Bleibt euch treu!

Er kam von Frankfurt nach Vevey und eroberte von dort aus die Welt: Helmut Maucher ist als Deutscher zu einem der wichtigsten Wirtschaftsführer der Schweiz geworden. Heute blickt er gelassen zurück. Und sendet eine Warnung mit Blick auf die Zukunft an die beiden Länder: übertreibt es nicht!

Bleibt euch treu!

Herr Maucher, wissen Sie, was Henri Nestlé und Sie gemeinsam haben?

Lassen Sie mich überlegen. Heinrich Nestlé ist in die Schweiz gegangen und hat dort ein hervorragendes Unternehmen gegründet. Ich bin in die Schweiz geholt worden, um ein hervorragendes Unternehmen weiterzubringen. Er hat die Marke mit der Vogelmutter erfunden, die ihre Kleinen füttert. Ich habe verhindert, dass das Nest durch ein neues Logo ersetzt wurde. Beide verstanden, was Alleinstellung und Marketing bedeuten.

 

Beide Familien stammen aus Baden-Württemberg und beide landeten via Frankfurt, den deutschen Hauptsitz von Nestlé, am Genfersee.

Richtig. Und wir fühlten uns in der Romandie beide sehr wohl.

 

Nestlé hat sogar seinen Familien- und Firmennamen mit einem französischen Accent aigu angereichert…

…nicht wirklich. Er hat bis zum Schluss Heinrich Nestle geheissen und wurde erst nach seinem Tod zu Henri Nestlé – eine pragmatische Anpassung an die französische Schweiz. Why not? Nestlé ist übrigens nie Schweizer geworden.

 

Aber er blieb in der Schweiz und starb in Montreux. Sie hingegen sind nach Ihrer beruflichen Karriere nach Frankfurt zurückgekehrt. Warum?

Ich liebe die Schweiz, aber es zog mich in die Nähe meiner Kinder. Und vor allem wollte ich, dass mein Nachfolger völlig frei schwimmen kann – ohne meine Präsenz im Hintergrund. Wenn die Macht übergeben worden ist, ist sie übergeben.

 

Wenn jemand wie Sie aus freien Stücken die Schweiz verlässt, ist der Schweizer
pikiert – trotz Klagen über den hohen Anteil von Deutschen an Universitäten und Spitälern.

Die Schweizer boten mir immer wieder an, Schweizer zu werden. Ich habe einfache Grundsätze in meinem Leben: man wechselt nicht ohne Not seine Religion, seine Frau und sein Vaterland. Wenn Schweizer das hörten, haben sie gesagt: recht häsch.

 

Apropos Dialekt: wenn Schweizer sich bemühen, Hochdeutsch zu sprechen, klingt das in deutschen Ohren immer noch wie
Dialekt – also irgendwie niedlich. Umgekehrt klingt für Deutschschweizer jeder Deutsche wie Goethe.

Leute wie Franz Blankart haben immer gesagt: wir müssen das Hochdeutsche als gemeinsame Sprache hochhalten, aber daneben können wir weiterhin den Dialekt pflegen, der farbiger und ursprünglicher ist. Das Gleichgewicht zwischen internationaler deutscher Kommunikation und lokalem Dialekt zu wahren, daran könnte die Schweiz noch arbeiten.

 

Blankart hat auch pointiert auf den Schweizer Hang zum Mittelmass hingewiesen.

Er hat gesagt, dass in der Schweiz Mittelmass als Bürgernähe ausgegeben werde (lacht).

 

Sie scherzen. Mittelmass ist des Managers Feind. 

Ich empfinde die Tendenz, jedem auf den Kopf zu hauen, der über das Mittelmass hin-ausragt, als Pervertierung der sozialen Gerechtigkeit.

 

Wirtschaftlich hat die Schweiz ihren Platz als Produktionsstandort für Qualitätsprodukte gefunden, von Mittelmass ist nicht mehr die Rede. Und das nicht zuletzt dank herangezogener Expertise aus Deutschland. Trotzdem musste man sich zuerst daran gewöhnen, dass Deutsche mitunter die wichtigsten Schweizer Unternehmen führen.

Die Wirtschaftsräume sind enger zusammengerückt, Management ist ein internationales Gut. Das ist eine vernünftige Entwicklung, von der alle Beteiligten profitieren. Aber Sie haben recht: dass ein Germane das grösste Schweizer Unternehmen führt, war Anfang der 1980er Jahre ein bisschen revolutionär. Ich wurde jedoch erstklassig empfangen. Das lag einerseits an mir, andrerseits an den Schweizern. Wer in die Schweiz kommt und sich über ein feindliches Umfeld beklagt, ist selber schuld. Ich bin nicht rumgelaufen wie Graf Koks, habe kein elitäres Leben geführt. Das spürten die Leute. Als ich nach Vevey kam, habe ich all die Winzerdörfer besucht, zwischen denen Nestlé damals wie ein Moloch lag, mit den Leuten ein verre d’amitié getrunken und gesagt: wenn ihr ein Problem habt, kommt direkt zu mir. Das wurde sehr geschätzt.

 

Als Allgäuer fiel Ihnen das leicht.

Ich habe sicher ein Flair für die Mentalität der Schweizer. Wenn wir als Jugendliche…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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