Briefe zwischen gelehrten Brüdern des 18. Jahrhunderts …

Das «reizlose Zurzach» verliess er schleunigst, und in Germersheim musste er «auf Stroh übernachten», was ihm durchaus nicht behagte – die erste grosse der zahlreichen Reisen des späteren Staatsmannes, Historikers, Publizisten und Kosmopoliten Johannes von Müller (1752–1809) begann 1769 eher unspektakulär und (ebenso zeittypisch wie zeitalterunabhängig) begleitet von väterlichen Mahnungen, unterwegs vorsichtig und sparsam zu […]

Das «reizlose Zurzach» verliess er schleunigst, und in Germersheim musste er «auf Stroh übernachten», was ihm durchaus nicht behagte – die erste grosse der zahlreichen Reisen des späteren Staatsmannes, Historikers, Publizisten und Kosmopoliten Johannes von Müller (1752–1809) begann 1769 eher unspektakulär und (ebenso zeittypisch wie zeitalterunabhängig) begleitet von väterlichen Mahnungen, unterwegs vorsichtig und sparsam zu sein.

Mit seiner respektgebietenden Edition von weit über sechshundert Briefen aus dem engsten familiären Umfeld Müllers ermöglicht der Herausgeber André Weibel eine Vielzahl derartiger Einblicke in das Werden eines bedeutenden Schweizer Intellektuellen und damit zugleich in dessen Epoche. Die wissenschaftliche Briefausgabe ist dabei zweifellos auch für eher allgemein kulturgeschichtlich interessierte Leser hochattraktiv. Die Fülle der darin enthaltenen lebensweltlichen Details fordert zum lustvollen Schmökern geradezu heraus: was, womit und für wieviel der Göttinger Theologiestudent ass, wird in den Briefen nämlich ebenso erörtert wie die gegen «Zahnwehe» zu ergreifenden Massnahmen oder welche Vorbehalte er gegenüber der Heirat des Bruders Johann Georg (1759–1819) hegt.

Es versteht sich jedoch fast von selbst, dass zumeist Müllers weitgespannte historiographische Studien im Zentrum des Interesses stehen. Demgemäss lesen sich seine Briefe streckenweise wie ein Rechenschaftsbericht seiner geistigen Präferenzen und gelehrten Kontakte. Seine stetig wachsende, mit der Distanznahme zur Theologie einhergehende Affinität zur Universalgeschichte und zum schweizerischen Mittelalter ist so von Anbeginn präsent und als work in progress ebenso wie als beharrlich verfolgtes Lebensprojekt über lange Jahre hinweg erkennbar.

Mit dieser angemessen illustrierten und Bekanntes vervollständigenden Sammlung liegt ein weiterer gewichtiger Part der eindrucksvollen Reihe gedruckter und damit erschlossener Korrespondenzen prominenter schweizerischer Gelehrter des 18. Jahrhunderts vor. Sie ergänzt die vorhandenen Arbeiten zu den Kontakt- und Korrespondenznetzen Albrecht von Hallers (1708–1777) und insbesondere natürlich diejenigen zu Müllers Freund und Mentor Karl Viktor von Bonstetten (1745–1832) auf überaus nützliche, weil zum vergleichenden Forschen anregende Weise. Die Beschaffenheit des europäischen Geisteshorizontes, den diese Gelehrten so selbstverständlich für sich beanspruchten, aber auch die hier direkt zugehörige Brief-, Frömmigkeits-, Gefühls- und Freundschaftskultur reizt nach wie vor zur intensiven Erkundung, und dies weit über rein mentalitäts- und sozialgeschichtliche Interessenlagen hinaus. Für den Herbst 2010 ist (nun endlich) der gleichfalls dreibändige «Kommentar zum Briefwechsel» angekündigt. Man darf darauf gespannt sein!

vorgestellt von Anett Lütteken, Bern

Johannes von Müller & Johann Georg Müller: «Briefwechsel und Familienbriefe. 1766–1789». 3 Bände, hrsg. von André Weibel. Göttingen: Wallstein, 2009

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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