Brandy-Flut und Ararat-Anomalie

Ein nüchterner Blick auf zwei armenische Wahrzeichen

Brandy-Flut und Ararat-Anomalie
Sonnenblumen vor kleinem und grossem Ararat, photographiert von Severin Kuhn.

Was haben Sepp Blatter und Charles Aznavour gemeinsam? Eine gewisse Langlebigkeit, ja, aber sonst? Ein Fass! Dicht an dicht stehen die Eichenholzgefässe der beiden Herren, ihr Pegelstand ist nicht zu erkennen, klar ist aber, dass sie Hochprozentiges bergen: Wir befinden uns im Keller der Yerevan Brandy Company und werden von einer jungen Dame durch die Geschichte der armenischen Weinbrandproduktion geführt. Die ist fast so alt wie Blatter und Aznavour zusammen, denn als die beiden von der Fabrik ein jederzeit anzapfbares Ehrenfass voll exquisitesten Brandys geschenkt bekamen, hatten die Armenier schon gut 150 Jahre Erfahrung in der Herstellung des Getränks. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts wird im Ararat-Tal Weinbrand destilliert, und seit 1887 besteht die Fabrik, die den Alkohol als erste industriell produzierte.

Rasch entwickelte sich der Brandy zur armenischen Spezialität; er zirkulierte – damals noch unter dem inzwischen den Franzosen vorbehaltenen Namen «Cognac» – durch die ganze Sowjetunion und ist in der Unabhängigkeit eines der wichtigsten Exportgüter der kleinen Südkaukasusrepublik geblieben: Nur die Ausfuhr an Kupferkonzentrat übersteigt heute jene des Brandys. Rund 20 Millionen Liter Weinbrand werden in einem guten Jahr in Armenien hergestellt und 90 Prozent davon ins Ausland verkauft; der Löwen- respektive Bärenanteil geht nach Russland.

Elf Unternehmen mischen in dem Geschäft mit, wobei die Yerevan Brandy Company, die aus der Ursprungsfabrik hervorgegangen und heute Teil der französischen Pernod-Ricard-Gruppe ist, als grösste Produzentin den Markt beherrscht. Ihrer Stellung gemäss thront sie auf dem alten Fort am Eingang der Stadt, ihr gegenüber ragt, nicht minder monumental, die Nummer zwei der Branche in die Höhe: die Yerevan Ararat Brandy-Wine-Vodka Factory, einst ebenfalls ein Splitter der Staatsfirma und heute in den Händen eines in einschlägigen Kreisen weltweit bekannten Armdruckchampions. Mit seinem Premiumbrandy «Noy» ist der starke Mann zum russischen Hoflieferanten geworden und deckt den Kreml nunmehr mit einer veritablen Sintflut ein – «Noy» bedeutet Noah und verweist auf dessen Arche, die einst in Armenien aufgelaufen sein soll. Nein, nicht der Geist seines Produkts hat dem Brandy-Herrn diese Geschichte eingegeben, sondern die Bibel selbst.

Von den Alkoholfabriken aus ist an klaren Tagen eine Erhebung zu sehen, die die Gebäude an Höhe und Wucht übertrifft und Beliebtheit wie Alter des Brandys in den Schatten stellt: der Ararat. Der meist von Dunst und Smog verschluckte Fünftausender ziert Kissen und T-Shirts, klebt auf Bier- und Brandyflaschen, ist auf dem offiziellen Staatswappen abgebildet und hat dem 600jährigen Noah als Anlegeplatz für seine monatelang durch die Flut getriebene Arche gedient, wie uns Moses ein wenig prosaisch mitteilt: «Am siebzehnten Tage des siebenten Monats liess sich der Kasten nieder auf das Gebirge Ararat.» Spätere Berichterstatter trauten sich etwas mehr Pathos zu und deuteten den «heiligen Noahberg» als «Offenbarung des Christentums mitten unter fremden und feindseligen Völkern» – so der Erstbesteiger Friedrich Parrot, der anlässlich seiner Expedition von 1829 verschiedene Stellen als mutmassliche Häfen der laut biblischer Angabe dreihundert Ellen langen und fünfzig Ellen breiten Arche identifizierte.

Zahlreiche Bergsteiger sind seither auf dem 5137 Meter hohen Ararat gewesen, eine Spur der Arche hat keiner gefunden. Doch sind 1949 Luftaufnahmen aufgetaucht, die eine seltsame Formation an der Nordwestflanke des Berges zeigen und der Arche-Interpretation neue Nahrung gegeben haben. Dieser sogenannten «Ararat-Anomalie» auf den Grund zu gehen, ist aber aus geographischen und administrativen Gründen kaum möglich: Die fragliche Stelle ist schwer zugänglich und der Ararat, obwohl eigentlich einfach zu besteigen, ein Berg voller Hürden. Seit der Grenzziehung von 1922 gehört das armenische Nationalemblem zur Türkei und ist, mitten im kurdisch-iranischen Grenzgebiet gelegen, rigiden militärischen Kontrollen unterworfen. Wer die Arche (be)suchen will, muss eine türkische Bewilligung einholen, was monatelang dauern kann und für Armenier in aller Regel aussichtslos ist. Ihnen…