Blogs, Rede & Widerrede

Zwei Reaktionen auf die Buchbesprechungen der Ausgabe 979

Reinhart R. Fischer

Leserbrief zu Claudia Keller «Gutschweizerisch in Milchkübeln» (Ausgabe 979, S. 60)

August 2010

Das von Claudia Keller besprochene Buch «Ein Jude als Exempel» ist, wie die meisten von Chessex, mit Verve geschrieben, manchmal mit einer Tendenz zum Exzessiven – legitim für einen Schriftsteller und verständlich für einen 1942 gerade eben Zeitgenosse Gewordenen. Dennoch fragt man sich, warum Chessex das Thema, nach vollen 40 Jahren der Schubladisierung, gerade dann erneut aufgegriffen hat. War es ein Herzensbedürfnis, oder waren es vielleicht die politischen Zeitumstände? Erinnern wir uns: Arbeit am Buch und Publikation fielen in die Zeit der von der welschen, linkslastigen Intelligentsia – zu der auch der streitbare Chessex gehörte – vehement bis fanatisch abgelehnten Minarettinitiative. War die Publikation als Keulenschlag gegen eine ihm zutiefst verhasste Volksmeinung gedacht? Sollte durch geschickte Fragestellung die gesamte frühere Payerner Bevölkerung in einen Topf geworfen und zusammen mit der schweizerischen pauschal verdächtigt und angeschwärzt, und – auf dem Wege eines impliziten Bogens zur Gegenwart – assoziativ zur Diskreditierung der zeitgenössischen Gegner instrumentalisiert werden?

«Wären wir in der Schweiz zu Kollaborateuren der Nazis geworden?» Diese rhetorische Frage ist, in ihrer Pauschalisierung und impliziten Antwort, eine Verunglimpfung. Natürlich hätte es auch Kollaborateure gegeben, wie überall. So what? Es gab die Scheusslichkeit von Payerne. Sicher. Aber es gab ausschliesslich Payerne. Einmal mehr wird ein passender Einzelfall zu Massengültigkeit hochgejubelt, um Missliebiges – hier die Weltkriegsgeneration und die Minarettgegner – dialektisch fertigzumachen. Die weit überwiegende Mehrheit der Schweizer war nachweisbar antinazi und deutlich weniger antisemitisch als diejenige aller andern Nichtnaziländer, einschliesslich der USA. Wenn nun auch die Rezensentin ins gleiche falschtönende Horn stösst, kann man das einer jungen Studentin allerdings nicht verdenken, deren Anschauungen ja in weitem Masse von den an den Universitäten gegenwärtig transportierten Ideologien bestimmt sind.

Christiane Matter

Leserbrief zu Anett Lütteken «Schwierige Literatur leicht gemacht» (Ausgabe 979, S. 62) August 2010

Frau Anett Lütteken wundert sich in ihrer Kritik über Mario Andreottis «Die Struktur der modernen Literatur. Neue Wege in der Textinterpretation: Erzählprosa und Lyrik», dass nicht einmal ein Jahr nach dem Erscheinen der vierten, vollständig neubearbeiteten und aktualisierten Auflage schon mehr als die Hälfte der Bücher verkauft wurde. «Können so viele Leser irren?», fragt sie sich. Zwar anerkennt auch sie die Themenvielfalt, die übersichtlichen Kapitelsynopsen, das umfangreiche Glossar und die weiterführenden Arbeitsaufträge, die für Lehrende und Studierende hilfreich sind, stösst sich aber am Gedanken, dass moderne, stark verschlüsselte Texte durch die Analyse ihrer Struktur tatsächlich etwas von ihrem Geheimnis preisgeben, dass man sie verstehen, ja sogar kategorisieren kann. Die Unterstellung der unbedarften Herangehensweise an diese Art von Texten, deren geheimnisvollen Zauber die Autorin offenbar unangetastet sehen möchte, wird dem Buchautor in keiner Weise gerecht. Die Strukturen des modernen Erzählens und Dichtens wurden in jahrzehntelangen Studien erarbeitet, in Hunderten von Kursen überprüft und verifiziert und halten jeder Prüfung stand. Der Vorwurf fehlender Innovation des Buches wird schon Lügen gestraft, wenn man das Inhaltsverzeichnis studiert. In diesem Buch wurde erstmals die literarische Subkultur, die seit Ende der 60er Jahre am Rande des offiziellen Literaturbetriebes entstanden ist, zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen gemacht (Pop- und Beatliteratur, Rap und Poetry Slam, digitale Literatur und Handy-Roman). Mario Andreotti unterscheidet tatsächlich – aber ohne Wertung – zwischen traditioneller und moderner Literatur, die sich inhaltlich und strukturell frappant voneinander unterscheiden. Er zollt im Gegenteil jedem Werk im Umfeld seiner Entstehungsgeschichte Respekt. Die Faszination an der Moderne wertet die vorangehenden Epochen nicht ab. Ich lese aus dem besprochenen Werk weder Tunnelsicht noch die neomarxistisch eingefärbte Schwarz-Weiss-Malerei der 68er Generation. Vielleicht stösst sich die Kritikerin an der Tatsache, dass auch Kunst zu einem gewissen Teil lernbar und vermittelbar ist.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»