld billig war und Chinas Regierung nach möglichst viel Wachstum strebte, wurden auch viele Investitionsprojekte mit geringen Renditen auf den Weg gebracht. Nun steigen die Zinsen in den USA und das Vertrauen in Chinas Wirtschaftswunder schwindet, so dass das Kapital das Land verlässt. Die in China geschaffenen Überkapazitäten werden sichtbar, unrentable Projekte müssen abgebrochen werden und die Krise nimmt ihren Lauf.

Vor dem Platzen sind Blasen, sowohl was den Ort ihrer Entstehung wie auch den Zeitpunkt ihrer Implosion angeht, schwer vorauszusehen. Geld ist flexibel. Es kann in liberalisierten Finanzmärkten innerhalb kurzer Zeit fast überall hinfliessen. Es ist deshalb ungewiss, in welchen Segmenten der internationalen Finanzmärkte sich die Liquiditätsschwemme einzelner Zentralbanken gerade in Übertreibungen niederschlägt. Wann eine Blase platzt, hängt von der wechselhaften Stimmung der Kapitalmärkte ab. In der Rückschau hingegen lässt sich meist einfach feststellen, wann, wo und wie die Gelder geflossen sind: Die Zinssenkungen der Bank von Japan in Reaktion auf das Platzen der japanischen Aktien- und Immobilienblase (1989) haben beispielsweise die Übertreibungen in den südostasiatischen Wunderstaaten befeuert (1992–1997), die jäh mit der Asienkrise (1997/98) endeten. 

Ebenso haben die Zinssenkungen der Federal Reserve Bank in Reaktion auf das Platzen der Dotcomblase (ab Januar 2001) nicht nur massgeblich den Hypothekenmarktboom in den USA befeuert. Es wurden auch die Preise auf den Weltrohstoff- und Weltlebensmittelmärkten nach oben getrieben. Denn Rohstoffmärkte und viele Segmente der börsengehandelten Lebensmittelmärkte (z.B. Weizen) haben eine stark spekulative Seite. Nur ein geringer Anteil der Transaktionen ist, insbesondere auf den Future-Märkten, auch mit tatsächlichen Lieferungen verbunden. Spekulation und «eine Flucht in Sachwerte» kann sich deshalb auch auf diesen Märkten niederschlagen. Abbildung 1 zeigt den drastischen Anstieg der Öl- und Weizenpreise seit 2001.

 

Enge Korrelation zwischen Öl- und Weizenpreisen

Die sehr lockere Geldpolitik der Federal Reserve (und anderer grosser Zentralbanken) übertrug sich seit der Jahrtausendwende…