Blütenlese

Viele Auswüchse des Gutgemeinten mögen auf den ersten Blick erheiternd sein. Am Schluss geht es aber um Freiheit und Diskussionskultur.

Blütenlese
Claudia Wirz, photographiert von Thomas Burla.

Eine Reise ins Reich der politischen Korrektheit ist ein bisschen wie ein Tauchgang im Roten Meer. Wohin man nur blickt, herrscht ein buntes und üppiges Treiben, eine blühende und wimmelnde Artenvielfalt – nur eben leider nicht von allerlei Fischen und Korallen, sondern von Tabus und Denkverboten. Im Unterschied zu all dem Meeresgetier ist die politische Korrektheit leider auch alles andere als bedroht. Sie steht in voller Pracht. Sie ist ausserdem ein steter Quell der Unterhaltung, denn die Verletzung ihrer ungeschriebenen Gesetze bringt immer wieder Erfrischung in den langweilig-korrekten Diskurs.

Als der bayerische Innenminister Joachim Herrmann im Jahr 2015 in der ARD-Talkshow «Hart, aber fair» bemerkte, der Schlagersänger Roberto Blanco sei «immer ein wunderbarer Neger» gewesen, war die Aufregung gewiss. Die öffentliche Entrüstung über die verbale Ungeheuerlichkeit des Jahres folgte mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre sie bestellt gewesen. Neun Monate später dann ein weiterer Höhepunkt: Ein Karlsruher Gericht entschied, dass es in diesem Fall ein Recht auf eine Retourkutsche gibt. Das bedeutet, es ist rechtens und straffrei, Innenminister Herrmann als «wunderbares Inzestprodukt» zu bezeichnen. Genau dies hatte – ebenfalls in einer Fernsehsendung – der Anwalt David Schneider-Addae getan. Der Deutschghanaer hatte sich von Herrmanns Ausspruch verletzt gefühlt und sich damit das «Recht auf Gegenschlag» erworben. Wer braucht schon Satire, wenn es solche Tatsachen gibt! Schade nur, dass der Steuerzahler dafür herhalten muss.

Roberto Blanco selbst fühlte sich übrigens von Herrmanns Äusserung überhaupt nicht beleidigt. Blanco hat sich nach eigenen Aussagen in Deutschland auch nie diskriminiert oder herabgesetzt gefühlt. Selbst dann nicht, als ihn das Satiremagazin «Titanic» 2003 aufs Cover hob und ihn mit der Schlagzeile «Warum nicht mal ein Neger?» als Bundespräsident vorschlug. «Das ist Satire», sagte Blanco, «da stehe ich drüber.»

Korrekt an 365 Tagen

Eines der Kennzeichen der politischen Korrektheit ist die Predigt von der hohen Kanzel und das Urteil aus hoher Warte. Sie zu pflegen und die Verletzung ihrer Gesetze zu geisseln und zu sühnen, ist grundsätzlich ein Privileg jener, die Diskriminierung meistens nicht aus eigener Erfahrung kennen, sondern vielmehr das Gegenteil davon. Die gutbesoldete Jusprofessorin beklagt sich lauter über ihre vermeintliche Diskriminierung als Frau, als dies das quasi rechtlose und ausgebeutete philippinische Hausmädchen in Hongkong jemals tun wird. Und noch etwas: die Wächter – und Wächterinnen – der politischen Korrektheit weisen fast immer einen beträchtlichen, mitunter fast schon zwanghaften Mangel an Humor auf. So darf heute nicht einmal mehr die Fasnacht unkorrekt sein, obschon sie doch genau zu diesem Zwecke erfunden wurde: einmal im Jahr die Welt kopfstehen lassen, den Sklaven zum Herrn machen und umgekehrt. Zwar gab es schon im Mittelalter hie und da Vermummungsverbote, vor allem nach Ausschreitungen und Schlägereien. Im grossen und ganzen aber duldete die mittelalterliche Kirche ihre Verspottung durch die Fasnacht und nutzte diese sogar als didaktisches Mittel. Denn an Aschermittwoch war mit dem gotteslästerlichen Zeugs, mit den Narrengerichten, den Kinderbischöfen und den Eselsmessen Schluss; der Teufel war besiegt.

Heute jedoch herrscht das ganze Jahr über der bittere Ernst, denn unsere Sittenwächter sehen die Sache nicht so gelassen. An den jüngsten närrischen Tagen empörte sich die SP des Kantons Zug pflichtschuldigst über rassistische und sexistische Fasnachtswagen, reichte sogar eine Interpellation ein, damit «Rassismus und Sexismus im öffentlichen Raum» mit neuen Gesetzen und Regeln endlich überwunden würden. Als gebürtige Zürcherin versteht die Schreibende vielleicht nicht viel von den tollen Tagen. Gleichwohl: es gibt wohl nichts Spiessigeres als eine politisch korrekte Fasnacht.

Wegbereiter für eine Kultur der Denunziation

Political Correctness ist eine ernste Sache. Ja mehr noch: eine der grössten Gefahren für die Redefreiheit und damit auch für die Demokratie. Die Bereitschaft zur vorauseilenden Selbstzensur vieler Politiker und Journalisten ist erschreckend. Wo politische…