Brief an den Leser

Vorabveröffentlichung aus Hermann Burgers «Lokalbericht» / Schreibwettbewerb «Brief an den Autor»

Brief an den Leser
Hermann Burger (1970). Foto: privat. Quelle: Nachlass Hermann Burger, Schweizerisches Literaturarchiv Bern (SLA).

Geneigter Leser, Sie möchten sicher einmal wissen, weshalb Ihnen die Autoren immer Neigungen unterschieben. Steckt die simple Vorstellung hinter der Floskel, dass Sie sich über ein Buch neigen? Setzt schon allein die Tatsache, dass Sie sich zum mühsamen Entziffern eines Textes bequemen, an Liebe grenzende Neigung voraus? Fasst man lesend eine Neigung zu einem Buch wie zu einem jungen Mädchen? Oder möchten Sie die Autoren gar über den Umweg des Neigens zum Verneigen verführen? Ist der geneigte Leser auch der geeignete Leser? Lauter Fragen, die sich in der einen Frage bündeln lassen: Warum lesen Sie? Da wir gerade von Ihnen oft und hartnäckig gefragt werden, warum wir schreiben, möchte ich nicht minder gerade von Ihnen einmal wissen, warum Sie lesen und sich Neigungen andichten lassen, die Ihnen womöglich fremd sind. Sie wissen, dass Lesen die Augen verdirbt und eine schlechte Verdauung fördert, dass es Leseratten, Bücherwürmer, Büchernarren und Papiertiger gibt, dass man sich dumm lesen kann und lesend die Unschuld verliert, dass es einen Slogan gibt: Wer mehr liest, weiß mehr, und dass dieser Slogan Sie wie alle aalglatten Formeln kritisch stimmen müsste, dass es Kulturen gab oder noch geben wird, in denen man das Lesen systematisch verlernte beziehungsweise verlernen wird, dass man warnend von Lesefieber und Lesehungrigen spricht, dass es einen Lesetod gibt, der sich sensenschwingend durch die Bibliotheken mäht, dass ein Leseteufel freigiebig mit Papierseelen hausiert und Halbwüchsige, die mit der Taschenlampe unter der Bettdecke einem allzu verbreiteten Laster frönen, zu blutigen Unterschriften zwingt, dass auf einen sehenden zehn blinde Leser fallen, dass überhaupt, wenn man das Verhältnis Autor–Leser näher betrachtet, ein Blinder einem Tauben erklären will, weshalb er letztlich zum Verstummen neige, und dass der Taube von einem Stummen wissen will, weshalb er blind sei; das alles wissen Sie und lesen frisch drauflos, als hätte man Ihnen in der Primarschule das Alphabet nie in jener zermürbenden Langfädigkeit beigebracht, die Sie deutlich genug hätte warnen müssen, es nur im Notfall zu gebrauchen. Lesen ist eine Krankheit. Täglich werden Millionen von Lesern operiert mit dem Seziermesser der Wirklichkeit, ohne das angelesene Geschwür loszuwerden; täglich siechen Tausende in den Krankenhäusern unserer Kultur, in den Bibliotheken dahin, täglich ereignen sich grässliche Leseunfälle. Erst kürzlich las ich in der Zeitschrift für Literaturunfälle und -verbrechen von einem minderjährigen Mädchen, das beim Lesen mit einem Gedanken zusammenstieß, den es selber auch schon gedacht hatte. Sein Gedanke kam von rechts, der gleiche Gedanke des Schriftstellers kam von links, Vortrittsrechte nach Art der Schriftstellergedanken missachtend, und das Resultat: der kindliche Gedanke lag bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt auf dem sogenannten Boden der Realität. Oder: ein junger Akademiker trat beim Lesen einer Fußnote in eine Glasscherbe und verblutete auf der Stelle. Oder: einem hochverdienten Literarhistoriker fiel beim Durchkämmen des Buches eines Kollegen, das er für eine Vorlesung wider Willen ein bisschen abschreiben wollte, ein von ihm gestohlenes Zitat auf den Kopf, und seither liest er nur noch über Hölderlin. Oder: anlässlich einer Besprechung des Feuerreiters gelang es einer ganzen Klasse nicht, den entbrannten Lehrer zu löschen. Oder: auf einer Gratwanderung den Abgründen des Verschwiegenen entlang gelangte ein Liebhaber hermetischer Lyrik auf die Geröllhalde des gerade noch Sagbaren und rutschte ab in den Bereich des Vergessens. Der Helikopter der Rettungsgesellschaft für Genitivmetaphern konnte nur noch eine Wortleiche bergen. Oder: ein tüchtiger Romanleser verirrte sich, da er einmal vergessen hatte, Steine zu streuen, im Hexenwald der Epik und ging wortwörtlich als Figur in den Roman ein. Oder: ein elfjähriges Mädchen wurde von seiner Lektüre gepackt, in die Gefilde der Phantasie verschleppt und vergewaltigt. Oder: ein pensionierter Postbeamter erlitt beim Lesen neuer Mundartgedichte einen Herzschlag. Oder: ein Bankangestellter wurde nachts im Bett von der Macht des Tragischen heimgesucht, gehorchte der vorgehaltenen Pistole des Orakels, stolperte über die Peripetie und stürzte kopfvoran in den Abgrund des Grauenhaften bei Kleist. Merken Sie nun, geneigter Leser, weshalb ich Ihnen lieber das Attribut «waghalsig» als irgendwelche Neigungen andichten möchte? Lesen ist gefährlich, viel gefährlicher als Schreiben. Deshalb wird je länger desto mehr geschrieben und immer weniger gelesen. Sie allein sind die Helden der Literatur, wenn es in der Literatur noch Helden geben darf.

Aus: Hermann Burger: «Lokalbericht». Aus dem Nachlass herausgegeben von Simon Zumsteg in Zusammenarbeit mit Peter Dängeli, Magnus Wieland und Irmgard M. Wirtz. Verantwortet vom Schweizerischen Literaturarchiv Bern (SLA) und vom Cologne Center for eHumanities (CCeH). Zürich: Edition Voldemeer, 2016. S. 41–43, bzw. http://lokalbericht.ch.

 

Schreibwettbewerb: Brief an den Autor

27 Jahre nach dem Tod Hermann Burgers erscheint endlich sein Romanerstling «Lokalbericht» aus dem Nachlass im Schweizerischen Literaturarchiv Bern (SLA). Der Protagonist Günter Frischknecht sitzt im sonnigen Tessin und schreibt gleichzeitig an einer Dissertation und an einem Roman. Dabei geraten ihm die Zettelkästen durcheinander – und plötzlich steht er vor einer folgenschweren Entscheidung.

Eine zentrale Rolle in Burgers ambitioniertem Romankonstrukt, das sich um das Selbstverständnis des Schreibenden dreht, spielen «Briefe an den Leser», wie der hier vorab veröffentlichte. Protagonist Günter Frischknecht schreibt sie mit viel Verve zuhanden seiner künftigen Leserschaft. Zur Erstveröffentlichung des «Lokalberichts» schreiben das Forum Schlossplatz Aarau, das Stadtmuseum Aarau und der Literarische Monat einen Schreibwettbewerb aus, der den Spiess umdreht: Jede/r ist eingeladen, einen Brief an Hermann Burger oder dessen Alter Ego Günter Frischknecht zu schreiben. Der beste Brief wird im Literarischen Monat veröffentlicht!

Jury: Simone Lappert, Schriftstellerin; Klaus Merz, Jugend- und Autorenfreund Burgers; Michael Wiederstein, Chefredaktor des Literarischen Monats; Simon Zumsteg, Literaturwissenschaftler

Textlänge: mind. 2000 bis max. 4000 Zeichen inkl. Leerzeichen.
Eingabe: bis 30. November 2016. Per Mail an hermann.burger@literarischermonat.ch oder am Empfang des Forums Schlossplatz, wo der Brief auf der eigens hierfür eingerichteten Schreibmaschine angeschlagen werden kann. Name, Anschrift, Emailadresse und Telefonnummer auf dem Brief angeben!

Auf die drei Gewinnerinnen und Gewinner warten folgende Preise:

1. Veröffentlichung des Briefes an den Autor im Literarischen Monat.

2. Kostenlose Teilnahme an der Lokalbericht-Schreibwerkstatt unter der Leitung von Simone Lappert am 14./15. Januar 2017 in Aarau

3. Jahresabonnement des Literarischen Monats. 

Die besten Briefe werden zudem zur Finissage der Ausstellung am 22. Januar 2017 öffentlich gelesen. 

«Die Zeitschrift für unabhängige
und selbstverantwortliche Individuen!»
Werner Kieser, Unternehmer,
über den «Schweizer Monat»