Blockchain statt Bürokratie

Die Technologie setzt etablierte Institutionen unter Druck. Das ermächtigt die Bürger gegenüber potenziell unfähigen Autoritäten.

Blockchain statt Bürokratie
Transparent und papierschonend: Honduras und Georgien arbeiten bereits an einer Überführung des Grundbuchs auf die Blockchain. Bild: fotolia.
Vielen Menschen ist die Blockchain bekannt als die Technologie hinter Kryptowährungen wie Bitcoin. Doch das System hat noch viel mehr Potenzial – es kann bestehende Institutionen ergänzen oder gar teilweise ersetzen. Das bringt mit sich, was die Digitalisierung oft nach sich zieht: eine Verschiebung von Macht weg von zentralen und vermittelnden Instanzen hin zu sich selber organisierenden Bürgern. Doch noch gibt es offene Fragen.

Zunächst zur Geschichte und Funktionsweise der Blockchain: sie beginnt mit dem Grundlagenpapier «Bitcoin: A Peer-to-Peer Electronic Cash System». Dieses wurde im November 2008 von Satoshi Nakamoto veröffentlicht, wobei bis heute niemand weiss, wer hinter diesem Pseudonym steht. Dem Aufsatz, der die Funktionsweise von Bitcoin beschreibt, folgte schon Anfang 2009 die konkrete Umsetzung mit dem Start von Bitcoin, der ersten und bisher erfolgreichsten Blockchain. «Be your own bank» bringt die Vision der Blockchain-Pioniere auf den Punkt. Der Slogan verweist auf die Möglichkeiten der ersten Anwendung einer Blockchain, nämlich als Währung und Zahlungssystem ohne Intermediäre. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise galt der Slogan auch als Aufforderung, von diesen Möglichkeiten Gebrauch zu machen und die Macht der traditionellen Institutionen im Finanzsystem zu brechen.

Der Name Bitcoin steht sowohl für die entsprechende Blockchain beziehungsweise das entsprechende Zahlungssystem als auch für die Währung in diesem System und deren Werteinheit. Die Bitcoin-Blockchain kann mit einem Handelsbuch verglichen werden, in welchem in chronologischer Reihenfolge Betrag, Zeitpunkt sowie Absender und Empfänger jeder Transaktion ersichtlich sind. Im Gegensatz zum Handelsbuch ist die Bitcoin-Blockchain öffentlich einsehbar. Sie wird über das Internet verteilt und jedermann kann eine Kopie davon speichern. Die Bitcoin-Blockchain bildet die Eigentümerkette von Bitcoins in einer öffentlich zugänglichen Datenstruktur ab. Das Recht, einen Bitcoin-Betrag auszugeben, wird in kryptographischen Schlüsseln gespeichert, so dass Bitcoins auf jedem Computer, Smartphone oder sogar auf einem Blatt Papier gespeichert werden können. Auch Zahlungen sind mit Bitcoin direkt von Person zu Person (Peer-to-Peer) schnell und günstig sowie ohne Intermediär möglich. Insofern kommt das System ohne Geschäftsbanken aus. Deren traditionelle Rollen als sicherer Ort zur Aufbewahrung von Vermögen und als Zahlungsverkehrsinstitut sind damit obsolet.

Algorithmen statt Notenbanker

Die Blockchain kann also – und damit sind wir wieder beim Anfang – langfristig etablierte Institutionen in Frage stellen. Neben den Geschäftsbanken spielen im bestehenden Finanzsystem auch die Zentralbanken eine wichtige Rolle: Sie sollen insbesondere die Preisstabilität gewährleisten. Dabei haben sie einigen Spielraum. Dieser erfordert ein Vertrauen der Wirtschaft in die Kompetenz und Integrität der Entscheidungsträger der Geldpolitik, ihre Währung nicht durch übertrieben grosszügige Geldschöpfung abzuwerten. Bei Bitcoin und anderen Kryptowährungen wird die Geldmenge mit einem Algorithmus gesteuert, der fester Bestandteil des Gesamtsystems ist. Damit ist die Geldpolitik regelgebunden und Vertrauen ist nur in die Regeln der Mathematik und die Programmierung des Systems notwendig. Letztere ist im Fall von Bitcoin durch den offenen Quelltext vollkommen transparent.

Die Blockchain kann also sowohl traditionelle Geschäftsbanken als auch Zentralbanken ersetzen – und selber als neue Art von Institution angesehen werden. Als solche ist sie eine besonders wertvolle Alternative in Ländern, in denen die traditionellen Institutionen des Finanzsystems versagen. Stabile Währungen und der Zugang zu vertrauenswürdigen Banken sind weltweit eher eine Ausnahme als die Regel. Ein grosser Teil der Weltbevölkerung hat keinen Zugang zu einem formalen Finanzinstitut und zu einer Kreditkarte. Damit ist auch der Zugang zu einem grossen Teil der Weltwirtschaft verschlossen. Kryptowährungen, die ohne formale Institutionen auskommen, können hier Abhilfe schaffen und einen Beitrag zur «Financial Inclusion» leisten.

Die Bitcoin-Blockchain und ihre Klone – weil der Bitcoin-Quellcode öffentlich zugänglich ist, sind daraus bereits mehrere hundert eigenständige Kryptowährungen entstanden – sind allerdings nur die erste Anwendungsstufe der Blockchain (vgl. Abbildung). Ihr Potenzial ist damit aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft.